Freilassinger Busunternehmer im Interview

Home-Schooling zwingt  Schulbusse in die Garage - Wer zahlt Ausfall?

Eine höhere, finanzielle Abgeltung fordert Busunternehmer Thomas Richter, weil er seine Fahrer in Bereitschaft halten muss, auch wenn die Schulen geschlossen sind.
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Eine höhere, finanzielle Abgeltung fordert Busunternehmer Thomas Richter, weil er seine Fahrer in Bereitschaft halten muss, auch wenn die Schulen geschlossen sind.

Die Corona-Pandemie weitet sich wieder aus, vielerorts ist eine dritte Welle erkennbar, für das Berchtesgadener Land bedeuten 7-Tages-Richtwerte an Neuinfektionen weit über 100 (aktuell 151), dass ab Montag die Schulen wieder geschlossen sind, also auf Home-Schooling umgestellt wird.

Freilassing, Berchtesgadener Land - Welche Belastung das für die Kinder, für Eltern und Lehrer bedeutet wissen wir mittlerweile, weniger bekannt ist, dass dieses ständige Auf- und Zusperren auch Schulbusunternehmer hart trifft. Eigens gekaufte Busse stehen über Nacht wieder still, Fahrer müssen aber in Bereitschaft bleiben. In einem BGLand24.de Exklusiv-Interview schildert Busunternehmer Thomas Richter, mit welchen Verlusten er zu kämpfen hat und warum es in Salzburg besser läuft. 

Konkret geht es darum, dass Busleistungen, also Busse und Fahrer laut den aktuellen Verträgen bereitgehalten werden müssen, ein Busunternehmer also sein Geschäft nicht einfach zusperren und die Fahrer in Kurzarbeit schicken kann. „Oft bekommen wir erst am Samstag die Information, dass die Schulen am Montag wieder geschlossen oder offen sind oder im Notbetrieb“, so Thomas Richter, Alleineigentümer von Bus Hogger. „Die Fahrer müssen aber drei Wochen vorher ihren Dienstplan haben, die Fahrzeuge können wir auch nicht täglich an- und abmelden“, daher fordert Richter von den Bestellern, also den Gemeinden und dem Landkreis eine gerechte  Abgeltung, „also wenn man von uns verlangt, dass wir unsere Leistung bereithalten, dann wollen wir das auch bezahlt bekommen“. 

Schon vor Corona hatte Richter bei Vertragsverhandlungen versucht, einen Ausgleich in die Verträge zu verhandeln für den Fall, dass der Busverkehr wegen höherer Gewalt ausfällt, „da haben wir Busunternehmer uns aber zu schnell abbringen lassen, was war ein Fehler“, gesteht der Busunternehmer nun ein. Die Vorhaltekosten für seinen Schulbusbetrieb, also Busse, Rückzahlungen für die Investitionen und Personal betragen 86 Prozent, egal ob die Busse fahren oder nicht, die Besteller, also Kommunen und Landkreise, haben bisher aber nur 66 Prozent der nicht abgerufenen Leistungen übernommen. 

350.000 Verlust bei Schulbussen

Hogger-Berater Anton Herbst beziffert den Verlust alleine aus dem Schulbusbereich für das Corona-Jahr 2020 mit 350.000 Euro, das ist also das eine Drittel, das die öffentliche Hand nicht bezahlt hat. Herbst hält es für empörend, „dass wir zwar immer rausfahren müssen, aber keine Gewissheit haben, was abgegolten wird, wenn wir nicht fahren dürfen“. 

Dass Richter seine rund 100 Busfahrer nicht in Kurzarbeit schicken kann, hat neben der vertraglichen Pflicht zur Bereitschaft auch einen anderen Grund: „Lenker waren lange Zeit absolute Mangelware, wir haben um jeden Chauffeur gebettelt, jetzt haben wir Personal und müssten es in Kurzarbeit schicken? Davon können die Mitarbeiter nicht leben“, ist Richter überzeugt. 

Stillschweigen über Verhandlungen

Seit dem Beginn der Corona-Pandemie versuchen Richter und andere Busunternehmer ihre bestehenden Verträge zu ergänzen, um die Vorhalteleistung eben bezahlt zu bekommen, bisher ohne Erfolg. Könnte der Unternehmer die Verträge nicht einfach kündigen? Theoretisch wahrscheinlich ja, „aber ich habe um 1,4 Millionen Euro neue Busse gekauft, habe investiert, ich fühle mich verantwortlich für den Schulbusverkehr“, so Richter. Mit den Landkreisen habe es bereits Gespräche gegeben, die wiederum auch an Regelwerke und Gesetze gebunden seien. „Um überleben zu können, brauchen wir aber 86 Prozent der Vorhaltekosten statt der bisher gezahlten 66 Prozent“, möglich wäre auch, diese Corona-Zeit mit weniger Einsatztagen auszuklammern und nach dem Auslaufen der Ausschreibungszeit anzuhängen. In den Gesprächen mit den Kommunen und Kreisen entstehe oft der Eindruck, „es dauert eh nur mehr 14 Tage, das stehen wir noch durch“, aber mittlerweile sei das ein Dauerzustand geworden und ein Ende sei nicht wirklich absehbar. 

Wegen der Corona-Pandemie musste Richter auch Büros entflechten wie hier bei den Disponenten, Home-Office sei bei dieser Tätigkeit nicht möglich. 

„Österreich rettet mein Unternehmen“, Thomas Richter

Während Hoggers 40 Busse in Bayern oft am Hof im Süden Freilassings stehen, waren und sind die 26 Busse im Salzburger Land durchgehend unterwegs, denn im Unterschied zu Bayern mit dutzenden Auftraggebern, gibt es im Land Salzburg mit immerhin 119 Gemeinden nur einen Besteller, den Salzburger Verkehrsverbund, SVV. Der Verkehr ist vom ersten, harten Lockdown im Frühjahr 2020 durchgehend gefahren worden, auch der Schülerverkehr, der in den Linienverkehr integriert ist. „Auch die Stadtverkehre mit unseren Bussen zum Beispiel in Zell am See, Straßwalchen oder Seekirchen waren nie eingestellt, ich bin froh, dass wir diesen Schritt gemacht haben, sonst wäre es sehr schwierig.“ Sein Großvater sei schon in den 1960-er Jahren in Richtung Salzburg unterwegs gewesen, auch heute ist Hogger mit der Linie 24 grenzenlos unterwegs, ist also für den Stadtverkehr zwischen Salzburg und Freilassing verantwortlich, auch wenn die Busse von „Albus“ geliehen sind. 

Auch in Bayern war Thomas Richter bei Ausschreibungen für den Schulbusverkehr in der Vergangenheit sehr erfolgreich, heute transportiert er tausende Schüler in den Kreisen Berchtesgadener Land, Traunstein und Rosenheim. Seit Corona und den Schulschließungen entfällt in Bayern nicht nur der Schülertransport, sondern auch Fahrten zu Exkursionen oder zu Ausbildungsstätten. „Wir haben zahlreiche, barrierefreie Busse extra für die Schülerbeförderung gekauft, mussten Begleitpersonal und Lenker einstellen“, so Richter, und ein neuer Bus kostet immerhin rund 250.000 Euro.

Einziger Wermutstropfen: In seiner Heimatstadt Freilassing läuft es besser, denn hier sind die Schulbusse auch im Stadtverkehr unterwegs, also egal ob die Schulen geschlossen sind oder offen, das Salzburger Modell hat hier wohl erfolgreich abgefärbt. 

hud

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