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Regierung: „Soll kein Plan für die Schublade sein“ 

Entwurf für Natura 2000-Managementplan vorgestellt – Gut 60 Interessierte am Freibad Freilassing

„Planer Simon Putzhammer“
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Simon Putzhammer (mit Mikrophon) vom Planungsbüro Schober aus Freising gab einen Überblick über das FFH-Gebiet und stand den Grundstücksbesitzern Rede und Antwort. Links daneben Dr. Wolfgang Hochhardt von der Regierung von Oberbayern und weitere Behördenvertreter am Parkplatz des Freibades in Freilassing. 

Viele Grundstücksbesitzer fühlen sich nicht ausreichend informiert, einige befürchten Reglementierungen, so dass sie ihre Flächen nicht mehr wie gewohnt nutzen können. Das war der Grundtenor beim „Runden Tisch“ zum Managementplan für das FFH-Gebiet „Uferbereiche des Waginger Sees, Götzinger Achen und untere Sur“, der am Parkplatz des Freilassinger Freibads stattfand. Ihre Belange und Interessen können die Betroffenen allerdings in den nächsten Wochen noch einbringen: im Moment besteht der Plan nur im Entwurf.

Freilassing - Die Vielzahl an artenreichen, gewässer- und moortypischen Lebensräumen war maßgeblich für die Meldung als Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Gebiet, das etwa 183 Hektar umfasst und sich über die Landkreise Traunstein und Berchtesgadener Land ausdehnt.

Weil das Gebiet, das seit alters durch die bäuerliche Land- und Forstwirtschaft geprägt wurde, zu den wertvollsten Naturschätzen des bayerischen Alpenvorlandes zählt, wurde es 2004 von Bayern an „Natura 2000“ nachgemeldet. Dieses europäische Biotopverbundnetz wurde bereits 1992 initiiert, um die biologische Vielfalt zu schützen und zu erhalten. Rechtliche Grundlagen sind die Vogelschutz-Richtlinie und die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie.

Bayern bringt 745 Natura 2000-Gebiete mit einer Fläche von etwa 800 000 Hektar in das europäische Netz ein. Um den von der EU geforderten guten Erhaltungszustand sicherzustellen, hat sich Bayern entschieden, Managementpläne zu erarbeiten. Der Abschluss der Maßnahmen ist bis 2024 geplant.

Die Federführung für den jetzt öffentlich vorgestellten Plan hat die Regierung von Oberbayern als höhere Naturschutzbehörde. Beteiligt sind daneben eine Reihe weiterer Behörden wie die Forstverwaltung und die unteren Naturschutzbehörden. Seit 2018 fanden diverse Veranstaltungen, Gespräche und Ortstermine statt.

Das Gesprächsformat „Runder Tisch“ dient dazu, den von einem Planungsbüro erarbeiteten Entwurf vorzustellen. Für die Abwicklung ist Dr. Wolfgang Hochhardt von der Regierung von Oberbayern zuständig, der die Grundstückseigentümer, Landnutzer, Vertreter von Fachbehörden, Kommunen und Verbänden sehr herzlich begrüßte. „Dies soll kein Plan für die Schublade sein. Er soll lebendig sein und Anstoß geben für die Umsetzung.“

Die Grußworte der Stadt Freilassing überbrachte Umweltreferentin Stefanie Riehl, die Bürgermeister Markus Hiebl vertrat. Sie bedankte sich bei den Landnutzern, dass sie sich die Zeit genommen haben und ihre Anliegen vorbringen, um den Managementplan-Entwurf zu optimieren. Es gehe darum, die Naturschätze zu bewahren und weiterzuentwickeln.

„Wir brauchen die Hilfe aller Akteure“. Für Freilassing komme der Plan, ein ausgesprochenes Fachdokument mit knapp 200 Seiten, zur rechten Zeit, so die Stadträtin, weil sich die Stadt die Neubearbeitung des Flächennutzungs- und Landschaftsplanes vorgenommen hat.

Nach einer Vorstellungsrunde der Behördenvertreter erklärte Wolfgang Hochhardt, wie die Gebietskarten zu benutzen seien, die am Zaun des Freibadareals aufgehängt waren. Er betonte, dass die Hinweise, die zu den jeweiligen Flurstücken gemacht werden, für private Grundstückseigentümer und Nutzer freiwillig seien. Für die staatlichen Behörden seien sie jedoch verpflichtend. In dem Zusammenhang verwies Hochhardt auf die verschiedenen Förderkulissen aus den Agrarumweltprogrammen, die für Landnutzer und Bewirtschafter wirtschaftliche Anreize bieten, wenn sie Maßnahmen umsetzen und ihr Land extensiv nutzen.

Nun folgten zwei Fachvorträge. Simon Putzhammer vom Planungsbüro Schober aus Freising gab einen Überblick über das weit verstreute Gebiet und dessen vielfältige Ausstattung. Er zählte die Besonderheiten auf, die im sogenannten Offenland vorhanden sind. Dazu gehören Schneidried-Sümpfe, Kalkreiche Niedermoore, Erlen- und Eschenlaubwälder, die genutzten Streu- und Extensivwiesen am Waginger See und die schmalen Galeriewälder in den Auen an den Ufern der Götzinger Achen, der Sur und deren Nebenbächen. Aus der Tierwelt nannte er unter anderem die sehr seltene Bachmuschel in der Götzinger Achen.

