Freilassinger Schutzverband gegen Fluglärm fühlt sich nicht ernst genommen

"Was wollen Sie sich noch von den Österreichern gefallen lassen?"

10 Blumen und ein edler Tropfen für die Vorsitzende Bettina Oestreich – überreicht von Robert Judl.
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10 Blumen und ein edler Tropfen für die Vorsitzende Bettina Oestreich – überreicht von Robert Judl.

Freilassing - Bei der Jahreshauptversammlung des Schutzverbandes Freilassing hat die Vorsitzende Bettina Oestreich die gegenwärtige Situation um den Flughafen Salzburg präsentiert und von ihrem Brief an den Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer berichtet.

„Was wollen Sie sich von den Österreichern noch alles gefallen lassen?“, mit dieser finalen Frage endet der Brief, den Bettina Oestreich, Vorsitzende des Fluglärm-Schutzverbandes Rupertiwinkel, vergangenen August an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer geschrieben hat. 


Antwort: Bisher Fehlanzeige. Damit ist auch das Dilemma beschrieben, das der Schutzverband bei seiner Jahreshauptversammlung bitter beklagte: „Wir fühlen uns von der Politik im Stich gelassen!“ Hintergrund: Zwischenstaatliche Vereinbarungen mit Österreich können nur auf höchster Regierungsebene getroffen werden.

Interessen sind jenseits der Landesgrenze sehr unterschiedlich

Obwohl sich der Schutzverband seit Jahrzehnten mit großem ehrenamtlichem Engagement und viel Herzblut für mehr Schutz der Bevölkerung vor den Belastungen und Gefahren des Flugverkehrs einsetzt, stoßen die Bemühungen immer wieder an Grenzen. Oder sollte man besser sagen „an die Grenze“, denn das wurde bei der Versammlung auch sehr deutlich, dieInteressenlage hüben und drüben scheint nicht besonders kompatibel zu sein. 


Uwe Paschke präsentierte Aufzeichnung der fünf Messstationen

Robert Judl, 2.Vorsitzender des Schutzverbandes konnte im Freilassinger Rathaussaal unter den zahlreichen Besuchern auch Landrats-Stellvertreterin Elisabeth Hagenauer, Saaldorf-Surheims Bürgermeister Bernhard Kern und Gottfried Schacherbauer in Vertretung des verhinderten Freilassinger Bürgermeisters begrüßen. Uwe Paschke, der die Internetseiten des Schutzverbandes betreut, erläuterte anhand von Folien die umfangreiche Dokumentation, die man unter www.fluglaermschutz.de abrufen kann. Besonders interessant die Aufzeichnungen, welche die fünf über Freilassing verteilten Messstationen liefern. 

Flugbewegungen von 2013 bis 2019

Februar und März 2019 hatte man die höchste Anzahl an Flugbewegungen 

Hier lassen sich sowohl die einzelnen Flugbewegungen (Flugspuren), als auch Lärm- und Feinstaubemissionen im Detail nachvollziehen. Weiteres kann man sich auf der Website über die vielfältigen Aktionen des Schutzverbandes, rechtliche Fragen und Pressemitteilungen informieren. 

Vorsitzende Bettina Oestreich-Grau stellte in ihrem Bericht zunächst anhand der Flugpläne einen Vergleich der Flugbewegungen von 2013 bis Oktober 2019 an. „Im Februar und März 2019 hatten wir die höchste Anzahl von Flugbewegungen während der letzten Jahre“, rekapitulierte sie. In Zahlen bedeutet dies eine Steigerung von neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr, was einem Zuwachs von je 190 Flügen während dieser beiden Monate bedeutet. 

Zahl an Schulungsflügen im Bereich Piding nimmt zu

In den ersten drei Quartalen 2019 ist im Vorjahresvergleich ein Rückgang der Passagiere um 7,1 Prozent (- 105 000) und der Flugbewegungen um sieben Prozent (- 3 325) zu verzeichnen. Laut Oestreich sei dies vor allem mit der Pistensanierung und der damit verbundenen Einstellung des Flugbetriebs zu erklären. „Bis zum Jahresende werden wir trotzdem wieder den Schnitt vom letzten Jahr erreichen“, stellte sie nüchtern fest. Ein zusätzliches Problem ergäbe sich aus der zunehmenden Zahl von Schulungsflügen, die vorwiegend über dem Bereich Piding abgewickelt werden und während der letzten beiden Jahre Zuwachsraten von jeweils über fünf Prozent gehabt hätten. 

