Leinenpflicht für Samtpfoten auch im Berchtesgadener Land?

Zu viele wilde Katzen: "Bayern ist da wie im Mittelalter"

Freilassing - In den Niederlanden debattiert man derzeit eine mögliche Leinenpflicht für Katzen. Auch in Bayern finden sich einige Befürworter. BGLand24.de hat mit Christine von Hake vom Tierschutzverein Freilassing darüber gesprochen, wie sinnvoll eine solche Pflicht wäre.

Anfang Dezember schlug ein Vorschlag von niederländischen Tierschützern europaweit Wellen. Zwei Juristen forderten dort die Leinenpflicht, beziehungsweise ein Freigangsverbot, für Katzen. Weil die Samtpfoten zu viele wildlebende Kleintiere, wie Mäuse, Vögel und Reptilien, töten, sei der Freigang ein Verstoß gegen verschiedene EU-Richtlinien, so zum Beispiel die Vogelschutzrichtlinie, oder die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie. 


Andere Raubtiere, wie Hunde und Schlangen, dürften schließlich auch nicht alleine in der Natur umherstreifen. Doch wie realistisch ist eine solche Leinenpflicht und macht sie überhaupt Sinn?


Christine von Hake vom Tierschutzverein Freilassing sieht das im Gespräch mit BGLand24.de eher kritisch. Katzen könne man das Gehen an der Leine nicht im gleichen Ausmaß antrainieren wie Hunden. Der Vorschlag sei für sie beinahe tierschutzrelevant, grenze an Tierquälerei. Auch eine Ausgangssperre in Form eines Freigangsverbots sei unrealistisch. Man könne Katzen das Rausgehen kaum verbieten. Es gebe zwar vereinzelt Tiere, die den Freigang nicht wollen, aber generell sei es wichtig für die Tiere, dass sie in die Natur können. 

Auch die Leser von BGLand24.de sehen das Ganze eher kritisch. Bei einer Umfrage Anfang Dezember sprachen sich 81 % aller Teilnehmer gegen die Leinenpflicht aus. Nur 19 Prozent aller Stimmen fand die Einführung einer solchen Richtlinie sinnvoll.

Kastrationspflicht als Alternativlösung

Viel eher als in einer Leinenpflicht sieht von Hake die Lösung des Problems darin, bayernweit eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht einzuführen. Denn die gibt es bislang nicht. Denn das große Problem für Kleintiere seien gar nicht die Katzen, die als Haustiere leben und gefüttert werden, sondern vielmehr wilde Katzen ohne Zuhause. 

Immer mehr wildlebende Katzen, die von unkastrierten Hauskatzen abstammen, leben in der Region und töten vermehrt Kleintiere. Aber auch für die Samtpfoten selbst ist das Leben in der Wildnis nicht wünschenswert, so von Hake. Denn überall dort, wo die Miezen nicht versorgt werden, seien sie in sehr schlechtem Zustand. 

Allein dieses Jahr habe das Tierheim Freilassing in einer einzigen Gemeinde 80 wilde Katzen kastriert. Sie seien in einem jämmerlichen Zustand gewesen, unterernährt und krank. Ein dreiwöchiges Kätzchen habe man beispielsweise einschläfern müssen, weil es als Folge des Katzenschnupfens erblindet war und massive Darmverschlingungen hatte. "Das sind grausige Fälle", bedauert von Hake, "das kann es ja wohl nicht sein."

Besonders wichtig sei die Kastrationspflicht in Gebieten wie dem Haarmoos am Abtsdorfer See. Das ist nämlich ein Landschaftsschutzgebiet. Es leben aber viele wilde Katzen in den Schuppen, die dort überall stehen, 2019 habe der Tierschutzverein so viele von ihnen kastriert, wie möglich. Denn die wild lebenden Katzen hatten bereits Junge bekommen, die sich dann von den Bodenbrütern ernähren, die eben gerade geschützt werden sollen. 

Wildlebende Katzen oft in schrecklichem Zustand

Die Erkrankungen seien, neben Vernachlässigung, vor allem auf Inzucht unter den Tieren, insbesondere auf Bauernhöfen, zurück zu führen. Für die Kastrationsaktion habe der Tierschutzbund Freilassing deshalb vielen Landwirten Lebendfallen zur Verfügung gestellt, um die Katzen einzufangen und zur Behandlung ins Tierheim zu bringen. Es müsse aber jedes Tier kastriert werden, sonst mache das Ganze keinen Sinn. "Ansonsten sitzen wir in zwei Jahren wieder genauso da, wie jetzt", erklärt von Hake. 

Die Lösung der Überpopulation liege für sie eindeutig bei der Politik: "In anderen Bundesländern gibt es schon eine solche Kastrationspflicht, aber in Bayern ist es diesbezüglich wie im Mittelalter." Den Grund für die Verzögerung kann sie nur erahnen: "Die Bauern haben hier eine richtige Lobby", so von Hake. 

Es sei ein langer, schwieriger Weg zur Kastrationspflicht, doch sie bleibe optimistisch, dass es der richtige Pfad sei.

jv

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