Er beschrieb auch Bereiche, wo es Probleme gibt, wo jedoch etwas getan werden könne, um dauerhaft etwas für den Artenerhalt zu erreichen. Der Planer verwies beispielsweise auf die kleinen Wasserkraftwerke an der Sur, die schlecht für die Fischpopulation seien, weil die biologische Durchgängigkeit fehlt.

Christine Schmitt stellte das Thema Wald vor, das ein Drittel des Gebietes ausmacht. Sie gehört zum regionalen Kartier-Team Oberbayern vom AELF (Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten) Ebersberg-Erding. Zuerst würden die gefundenen Lebensraumtypen dokumentiert, danach werden die Schutzgüter festgestellt, wie sie erläuterte.

Die Parameter „A“ für sehr gut, „B“ für gut und „C“ für verbesserungswürdig seien von der EU festgelegt. Im Gebiet „Uferbereiche des Waginger Sees, Götzinger Achen und untere Sur“ habe sie viel „B“, also gut, gefunden. In „C“-Bereichen solle mehr Totholz liegen bleiben. Die Expertin wies noch einmal darauf hin, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen für Privatleute nicht verbindlich seien. Was allerdings auch für Privat gelte, sei das sogenannte Verschlechterungsverbot, also dass sich ein guter nicht in einen „C“-Zustand verschlechtern dürfe.

Für Schmitt sind die im Managementplan empfohlenen Maßnahmen ein „gutes Instrument, die Bewirtschaftung noch besser zu machen“. Bei Fragen zum Beispiel zu Förderungen würden die zuständigen Revierleiter zur Verfügung stehen und das AELF Traunstein mit seinen Natura 2000-Gebietsbetreuern.

Nach den Fachbeiträgen eröffnete Wolfgang Hochhardt die Diskussion. BBV-Kreisobmann Hans Steiner stellte bei der seiner Meinung nach nicht sehr großen Beteiligung in Frage, ob alle Betroffenen eingeladen worden seien. Laut Wolfgang Hochhardt seien die etwa sechzig Teilnehmer im Vergleich zu anderen Runden Tischen eine gute Beteiligung, die Adressen hätte das Liegenschaftsamt geliefert.

Steiner appellierte an die anwesenden Landwirte: „Gebt die Infos an eure Nachbarn weiter. Wenn etwas unklar ist, teilt eure Bedenken und Einwendungen schriftlich der Regierung von Oberbayern mit“.

Was passiert, wenn sich beispielsweise aufgrund von klimatischen Veränderungen etwas verschlechtert? Für den Traunsteiner Bauernobmann eine zentrale Frage. Hochhardt erklärte, dass es ein aktives und ein passives Verschlechterungsverbot gebe. „Wenn Sie nichts dafür können, wird Ihnen auch nichts angekreidet“.

Eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Punkte wurden in der Folge angesprochen wie Verkehrssicherungspflicht, Konflikte mit Wassersportlern an sensiblen Schilfzonen, die Problematik von Totholzeinbringung in Gewässer, die vorgenommenen Flächenabgrenzungen, Bedenken über künftige strengere Auflagen und viele Themen mehr brachten die Grundstücksbesitzer in die Diskussion ein, die gut anderthalb Stunden dauerte. Weitere Fragen konnten die Teilnehmer im Anschluss auch noch direkt vor den Karten ansprechen.

Am Ende des Runden Tisches wurden die Teilnehmer informiert, dass sie ihre Einwendungen bis 25. November melden können. Hinweise aus fachlicher Sicht würden übernommen. Anschließend wird der fertige Managementplan online gestellt, zuerst bei der Regierung von Oberbayern, danach beim Bayerischen Landesamt für Umwelt.

„Das Ziel ist nicht, die Menschen zu bevormunden, sondern gemeinsam pragmatische Lösungen für Natur und Mensch zu finden“, gab Wolfgang Hochhardt den Teilnehmern am Schluss der Veranstaltung mit auf den Heimweg. „Wir wollen die Schutzgüter erhalten und damit den guten Zustand des Natura 2000-Gebietes gewährleisten.

Infos zum Gebiet

Das Gebiet 8143-371 „Uferbereiche des Waginger Sees, Götzinger Achen und untere Sur“ umfasst etwa 183 Hektar und tangiert an die 400 Flurstücke von 210 Eigentümern. Es besteht aus fünf Teilflächen an den Ost- und Südufern des Waginger Sees, an dessen Abfluss, der Götzinger Achen, bis Kirchanschöring sowie an der Sur von Teisendorf bis Surheim. Für die Managementplanung ist die Regierung von Oberbayern als höhere Naturschutzbehörde federführend zuständig. Unter www.regierung.oberbayern.bayern.de/service/themen_umwelt/natura2000_mpl/index.html sind Maßnahmen, Fachgrundlagen, Ansprechpartner und Karten einsehbar. Vom Bayerischen Umweltministerium gibt es die kompakte Broschüre „Europas Naturerbe sichern, Bayerns Heimat bewahren. Fragen und Antworten.  Land- und Forstwirtschaft zur Umsetzung der FFH- und Vogelschutz-Richtlinie der Europäischen Union“.

Karin Kleinert

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