„Das Bad ist nach dem Schwimmen unverzüglich zu verlassen“

Badylon in Freilassing öffnet wieder am 12. September - mit erheblichen Auflagen

Freilassing - Nach sechs Monaten Corona-Zwangsschließung soll das Badylon am 12. September wieder öffnen, allerdings unter strengen, von der Staatsregierung vorgegebenen Regeln.

So wird die Badezeit auf zweieinhalb Stunden begrenzt, insgesamt dürfen nur 76 Gäste in das Bad und „das Bad ist nach dem Schwimmen unverzüglich zu verlassen“, so die Eckpunkte der vom Stadtrat beschlossenen Wiedereröffnung. Dagegen stimmte unter anderem Grünen-Stadtrat Wolfgang Hartmann, der das Hallenbad in einer Art Probelauf erst einmal nur für die Schüler und die Volkshochschule öffnen wollte, dagegen war auch ein Stadtrat von ‚Pro Freilassing‘, der das Bad in dieser Zeit nur für Freilassinger öffnen wollte.


Mit einem Hallenbad kann eine Stadtverwaltung in Pandemie-Zeiten nicht gewinnen, egal ob sie das Bad geschlossen lässt, mit strengen Regeln öffnet oder ohne irgendwelche Bestimmungen öffnen würde, immer wird ihr Ärger von verschiedensten Seiten gewiss sein. Das kristallisierte sich nach ersten Online-Meldungen über die Wiedereröffnung bereits heraus. Doch der Reihe nach: Badylon-Leiter Boris Tempelin schilderte dem Stadtrat ausführlich, unter welchen Bedingungen die aktuell gültige Infektionsschutzmaßnahmen-Verordnung der Bayerischen Staatsregierung das Öffnen überhaupt zulässt. Gefordert wird ein Mindestabstand von 1,5 Meter, nur ein Besucher pro 10 m² im Schwimmerbecken, 6 m² in Planschbecken, eine Registrierung der Besucher und kein Aufenthaltsbereich.

Wie viele Gäste pro Becken?


Die 10-m²-Regel bedeutet umgelegt auf das Badylon, dass im großen Sportbecken (380 m²) maximal 38 Gäste gleichzeitig schwimmen dürfen, im kleineren Nichtschwimmerbecken (157 m²) sind es 26 Gäste, im Sprungbecken dürfen sich maximal 12 Schwimmer gleichzeitig. „Ja, ich musste mir die Augen reiben, also ich diese Vorgaben der Deutschen Gesellschaft für Badewesen gelesen habe“, gibt Tempelin unumwunden zu. Im Planschbecken sind gar nur sieben Personen erlaubt, „egal ob Erwachsene oder Kinder“, so Tempelin, das Badepersonal und die Eltern müssten hier gemeinsam auf die Gesamtzahl achten, „im Freibad haben wir da gute Erfahrungen gemacht, die Eltern passen schon auf ihre Kiddies auf“.

Nach 2,5 Stunden wird’s teuer

Dass man mit 76 Badegästen ein Hallenbad nicht wirtschaftlich betreiben kann, oder besser „nur noch unwirtschaftlicher“, war allen klar, damit aber trotzdem möglichst viele Besucher die Möglichkeit zum Schwimmen haben wechselt die Stadt vom vorigen Ganztages-Ticket auf jetzt 2,5 Stunden pro Eintritt und verlangt dafür 5 Euro für Erwachsene. „Zu teuer und 2,5 Stunden sind mit Kindern nicht machbar, die wollen länger bleiben“, kommentiert zum Beispiel eine Mutter eine Online-Vorabmeldung. Tempelin sieht das unter Corona-Vorzeichen anders, „zweieinhalb Stunden ist machbar, also rein, raus, auch mit den Kindern“. Damit die Besucher sich auch an die zweieinhalb Stunden halten fällt das Nachzahlen dann absichtlich heftig aus, fünf Euro pro 30 Minuten, „die Besucher sollen das Bad rechtzeitig verlassen, damit auch andere, wartende Besucher eine Chance haben, das soll auch so kommuniziert werden“.

