Ainringer Kommune wird "Fair-Trade-Gemeinde"

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Die ÜPW mit ihrem Fraktionssprecher Martin Strobl sorgt sich um kleinbäuerlich strukturierte Landwirtschaft und machte aufmerksam, dass Ende März dieses Jahres die Milchqoute aufgehoben wird. Ob sich die Tierhaltung noch rechnet, ist für einheimische Landwirte eine Quizfrage.

Ainring - Die kleinbäuerliche Landwirtschaft ist in Gefahr! Kleinbauern werden immer mehr von großen Konzernen verdrängt. Dem will man nun mit "Fair-Trade" entgegenwirken.

In der jüngsten Gemeinderatssitzung stand der Antrag der Gemeinde Ainring auf Anerkennung zur „Fair-Trade-Gemeinde“ zur Diskussion. Angeregt hatte dies in der Januar-Sitzung CSU-Fraktionssprecher Jörg Mader, der auch zugleich seine Bereitschaft aufzeigte, ehrenamtliche Aufgaben übernehmen zu wollen. Voll dahinter steht auch die ÜPW-Fraktion, die durch ihren Sprecher Martin Strobl noch weitere Vorschläge und Zusatzanträge einbrachte. Trotz eines Querschusses von Sepp Ramstetter, der aus anderer Sichtweise nicht nur wegen eigener landwirtschaftlichen Erfahrungen die vorgetragene ÜPW-Stellungnahme etwas süffisant zur Hälfte als „sinnlos“ verurteilte, waren Bürgermeister Hans Eschlberger und Jörg Mader angetan, dass bei der Abstimmung Einigkeit herrschte und alle letztlich an einem Strang ziehen möchten.

Der Rathauschef leitete den Tagesordnungspunkt ein mit dem Hinweis, es zeichne jede Gemeinde aus, wenn es in der örtlichen Gemeinschaft Menschen gebe, die sich im Kleinen für eine große Sache, für eine gerechtere Weltwirtschaft und Weltgemeinschaft einsetzen. Seit 27 Jahren gebe es in der Gemeinde Ainring den „Eine-Welt-Laden“ und seither würde dort durch bürgerschaftliches Engagement und ehrenamtliche Arbeit Produkte aus fairem Handel angeboten. Eine Anerkennung als „Fair-Trade-Gemeinde" wäre auch innerhalb des Landkreises Berchtesgadener Land ein deutliches Zeichen für die Wertschätzung dieser Arbeit und zugleich Motivation, diese Arbeit zu unterstützen, wo und wie immer möglich.

Für die Anerkennung müssten fünf Voraussetzungen erfüllt sein, unter anderem ein Gemeinderatsbeschluss, der dem Antrag auf Anerkennung zustimmt, sagte Hans Eschlberger. Die anderen Voraussetzungen, wie beispielsweise das Anbieten von Fair-Trade-Produkten in der Gastronomie oder im Einzelhandel, würden bereits jetzt in der Gemeinde Ainring erfüllt. Seitens des Verwaltungs- und Finanzausschusses liege ein einstimmiger Empfehlungsbeschluss vor, informierte er.

ÜPW-Sprecher Martin Strobl hatte eine Stellungnahme sowie erweiterten Antrag vorbereitet. Zunächst betonte er, auch die Fraktion der Überparteilichen Wählergruppe Ainring begrüße den Antrag auf Anerkennung als „Fair-Trade-Gemeinde“ nachdrücklich und einstimmig. „Der Fair-Trade-Gedanke ist unserer Ansicht nach sehr wichtig und sichert vor allem in Entwicklungsländern zahlreichen Bauern und deren Familien ein zumindest einigermaßen erträgliches Auskommen",  so Strobl.

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Wie er weiter ausführte, sei das ehrenamtliche Engagement der vielen Helferinnen und Helfer nicht nur in der Gemeinde Ainring herausragend und verdiene in dem jedem Fall tatkräftige und vollste Unterstützung auch durch die kommunalpolitischen Mandatsträger. Anlässlich dieses Antrages wollte Strobl aber auch den Fokus auf einen Umstand lenken, welcher der ÜPW Ainring sehr viel Sorge bereitet: Die seit 1984 bestehende Milchquote wird mit Ende März 2015 aufgehoben.

