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Die Wahrheit liegt im Ring

Kickboxer Paul Kästner aus Ainring holt WM-Bronze – Olympia ist ein großer Traum

Sieg gegen den Ukrainer Mykola Ksenzov: Paul Kästner erleichtert nach dem Kampf – denn Edelmetall war ihm damit bereits sicher.
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Sieg gegen den Ukrainer Mykola Ksenzov: Paul Kästner erleichtert nach dem Kampf – denn Edelmetall war ihm damit bereits sicher.

Er darf nicht mehr so viel nachdenken während des Kampfes. Denn obwohl Kickboxen eine enorme „Kopfsache“ ist, passiert doch ganz viel intuitiv und situationsbedingt. Paul Kästner betreibt den Sport seit 2015. Davor war er „normaler“ Boxer. Jetzt ist er einer der weltweit besten Vollkontakt-Kickboxer, jüngst bei der WM in Jesolo (Italien) holte er die Bronzemedaille. Weil er sich gerade im mentalen Bereich verbessern muss und will – „ich denke während eines Kampfes oft alles tot“ –, arbeitet er seit Kurzem zusätzlich mit einer Mentaltrainerin.

Ainring – Bundespolizist Paul Kästner, geboren in Lauf an der Pegnitz, aufgewachsen in Mecklenburg-Vorpommern, kam vor knapp vier Jahren beruflich ins Berchtesgadener Land. „Mit Franz Ditzinger fand ich einen sportlichen Partner und wertvollen Unterstützer. Der Trainer aus der Physiotherapie und dem Sportzentrum Aesculapi in Ainring ist mittlerweile ein guter Freund geworden. „Ohne ihn hätte ich nicht diesen Erfolg“, schätzt Kästner, der am vergangenen Sonntag seinen 30. Geburtstag feierte. „Unter dem Franz wurde ich fit wie nie zuvor.“

Paul Kästner kämpft unter dem Bundesfachverband für Kickboxen, der WAKO Deutschland, dem 15 Landesverbände angeschlossen sind. Die WAKO gehört dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) an und darf ganz offiziell Deutsche Meisterschaften veranstalten und das nationale Wappen verwenden.

Vor der WM mit Grippe flachgelegen

Vor seiner zweiten WM jüngst in Italien war er krank, lag mit einer Grippe flach: „Das war mental hart, aber für den Körper, der einmal komplett runterfuhr, gar nicht so schlecht.“ Insgesamt hatten sich 1400 Kämpfer und Kämpferinnen aus 80 Nationen für die WM qualifiziert. In Kästners Gewichtsklasse im Halbschwergewicht bis 81 Kilogramm tummelten sich 13 Athleten aus 13 Ländern. Durch seine guten Platzierungen bei den World Cups zuvor war er fürs Viertelfinale gesetzt. Dabei traf er auf den starken Ukrainer Mykola Ksenzov, gegen den er kurz zuvor noch verloren hatte. Diesmal besiegte er ihn nach Punkten 3:0.

Eklat im Halbfinale

Im Halbfinale gab es einen Eklat: Denn Kästner dominierte die Auseinandersetzung mit dem Slowaken Milan Kratochvila über drei Runden eindeutig. Doch sieben Sekunden vor Schluss zogen ihm die drei Kampfrichter – „keiner weiß warum“ – völlig grundlos Punkte wieder ab und er verlor das Duell 1:2. „Der letzte Kick des Slowaken auf meine Deckung war kein regulärer Punkt“, sagt Kästner. Das deutsche Team legte Protest ein und hatte einen Teilerfolg: Zwar wurde der Deutsche nachträglich zum Sieger des Duells erklärt. Da die WAKO jedoch (noch) keinen Videobeweis anerkennt und die Entscheidung der „unparteiischen“ Jury unumstößlich ist, durfte der Slowake im Finale antreten.

