„Bitte kauft in Freilassing ein, auch wenn es derzeit eine Hürde ist“

Freilassinger Bürgermeister Markus Hiebl fordert auch „grenzüberschreitendes Einkaufen“

Viele Geschäfte in Freilassing sind wegen Corona geschlossen
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Umsatzeinbußen bis zu 60 Prozent beklagt der Freilassinger Handel, auch weil keine Österreicher mehr über die Grenze kommen.

Freilassing - „Uns steht das Wasser bis zum Hals“, mit diesem dramatischen Aufruf schaffte es das Wirtschaftsforum – WIFO – selbst in die Salzburger Medien. Kritik gab es naturgemäß nicht nur an den strengen Anti-Corona-Maßnahmen sondern auch an der „geschlossenen“ Grenze, doch während manche Freilassinger vor dem Start der österreichischen Einreisekontrollen die Einkaufstouristen noch für die hohe Inzidenz im Berchtesgadener Land verantwortlich machten weist der Handel darauf hin, dass Österreicher, je nach Branche, bis zu 60 Prozent des Umsatzes ausmachen würden. Freilassings Bürgermeister Markus Hiebl zeigt im BGLand24-Exklusivinterview Verständnis für den Handel und für Bürger, „sie sind müde und können sich teilweise auch nicht mehr strikt alle Regeln einhalten“.

Herr Bürgermeister, das WiFo kritisiert das “starre Festhalten am Inzidenzwert”, Sie auch? Welche Alternative gebe es?

Hiebl: Der Inzidenzwert ist nach wie vor ein Instrument, um das Infektionsgeschehen darzustellen. Sicherlich steht hinter jedem positiven Test nicht gleich eine kranke Person. Dennoch hilft der Inzidenzwert, die Entwicklung des Infektionsgeschehens abzurufen. Da ich kein Mediziner oder Epidemiologe bin, kann ich hier keine Verbesserungsvorschläge geben, aber ich persönlich würde auch die Anzahl der Infizierten in vulnerablen Gruppen und die Leistungsfähigkeit der Krankenversorgung heranziehen. Gleichzeitig muss die Entwicklung in Sachen Mutationen weiter kritisch betrachtet werden und hier ist die Anzahl der Infizierten ausschlaggebend.

Sie sind der Meinung dass auch die Testquote berücksichtigt werden sollte, warum? In Freilassing werden z.B. viele Nicht-Freilassinger getestet? Welche Aussage sollte die Testquote beinhalten, die Zahl der Infektionen bleibt am Ende ja doch gleich?

Hiebl: Mir geht es bei der Berücksichtigung der Testquote um die Vergleichbarkeit mit anderen Regionen, die aufgrund ihrer Grenzferne weniger testen und in Konsequenz weniger positive Fälle haben. Positiv getestete werden ihren Wohnorten bzw. den Landkreisen zugeordnet. Somit hilft viel Testen auch der Eindämmung der Pandemie in Regionen.

Der Handel darf mit Termin und negativem Test offen halten, anderswo sind Händler damit “zufrieden”, warum in Freilassing nicht?

Hiebl: Ob Händler anderswo mit der Testpflicht zufrieden sind, kann ich nicht beurteilen. Fakt ist: Es stellt für die Bürgerinnen und Bürger eine weitere Hürde dar, ein Geschäft zu besuchen. Wünschenswert wäre, dass die Kunden die Möglichkeiten nutzen um ihren Einkauf zu machen, auch wenn es eine Hürde darstellt. Hier zählt oft die persönliche Auffassung und Bequemlichkeit, ob ich von der Couch aus bestelle oder mich auf den Weg mit Klick & Collect mache.

Immer wieder wird als Grund für vermeintlich hohen Infektionszahlen in BGL und damit auch in Freilassing die Grenznähe genannt, dabei ist die Inzidenz in BGL schon seit Wochen weit niedriger als in Salzburg, im Übrigen seit Tagen auch weit niedriger als im Kreis Traunstein (doch schon weiter weg von der Grenze). Wie sehen Sie die Grenzlage?

Hiebl: Durch die Grenzlage wird hier mehr getestet, dadurch werden logischerweise auch mehr positive Fälle identifiziert. Dass die Zahlen trotzdem niedriger sind als bei unseren Nachbarn, sind doch hervorragende Nachrichten. Ich möchte an dieser Stelle auch unser Gesundheitsamt im Landratsamt loben, die Cluster schnell eingrenzen können und das Infektionsgeschehen immer wieder unter Kontrolle bringen können. Derzeit ist immer wieder erkennbar, dass die Ausbruchsherde oftmals von privaten Zusammenkünften ausgehen. Hier ist also jeder einzelne gefragt.