„Freilassing first“

Als „Not-Best-Friends“ des Badylons outeten sich drei Stadträte mit unterschiedlichen Argumenten. So ist Robert Judl zwar ‚Pro Freilassing‘, aber nicht ‚Pro Badylon in Corona-Zeiten‘, das Defizit werde wohl sehr hoch sein bei einer maximalen Besucherzahl von gerade einmal 76 gleichzeitig. Dass ein Hallenbad in allen Zeiten ein Zuschussbetrieb ist allgemein bekannt, Tempelin meinte, er hätte im September nach dem ersten Betriebsjahr Zahlen vorlegen wollen, nach sechs Monaten Corona-Pause sei das nicht sinnvoll, aber, so viel könne er sagen, alleine die Personalkosten würden rund 870.000 Euro pro Jahr betragen, bei einem Corona-Betrieb werde man aber zusätzlich auch das Reinigungspersonal den ganzen Tag über im Hause haben müssen. Judl fragte erneut, ob ein Hallenbad unter diesen Bedingungen überhaupt Sinn mache, „sollen wir uns das Geld nicht für was anderes sparen?“  

Bürgermeister Hiebl entgegnete, dass genau diese Frage der Stadtrat eben heute entscheiden werde, erinnerte aber daran, dass ab September auch die Schulen wieder in einen Regelbetrieb übergehen sollen, „damit wird es auch wieder einen regelmäßigen Sportunterricht geben, das heißt, dass wir dann das Hallenbad wieder öffnen müssen“. Außerdem wolle Freilassing mit dem Wiederöffnen ein Zeichen setzen. Unterstützt wurde Hiebl von FWG-Stadtrat Daniel Längst, die Wiederöffnung sei zwar ein mutiger Schritt, „aber wir müssen die Kinder wieder ins Wasser bekommen, wir haben ohnehin schon zu viele Nichtschwimmer“. Seine Bitte, ob man nicht Vereine in irgendeiner Form bevorzugen könne sah Tempelin kritisch,  „da haben andere Hallenbäder schon schlechte Erfahrungen gemacht nach dem Motto ‚Warum darf die Vereinsgruppe gemeinsam schwimmen und wir als Familie nicht‘“. Vorstellbar sei, dass das Badylon schon vor den normalen Öffnungszeiten für die Vereine aufsperrt.

„Freilassing first“ lautete im Kern die Forderung von Christoph Bräuer von ‚Pro Freilassing‘, er schlug Jahreskarten für das Badylon vor „für die, die es immer nutzen, also für unsere Freilassinger Bürger“. Der  Bürgermeister der Freilassinger Bürger sah doch über den Tellerrand hinaus und merkte an, dass das Badylon ein „grenzüberschreitendes Bad“ sei mit einem Einzugsgebiet bis Oberösterreich, so habe man auch die großen Wasserflächen genehmigt bekommen.

Badylon als Infektions-Hotspot?

Gegenwind oder besser eine Welle gegen die vorgeschlagenen Öffnung kam auch von Wolfgang Hartmann, die Grünen. Er sah die Gefahr, dass sich das Badylon zu einem Infektions-Hotspot entwickeln könnte, sein Lösungsvorschlag: „Machen wir einen zweimonatigen Probelauf  für Schulen und Volkshochschule, da gibt es eine klare Befehls-Gehorsams-Beziehung“. Ein öffentliches Schwimmen könne er sich einfach nicht vorstellen, „da muss einer immer den Bösen spielen, aufmarschieren und ‚Auseinander‘ rufen“. Thomas Ehrmann (FW) mochte diese düsteren Prognosen nicht teilen, „im Freibad halten sich auch alle soweit an die Regeln, warum sollte es im Badylon nicht funktionieren“.

Überholspur für Schnellschwimmer?

Zumindest einige Lacher produzierte Grünen-Stadtrat Wilhelm Schneider in einer sonst durchaus ernst geführten Debatte mit seiner Frage, wie denn das verordnete Schwimmen mit Abstand in Bahnen mit den erlaubten 38 Schwimmern funktionieren solle. „Es gibt ja Leute die schneller, sportlicher Schwimmen als andere“, sollte es nicht eine Art Überholspur oder eine eigene Bahn für Schnellschwimmer geben? Auch hier half Tempelin und tauchte aus der Tiefe seiner Erfahrungen folgende Erkenntnis herauf: „Sportliche und Nicht-sportliche Schwimmer zu trennen funktioniert nicht, jeder nicht so sportliche Schwimmer sieht sich als Sportlich, was sollen wir ihm  dann zurufen, „Entschuldigen sie, aber Sie haben hier nichts verloren“.

Mit drei Gegenstimmen, Hartmann, Judl und Bräuer, stimmte der Stadtrat am Ende für das Öffnen des Badylons am 12. September, im Dezember soll dem Stadtrat dann ein erster Erfahrungsbericht vorgelegt werden.

hud

Rubriklistenbild: © A&P Photography Adelsberger Christian/Pristl Agner

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