„Das war eine geklaute Chance für Paul“, schimpft Cheftrainer Peter Lutzny. „Das ärgert mich bis heute“, sagt der Ainringer enttäuscht, selbst wenn Bronze ebenfalls ein toller Erfolg ist. „Ich wurde um meine sichere Silbermedaille betrogen. Denn im Finale – gegen einen Kroaten – wäre ich ebenfalls sicher nicht chancenlos gewesen. Weil ich richtig gut drauf war.“ Da es wie beim Judo keine Kämpfe um Platz drei gibt, erhalten beide Halbfinale-Verlierer Bronze. Seine nächste WM-Chance hat Paul Kästner 2023 in Griechenland, davor steht 2022 eine Europameisterschaft in Antalia (Türkei) auf dem Programm – die nächsten Ziele.

Seine große Stärke ist grundlegend „einfach das Boxen“: Druck aufbauen und in den Aktionen offensiv agieren. Seine Gegner schaut er sich vorab nicht mehr an: „Das macht mich nur verrückt.“ Seine Trainer sollen das erledigen und ihm kurz vor den Kämpfen mitteilen, auf was er achten muss. „Vor allem bei starken Gegnern denke ich jetzt nicht mehr so viel. Letztlich liegt die Wahrheit im Ring. Erst dort stellt sich raus, wie stark einer wirklich ist. Und er muss ja schließlich auch erstmal mit mir klarkommen“, sagt Paul Kästner selbstbewusst. Er weiß um sein Können, bedingt auch durch die gute Arbeit der Mentaltrainerin.

Von Kindesbeinen an im Ring

Das nötige Selbstvertrauen im Ring holte sich Paul Kästner schon von frühen Kindesbeinen an. Mit sechs Jahren begann er mit „normalem“ Boxen, sein Vater war selbst ein Athlet dieses Kampfsports. Er legte Wert darauf, dass sich der kleine Paul sportlich betätigt: „Ich hab aber erstmal einige andere Dinge ausprobiert – Fußball, Leichtathletik, Judo, Ringen… – bin aber dann doch beim Boxen hängengeblieben. Zuerst noch zusammen mit meinem Bruder Felix.“

Mit neun bestritt Paul seinen ersten richtigen Kampf, es ging bergauf. Mit zwölf bestand er den Aufnahmetest der Sportschule Chemnitz und ging weiter seinen Weg. Er boxte sogar in der Bundesliga, war mehrfacher Sachsenmeister, Zweiter Süddeutscher Meister, gewann ein internationales Turnier im polnischen Lodz. Nach der Sportschule war er jedoch ausgebrannt: „Da machte ich sportlich mal eine Zeitlang wirklich gar nichts, so zwischen 16 und 18. Ich war fertig, hatte zuvor auf reichlich Ferien verzichtet, fast immer nur trainiert. Das waren viele Entbehrungen.“

Paul Kästner absolvierte eine Ausbildung als Anlagenmechaniker und war das ganze Jahr über Woche für Woche deutschlandweit unterwegs. Die Gedanken und die Faszination am Sport ließen ihn jedoch nie los. Sporadisch trainierte er noch ein wenig weiter, um halbwegs fit zu bleiben, bestritt sogar einige Kämpfe – „aber auf nicht besonders hohem Niveau“. Mit 24 entschied er sich, auch im Hinblick auf den Sportaspekt, zur Bundespolizei zu gehen. Zudem schloss er sich 2014 einem neu gegründeten Kickbox-Verein in seiner Heimat in Malchin an, landete unter anderem mal in Berlin. „Als Boxer war es gar nicht so leicht, plötzlich die Beine mit zu benutzen.“ Und selbst dabei stellte sich bald der Erfolg ein: 2015 wurde Paul Kästner Deutscher Meister bei den Profis.

