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Sonnenblumen oder Beton?

Grüne wettern gegen Flächenverbrauch in Freilassing, aber stimmen gleichzeitig für jede Verbauung

Sonnenblumen, Felder, Wiesen oder Beton und Asphalt? Der viel kritisierte Flächenfraß geht auch in Freilassing weiter, hier im Süden Freilassings soll zum Beispiel die Bundespolizei ein neues Zuhause finden.
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Sonnenblumen, Felder, Wiesen oder Beton und Asphalt? Der viel kritisierte Flächenfraß geht auch in Freilassing weiter, hier im Süden Freilassings soll zum Beispiel die Bundespolizei ein neues Zuhause finden.
  • Michael Hudelist
    VonMichael Hudelist
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Die Einwohnerzahlen in Freilassing steigen stetig, die Stadt muss und will entsprechenden Wohnraum zur Verfügung stellen, laut einer Sozialraumanalyse braucht Freilassing in den nächsten fünf Jahren 250 neue Wohnungen, pro Jahr. „Das werden Private alleine nicht schaffen“ ist sich Freilassings Bürgermeister sicher, die Stadt will nun auch selbst bauen, zum Beispiel in der Schlesierstraße. Doch mehr Wohnbauten, dazu Neubauten für die Bundespolizei, Post und neue Gewerbeflächen in Eham bedeuten auch dass Felder und Wiesen Beton und Asphalt weichen, auch Freilassing mit einer vergleichsweise kleinen Fläche zunehmend versiegelt wird. Wer tritt dagegen auf, wer kämpft für Grün in der Stadt? Die Grünen? In der Theorie ja, warum sie in der Praxis doch für jeden Bau und damit für jeden Flächenverbrauch ihre Hand heben hat BGLand24.de recherchiert.

Freilassing – Die jüngsten Unwetterkatastrophen in Deutschland haben den Klimaschutz plötzlich zum Wahlkampfthema gemacht, dabei wird auch die zunehmende Versiegelung von Flächen kritisiert, also dass immer mehr Wiesen und Felder geopfert werden für neue Gewerbeflächen, Wohnbauten oder Straßen. Bürger, die das nicht wollen, fühlen sich von den Grünen vermeintlich gut vertreten, wollten sie doch 2017 in Bayern sogar ein Volksbegehren gegen die Flächenversiegelung auf den Weg bringen. Auch im aktuellen Wahlprogramm wird lauthals gefordert: „Flächenfraß stoppen“. Doch in den Niederungen der Kommunalpolitik sieht das anders aus, auch in Freilassing wollen die Grünen zwar Felder, Wiesen und Bäume im Prinzip schützen, doch werden für Wohn- oder Gewerbebauten Flächen gebraucht, stimmen sie immer zu.

Warum der Flächenfraß in der Realität scheinbar auch von grünen Stadträten nicht gestoppt werden kann hat BGLand24.de Edeltraud Rilling gefragt, sie ist Fraktionsvorsitzende der Grünen (drei Stadträte) und der Bürgerliste (zwei Stadträte) im Freilassinger Stadtrat.

Rilling hat sich zum Beispiel lange Zeit gegen ein neues Gewerbegebiet in Eham ausgesprochen, am Ende war sie doch dafür, dass die Stadt die mehrere Hektar große Fläche kauft und einheimischen Gewerbetreibenden zur Verfügung stellt. Widerspricht das ständige Wachstum nicht grünen Prinzipien? Fühlen sich Grün- Wähler nicht verraten? „Das mag im Einzelfall stimmen“, räumt Rilling ein, „aber wir werden leider oft auf Naturschutz, Bäume und Grün reduziert“. Soll heißen, natürlich könnten die Grünen weiterhin gegen geplante „und notwendige“ Neubauten stimmen, „aber wir wollen dann doch lieber mitbestimmen und grüne Vorschläge einbringen“. Fundamental-Opposition ist also nicht das Ziel der Grünen in Freilassing.

Edeltraud Rilling: „Jeder umgesägte Baum schmerzt“

Dass bei Neubauten auch der eine oder andere Baum umgeschnitten wird „schmerzt, aber ehrlich, wir sind die Fraktion, die sich mit solchen Entscheidungen mit Sicherheit am schwersten tut“. Auch wenn grüne Wähler dieses Stimmverhalten zum Teil als „Umfallen“ kritisieren, Rilling sieht das anders. „Wenn man in einem Gremium, also im Stadtrat sitzt und man sich auch mit allen anderen Themen befasst muss man am Ende abwägen zwischen notwendigen Dingen, zum Beispiel dem Neubau von Schulen, Kindergärten, Wohnungen und bestehendem Grün“.

Rilling und andere Grüne im Stadtrat gehen ihre Arbeit sichtbar pragmatisch an: Sie könnten zwar gegen alle Bauten stimmen, die neue Flächen versiegeln, und anschließend trotzdem weiter mitreden wollen, doch das entspricht zum Beispiel nicht Rillings Demokratieverständnis. „Wenn ich mit meiner Meinung durchgefallen bin versuche ich das Beste daraus zu machen, in der Demokratie entscheidet eben die Mehrheit“. Eine Mehrheit, zu der Rilling am Ende am Beispiel Eham aber auch beigetragen hat.

Kampf für Grün ohne Grüne

Noch deutlicher war das für Außenstehende das Verhalten der Grünen bei einem Neubauprojekt am ehemaligen Gelände des Krankenhauses. Auch hier hatten sich vor allem die Anwohner, die eben keine Wohnblocks vor ihren schmucken Häuschen wollen, Unterstützung von den Grünen erwartet, doch den Kampf um ein vermeintliches Naturjuwel am Rande der Stadt fochten die Gegner weitgehend ohne die Grünen aus.

„Solange ich in keiner Verantwortung bin kann ich alles sagen und fordern“, rechtfertigt sich Rilling auch in diesem Beispiel, „aber wenn wir wollen dass unsere Stadt moderat wächst muss man eben auch leistbaren Wohnraum zur Verfügung stellen“. Neuer Wohnraum und folgend neue Einwohner, oder umgekehrt, haben dann zur Folge, dass der Bedarf an neuen Kindergärten, Schulen und Straßen wächst, also in der Regel noch mehr Fläche versiegelt wird. Ein Teufelskreis?

Muss eine Stadt wachsen?

Das ständige Wachstum fördert fast zwangsläufig die Flächenversiegelung, wenn man davon ausgeht dass das gewünschte Nachverdichten für größere Wohnbauten, Schulen und Polizeiinspektionen nicht in Frage kommt. Doch, muss eine Stadt wirklich wachsen? „Ja“, meint Rilling, „denn die Unternehmen in der Stadt wachsen, brauchen neue Fachkräfte und diese wiederum kommen nur wenn sie und ihre Familien im Umfeld auch Wohnungen und eine intakte Infrastruktur auffinden“.

Grün bewahren, so gut es eben geht, und trotzdem eine Stadt voranbringen, das ist wohl der schmale Grat, auf dem Rilling und ihre Mitstreiter in der Kommunalpolitik täglich gehen. Bei Rillings Ansicht, sich in einer Demokratie am Ende der Mehrheit zu beugen anstatt trotzig zu reagieren weiß sie sich in guter Gesellschaft. „Ein Zitat von Winston Churchill drückt wohl am besten meine Einstellung aus: ‚Demokratie ist die Notwendigkeit, sich gelegentlich den Ansichten anderer Leute zu beugen‘“.

hud

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