„Wir haben uns in den vergangenen Wochen und Monaten intern sehr intensiv mit dieser Thematik beschäftigt und je tiefer wir in diese Materie eingetaucht sind, desto mehr Angst haben wir um unsere kleinbäuerlich strukturierte Landwirtschaft bekommen. Mit zunehmender Befürchtung ist aber bei uns das Bewusstsein gereift, dass gerade wir als Gemeinde etwas gegen die Ausbeutung unserer Bauern tun müssen – also quasi 'Fair Trade für unsere Landwirte'", betonte Strobl. Die Gemeinde sei verpflichtet etwas zu unternehmen, denn die Interessensvertretungen der Landwirte werden mittlerweile zu einem Großteil von „Agrarkonzernen“ und Großbauern bestimmt und nehmen keinerlei Rücksicht mehr auf kleinteilige Landwirtschaft. Die Aufhebung der Milchquote sei der beste Beweis dafür.

Der ÜPW-Sprecher: „Zugegeben – das System der bisherigen Kontingentierung war nicht optimal und hätte eine Überarbeitung dringend nötig gehabt, aber die vollständige Aufhebung durch die EU ist wohl der noch schlechteste Weg. Künftig müssen unsere Landwirte nach marktwirtschaftlichen Maßstäben produzieren – immer mehr und immer billiger, um zumindest kostendeckend den Hof bewirtschaften zu können. Die Landschaftspflege wird dabei immer mehr in den Hintergrund treten – die Auswirkungen auf unsere Natur und Landschaft könnten dramatisch werden.

In einigen Jahren, so steht es zu befürchten, werden zahlreiche kleine Landwirte, welche aktuell ohnehin nur noch im Nebenerwerb wirtschaften können, komplett von der Bildfläche verschwunden sein. Andere Bauern werden sich immer mehr auf den Anbau von Energiepflanzen stützen müssen, um so zumindest das Überleben ihres Hofes zu sichern. Glücklicherweise haben unsere Bauern mit den Milchwerken Berchtesgadener Land noch einen Partner an der Hand, welcher hohe Milchpreise bezahlt und so deren Existenz zu einen großen Teil sichert. Doch auch die Milchwerke Berchtesgadener Land werden in ihrem Handeln durch den Fall der Milchquote stark beeinflusst werden.“ Die ÜPW sei der Meinung, dass es gerade für die kleinen Landwirte immer wichtiger werde, mehrere Standbeine zu haben, um den Hof zu erhalten, beschloss Martin Strobl diesen Vortragsteil.

Konkret wolle die ÜPW Ainring, Fair-Trade sollte gerade den heimischen Produzenten und hier namentlich die Bauern gelten. Die Fraktion ersuche Gemeinderat, Bürgermeister und Verwaltung auch diese Gedanken in das Fair-Trade-Konzept aufzunehmen und verstärkt Initiativen zu entwickeln, um auch den heimischen Landwirten ein faires Auskommen zu ermöglichen. So laute der Antrag, zu prüfen, ob die Gemeinde am Rathausplatz regelmäßig – beispielsweise ein Mal im Monat – einen kleinen Bauernmarkt schaffen könne, auf dem „unsere“ Landwirte, Selbstvermarkter und Nahrungsmittel-Erzeuger, wie Imker, Bäcker und andere ihre Produkte vor Ort verkaufen können. Nicht nur für die Erzeuger, sondern auch für die Bürgerschaft wäre das ein großer Gewinn, so Strobl.

Weiters beantragte die ÜPW-Fraktion die Schaffung einer „Brennholzbörse“, in welcher die Ainringer untereinander Brennholz kaufen und verkaufen können. Nachdem im gewerblichen Handel zu einem Großteil Holz aus Bulgarien bezogen und verkauft werde, sollte hier bewusst ein Gegentrend geschaffen werden, nämlich Ainringer Holz für Ainringer Bürger.

Die Verwaltung soll nun beauftragt werden, entsprechende Konzepte zu erarbeiten und diese dann zur Beratung dem Gemeinderat beziehungsweise den Ausschüssen vorzulegen. „Die ÜPW-Fraktion erklärt sich gerne dazu bereit, bei der Erstellung diese Konzepte mitzuarbeiten“, versprach Strobl und meinte abschließend: Nachhaltigkeit, kurze Wege und regionale Vermarktung müssen die Antwort auf die weltweiten Marktströme sein – Fair Trade für alle Menschen – egal ob in Ainring oder Ecuador.

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