Das WiFo und damit auch Sie im Vorstand fordern die Rückkehr des “Kleinen Grenzverkehrs”: Erinnern Sie sich wie stark die Kritik in den Anfängen der Pandemie bei offenen Grenzen war, dass der österreichische Einkaufsverkehr das Virus nach Freilassing bringen würde? Ist der “kleine Grenzverkehr” wichtig wenn nicht mal genug Einheimische einkaufen wollen oder dürfen?

Hiebl: Wir sind mittlerweile seit über einem Jahr in der Pandemie, seit über vier Monaten sind die Grenzen geschlossen. Beide Seiten, also Hüben wie Drüben, mussten noch Erfahrungen mit dem Umgang der Virusbekämpfung und gewisse Strategien machen. Ein Vergleich ist hier schwer darstellbar. Heute befinden wir uns – glaube ich - mit der immer besser laufenden Impfkampagne auf der Zielgeraden der Pandemie. Es ist deshalb an der Zeit, auch wieder das gesellschaftliche und wirtschaftliche Miteinander zwischen Salzburg und Bayern zu ermöglichen.

Bei der Einreise nach Bayern gibt es seit Monaten keine Gesundheitskontrollen, in Richtung Salzburg hingegen schon. Was bringt also die Forderung, den “kleinen Grenzverkehr” zu öffnen?

Hiebl: Nur weil nicht mehr kontrolliert wird, heißt das nicht, dass die Überquerung der Grenze ohne einen triftigen Grund erlaubt ist. Hier müssen die beiden Regierungen offiziell ihr aktuelles Grenzregime beenden und unter anderem auch das grenzübergreifende Einkaufen wieder ermöglichen. Und selbst dann würde es sicherlich noch einige Zeit dauern, bis wieder Normalität einkehrt.

Durch die Corona bedingten Schließungen ist nach Angaben des WIFO auch die Arbeitslosigkeit stark gestiegen. Haben Sie Zahlen?

Hiebl: Die Arbeitslosigkeit ist immer saisonalen Schwankungen unterworfen. Damit ist es schwer eine valide Aussage über eine konkrete Erhöhung darzustellen. Fakt ist, dass wir in Freilassing eine gute und heterogene Wirtschaftslage haben, die uns hier, wie es aktuell aussieht, mit einem blauen Auge davon kommen lässt. Die Bundesregierung hat die Möglichkeit zur Kurzarbeit geschaffen, was sicherlich eine Abmilderung der Arbeitslosigkeit bedeutet. In Freilassing sind vor allem Teile der Gastronomie und des Einzelhandel betroffen, wie gesagt, auch manchmal saisonal bedingt.

In einem Interview sagten sie auch, Insolvenzen seien zu erkennen. Wo? Umsatzeinbußen wegen des Lockdowns gibt es nicht nur in Freilassing, was schlagen Sie vor: Modell Tübingen? Modell Vorarlberg? “Alles öffnen” mit oder ohne Test?

Hiebl: Die sogenannte „Bundesnotbremse“ stoppt vorerst sogar das Tübinger Modell. Wir müssen jetzt erst mal sehen, wie die Bundespolitik mit solchen Modellen umgeht. Ich würde mir wünschen, dass die Geschäfte unter einfach umsetzbaren Auflagen und den AHA Regeln öffnen könnten. Wichtig ist hier eine verständliche Regelung, die längerfristig gilt.

Seit Samstag gilt eine Bundesnotbremse, was halten Sie von den neuen, bundeseinheitlichen Richtwerten und Folgen daraus, zum Beispiel für den Handel und für die Schulen?

Hiebl: In Bayern gelten durch die Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung ohnehin strengere Regeln, als es die Bundesnotbremse vorsieht. Für uns gibt es hier also erst mal keine wesentlichen Änderungen.

Abschließend: Wie schätzen Sie die aktuelle Pandemie-Situation in Freilassing ein?

Ich hoffe, dass die Auswirkungen der fortschreitenden Impfkampagne in den nächsten Wochen deutlich werden und es weniger positive Testungen gibt. Auch wenn wir lernen müssen, dauerhaft mit dem Virus zu leben, sind die Impfungen für mich der einzige Ausweg aus der jetzigen Situation.

Nach über einem Jahr Pandemie sind die Menschen müde und können sich teilweise auch nicht mehr strikt alle Regeln einhalten. Es wird Zeit für echte Perspektiven. Mir ist wichtig, dass wir lernen wieder an die Zukunft zu denken und daran zu denken, was nach der Pandemie kommt. Auch wenn es noch die eine oder andere Regelung zur Hygiene oder Impfung geben wird, geht das Leben weiter. Wir müssen uns wieder auf das Danach vorbereiten, egal ob privat, beruflich oder politisch.

hud

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