93 Prozent der Landeanflüge finden über Freilassing statt

Annähernd 13.000 solcher Schulungsflüge seien im laufenden Jahr zu verzeichnen. „Was ich überhaupt nicht verstehe ist die Tatsache, dass der Flughafen Salzburg 50 Prozent Rabatt für diese Flüge gewährt.“ Was die Belastung der Bevölkerung auf bayerischer Seite anbelangt, hat sich im Vorjahresvergleich keinerlei Verbesserung ergeben. So finden die Landeanflüge nach wie vor zu über 93 Prozent vom Norden her statt, also über Freilassing. Nicht viel besser verhält es sich bei den Starts, die zu 83 Prozent über Nordwest, respektive Nordost abgewickelt werden. 

Der Süden wird aus "politischen Gründen" geschont

Da die technischen Möglichkeiten zu Starts und Landungen nach, beziehungsweise von Süden gegeben sind und auch die herrschende Windrichtung als Argument meist nicht herhalten kann, wurde im Laufe der Versammlung immer wieder die Frage laut, ob aus „politischen Gründen“ die Bevölkerung im Süden des Flugplatzes geschont werden soll. 

Einen besonders eindrucksvollen Beleg für diese Annahme hatte Bettina Oestreich parat: Am 29. Dezember 2018 wurden bei insgesamt 223 instrumentengestützten Flügen 207 über Nord und 16 über Süd abgewickelt. Dass es auch anders gehen könnte, zeigt beispielsweise der 23. März, an dem 42 Prozent der Starts und Landungen in der Südrichtung stattfanden. 

"Es waren die schönsten Wochen, die es in Freilassing gegeben hat" 

Fazit von Oestreich: „Wenn sie wollen, dann geht es.“ Ob es geht, wird gleich das 1. Quartal 2020 beweisen, für das 6 188 Flugbewegungen vorhergesagt sind. Damit wird eine ähnliche Größenordnunge erreicht, wie in den vorhergehenden Jahren. „Es waren die schönsten Wochen, die es in Freilassing gegeben hat“, blickte Bettina Oestreich zurück und meinte damit die Zeit der Pistensanierung vom vergangenen Frühjahr. Bei einer durchschnittlichen Lärmbelastung von rund 50 Dezibel hätten sich die sonst so lärmgeplagten Anwohner wie im Urlaub fühlen können.

Auch Absturzgefahr für Freilassing ist vorhanden

Dass es dem Verband nicht nur um den Schutz vor Lärm- und Staubbelastung geht, sondern dass er zurecht auch in dieser Versammlung auf die Unfallgefahr hinwies, die von dem exponiert gelegen Stadtflughafen ausgeht, beweist ein erst kürzlich bekannt gewordener Beinahe-Absturz aus dem Jahr 2017. 

Ausführlich ging Bettina Oestreich auf den eingangs erwähnten Brief an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer ein. In dem beinahe satirisch anmutenden Text beschreibt sie das konsequente Verhalten österreichischer Politiker, wenn es um den Schutz der eigenen Bevölkerung geht.

Freilassinger fühlen sich von er Politik nicht im selben Maße ernst genommen

Als Beispiele führt sie die Straßensperren und Fahrverbote vom vergangenen Sommer auf. Oestreich dreht das Ganze um und legt deutschen Politikern Worte der Nachbarn in den Mund: „Die Bayern werden keinen Millimeter nachgeben“, „Schon zum vierten Mal in dieser Woche ließ Bayern nur eine bestimmte Anzahl an Flugzeugen über bayerisches Hoheitsgebiet fliegen“ oder „Österreich müsse gewährleisten, dass die alternativen Routen geflogen werden“. Oestreich stellt in dem Brief klar, dass dies nichts mit Ressentiments gegenüber „denen jenseits der Grenze“ zu tun hat. „(…)

"Das Geben und Nehmen auf beiden Seiten ist nicht mehr im Gleichgewicht." 

Die österreichische Bevölkerung findet in der Politik einen starken Rückhalt. Wir auf der bayerischen Seite fühlen uns dagegen im Stich gelassen (…)“. Auf die Bitte um einen persönlichen Gesprächstermin in Passau oder Berlin habe es bisher keine Reaktion gegeben, so Bettina Oestreich in dem Schreiben abschließend. In Vertretung des Kommissionsvorsitzenden Bürgermeister Flatscher berichtete Bürgermeister Bernhard Kern über die Ergebnisse der Fluglärm-Kommissionssitzung vom 31. Oktober 2019. Bettina Oestreich ließ die vielfältigen Aktivitäten und Aktionen des vergangenen Jahres Revue passieren und gab einen Ausblick auf geplante Vorhaben, wobei sie das Zustandekommen einer Durchführungsverordnung als „vorrangiges Ziel“ bezeichnete. Über Anträge und die Aussprache berichten wir gesondert. 

Norbert Höhn

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