Anfangs keine Trainingsmöglichkeiten in der Nähe

„Nachbar“ Franz Ditzinger, der früher ebenfalls ein wenig boxte, lernte Kästner Anfang 2019 kennen. Er machte sich in der Theorie des Kickboxens fit, um ihn zu unterstützen. „Das kam mir natürlich sehr recht, weil ich hier im Berchtesgadener Land anfangs überhaupt keine Trainingsmöglichkeiten hatte.“ Der Weg nach München, zum KBV Erding – zu Beginn seiner Berufslaufbahn arbeitete er am Flughafen – war nach der Arbeit von Freilassing aus zu weit. Genauso wie nach Deggendorf, zur Trainingsgruppe des damaligen Bundestrainers Kai Becker.

Franz Ditzinger spendete einen Sandsack, die passende Aufhängung dazu, die Zusammenarbeit begann: In Ainring vor allem im Ausdauer- und Kraftbereich. In Deggendorf kam irgendwann die Sparringsarbeit dazu, Trainingswettkämpfe, spezielle Übungseinheiten sowie eine ausgezeichnete „Pratzenarbeit“ mit Erfolgstrainer Kai Becker. Mittlerweile ist in Mitterfelden ein neues Zentrum entstanden, mit Matten, Sandsäcken und alles, was Kästner für seinen Sport braucht. Das nun schon zweijährige Teamwork fruchtete extrem. Der gewaltige körperlich Sprung zahlte sich aus: Durch den Gewinn einiger Turniere national wie international gelang Kästner der Sprung in den Nationalkader.

Aus Russland kommen die Stärksten

Die stärksten Kickboxer kommen aus Russland und überhaupt aus dem Osten Europas. Dort besitzt der Sport im Ring oder auf der Matte einen ganz anderen Status als in Deutschland. Paul Kästner muss das meiste selbst finanzieren, Sponsoren hat er nicht. Er betreibt den Sport mit großem Enthusiasmus neben Zwölf-Stunden-Schichten bei der Bundespolizei, weshalb seine Leistung mit dem Gewinn der WM-Bronzemedaille umso höher einzuschätzen ist.

Vor großen Turnieren absolviert er zehn bis zwölf Trainingseinheiten pro Woche, als Quali für die WM musste er Deutscher Meister 2021 werden und einige Top-Platzierungen bei stark besetzten World Cups – unter anderem in Irland, Ungarn oder Österreich – vorweisen. „Erste Plätze machen sich dabei immer am besten“, schmunzelt er. Die Lockdown-Phasen waren natürlich auch für ihn hart: „Ich durfte durch meine Zugehörigkeit zum Nationalkader trainieren, ein großes Privileg“, weiß er zu schätzen. Immer „nur“ trainieren, ohne Wettkämpfe, war aber durchaus nervenaufreibend: „Weil man ohne die Vergleiche mit anderen Athleten überhaupt nicht mehr weiß, wo man steht.“

Sieg bei den Irish Open 2020

Anfang 2020 – nach seiner ersten WM – hatte er einen richtig guten Lauf und gewann sogar die Irish Open, ein großes internationales Turnier: „Das wär mein Jahr geworden, das weiß ich. Doch dann kam Corona“. Aufgeben war allerdings keine Option: Seit vergangenem Juni darf Kästner wieder Wettkämpfe bestreiten. Seitdem hatte er sogar „Stress“: Neben einem intensiven Trainingslager in der Gruppe von Ex-Bundestrainer Kai Becker in Deggendorf, standen mit der WM acht harte Kämpfe an. „Das ist schon viel und intensiv“. Aufgrund der WM-Bronzenen, dem bislang größten Erfolg seines Sportlerlebens, hat sich der Aufwand jedoch absolut gelohnt.

Mit nun 30 ist Paul Kästner freilich nicht mehr der Jüngste, drei bis vier gute Jahre sollen es aber schon noch werden. Olympia ist ein großer Traum. Noch befindet sich die Sportart nicht im Programm der fünf Ringe. „Ich bin da aber guter Hoffnung“, sagt er. 2024 wird es jedoch sicher noch nichts. 2028 könnte es klappen, dann wäre er schon 37 und gerade noch in einem Alter, mit dem es funktionieren könnte. Es wäre seine erste und letzte Chance, weil Kickboxen ab 40 Jahren international nicht mehr möglich ist.

bit

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