"Ist es ein Brauch, wenn es fast jeder tut?"

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Sigi Götze, Organisatorin Maria Auer und Vorstand Peter Edfelder (v.l.) freuten sich sehr über den regen Besuch des Brauchtum-Abends.

Ainring - Bei der Veranstaltungsreihe zum 90-jährigen Bestehen des Trachtenvereins Edelweiß Hammerau-Ainring hat Brauchtumskenner Sigi Götze aus Marquartstein über das Brauchtum referiert.

„Brauchtum übers Jahr leben im Alltag - braucht es dazu diesen Abend?“ Sigi Götze stellte den interessierten Zuhörern provokant diese Frage in den Raum. Er meint, sich selber die Antwort auf diese Frage gebend, – Ja. Erst kürzlich habe er erlebt, dass ein Sprecher beim Passionssingen mit „Gschichtl-Erzähler“ angekündigt wurde. Die Wortwahl sei hier wohl nicht ganz in Ordnung gewesen.

Wie aber ist echter Brauch zu erkennen? „Es gibt dazu im Gegensatz zu Fußball keine festen Regeln“, so Sigi Götze. „Ist das Hupen hinter dem Brautauto ein Brauch? Es tut ja fast jeder, dann wird es auch Brauch sein“, so der Referent. Wichtig für ihn sei beim Brauch, dass man voll und ganz dahintersteht.

Lesen Sie auch:

Die richtige Frisur zur Tracht

Wie definiert sich für uns Brauchtum: Gesamtheit von vernünftigen Handlungen, damit ich menschenwürdig leben kann von der Wiege bis zur Bahre. Die Wissenschaft hat sich darauf festgelegt, dass Handlungen nach circa zwei Generationen (40 bis 50 Jahre) als Brauch anzusehen sind. Die Trägerschaft dafür sei an bestimmte Orte oder Gebiete gebunden, an eine bestimmte Zeit und eine Gemeinschaft übt den Brauch aus. Wenn eines dieser Kriterien fehle, sei es kein Brauch mehr, sondern eine Attraktion. Ein Paradebeispiel dafür das Aperschnalzen: Örtlich und zeitlich streng festgelegt und von Gruppen gemeinsam ausgeübt.

Annette Thoma definiert Brauchtum so: Handlungen, die mir keiner vorschreibt und die Gesamtheit ausübt. Brauch komme vom Wort „gebrauchen“. Brauch dürfe keinen Schaden anrichten an Mensch, Natur und Vieh! Brauch habe nichts mit Geldverdienen zu tun! Im Gegensatz dazu stehe der Missbrauch, bei dem Geld und Macht eine große Rolle spiele. „Brauchtum ist die Ruhebank auf unserem Lebensweg. Die Seele muss Ruhe finden. Ohne diese Ruhe endet das Leben in der Zerstörung des Menschen,“ so Sigi Götze. Der Referent verglich das Brauchtumsjahr mit einer Margerite. In der Mitte ein schön goldenes Rund, die christliche Substanz und an diesem Rund die weißen Blütenblätter mit den weltlichen Festen des Brauchtums. „Ohne die weißen Blätter stellt die Blüte nichts mehr dar, fehlt aber das Goldeninnere fallen die weißen Blütenblätter auseinander.“

Beim Kult des Stehlens von Maibaum, von Firstbaum oder der Braut geht es um die Verstärkung der Freude, die das Zurückbringen mit sich bringt. Mit Lärm und Poltern – wie das Schnalzen – vertreibe man Bedrohungen. Der Referent brachte dazu noch viele Beispiele, wie das Sonnwendfeuer, die Wallfahrt oder den Osterbrunnen.

In vielen Regionen Bayerns wird am Palmsonntag der Palmbuschen geweiht.

Große Wichtigkeit legte Götze in die Formeln des Grußes mit „Grüß Gott“, bei dem man sich die Hand gebe und sich anschaue. Das zeige die hohe Wertschätzung gegenüber dem zu Grüßenden. „Bei Hi und Hallo verspüre ich davon nichts“, meinte er. Er ging auf das Hut-Brauchtum bei Mann und Frau ein, den Göd und die Gohn für den Täufling und appellierte daran, den Namenstag in Ehren zu halten. Das Aufwecken des Brautpaares solle nicht in ein Ballern ausarten, so Götze. Für das Maibaumaufstellen und das unweigerlich dazugehörige Stehlen gebe es inzwischen sogar ein Regelwerk. „Der Maibaum steht in der heutigen Form mit den von Ort zu Ort unterschiedlichen Schildern seit ungefähr 1820 gleichsam als Visitenkarte des Ortes.“

Götze ging im zweiten Teil seines Vortrages auf die Vielfältigkeit des mit dem 1. Advent beginnenden Kirchenjahres ein. Das viele Brauchtum rund um Weihnachten mit dem

Adventskranz

, dem

Frauentragen

und dem

Kletzeigehen

folgt der Osterfestkreis mit dem Aschenkreuz am

Aschermittwoch

, den 40 Tagen der Fastenzeit, den Passionssingen und Passionsspielen sowie der Karwoche mit Ostern, um nur einiges zu nennen. Viel Augenmerk solle man auf das Gweichtl legen, dem zur Speisenweihe getragen Korb mit dem Osterlamm, Ostereiern, Brot, Butter und Salz und Speck für das würdevolle Osterfrühstück.

Sigi Götze hatte in seiner weiteren Aufzählung des vielfältig gelebten Brauchtums über das Jahr für alle Punkte immer wieder kurze Erklärungen parat stellte dabei z.B. die Pferdeumritte genauso vor wie das Abbrennen der Sonnwendfeuer (ein Elementarkult) oder den Almkirtag. „Alle Bräuche aber“, so Götze, „unterliegen einem gewissen Wandel, den es zu leben gilt. Denn was starr und steif ist, das stirbt!“

rf/ROHA-Fotothek

Zurück zur Übersicht: Ainring

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser