Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Dr. Nino Djahangiri: „Impfstoffe sind auch gegen bisherige Mutanten wirksam“

Interview mit BGL-Impfarzt: „Fernreisende bekommen bis zu acht Impfungen, keiner fragt nach Langzeitfolgen“

Dr. Nino Djahangiri (li.) ist eigentlich Oberarzt an der Kreisklinik Bad Reichenhall, derzeit ist er stellvertretender ärztlicher Leiter des Impfzentrums BGL, für ein „Impffoto“ stellte sich ein Arztkollege zur Verfügung.
+
Dr. Nino Djahangiri (li.) ist eigentlich Oberarzt an der Kreisklinik Bad Reichenhall, derzeit ist er stellvertretender ärztlicher Leiter des Impfzentrums BGL, für ein „Impffoto“ stellte sich ein Arztkollege zur Verfügung.

Der Landkreis Berchtesgadener Land liegt mit über 1000 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner pro Woche nach wie vor im bundesdeutschen Spitzenfeld, einige Gemeinden erreichen sogar schon 1700 und mehr. Beim Impfen ist man dagegen am unteren Ende der Skala: Gerade einmal 58,5 Prozent der Landkreisbewohner haben eine Erstimpfung, 56,7 Prozent auch die Zweitimpfung, sowie 19,75 Prozent eine Auffrischungsimpfung. BGLand24.de hat exklusiv bei Impfarzt Dr. Nino Djahangiri nachgefragt, warum nach wie vor so viele abwarten und zögern und welchen Impfstoff er derzeit empfiehlt.

Ainring/Berchtesgadener Land – Wer hat den Sommer über die Auffrischungsimpfung verschlafen? War es die Politik oder doch wir selbst weil wir glaubten und hofften die Pandemie sei irgendwie vorbei? Fakt ist, dass auch das Impfzentrum im Ainringer Ortsteil Mitterfelden zum Teil heruntergefahren wurde, weil eben kaum jemand kam, geschlossen wurde es zum Glück nicht.

Jetzt muss es allerdings wieder hochgefahren werden, das heißt, Mitarbeiter, die schon ausgestellt waren müssen nun wieder zurückgeholt werden. Derzeit schafft das Zentrum rund 600 bis 900 Impfungen am Tag, 1000 Personen sind das Maximum. Neben dem einzigen Impfzentrum für den gesamten Landkreis gibt es auch zwei mobile Teams, die in Pflegeheimen und an öffentlichen Orten wie Pfarrsälen oder in Freilassing im Mehrgenerationenhaus die Corona-Schutzimpfung verabreichen, ab nächster Woche soll es auch wieder fixe Teams im Pfarrsaal Berchtesgaden geben, zudem werden alle über 60-Jährigen ein spezielles Schreiben bekommen.

Was wird geimpft?

Im Impfzentrum gibt es mittlerweile „nur“ mehr mRNA-Impfstoffe, also genetische Impfstoffe wie BionTech-Pfizer und Moderna, Vektorimpfstoffe wie Johnson & Johnson oder AstraZeneca sind nicht mehr auf Lager, „aber auch der verimpfte Vektorimpftstoff von AstraZeneca schützt sehr gut gegen die Delta-Variante, wenn auch nicht so gut wie BionTech oder Moderna“, so der Impfarzt.

Restbestände wurden bis Ende Oktober aufgebraucht, auch der Einmal-Impfstoff von Johnson & Johnson war in Mitterfelden gefragt. „Empfohlen und am besten wirksam ist wohl die Kombination zwischen Vektor- und mRNA-Impfstoff, das wirkt wie ein Zangengriff“, erklärt Djahangiri. AstraZeneca hatte vor allem in Deutschland von Anfang an ein Imageproblem, weil er von der Ständigen Impfkommission erst für jüngere, dann für ältere Patienten empfohlen wurde, „viele haben dann gesagt, nein, den wollen wir nicht haben“.

Im Impfzentrum BGL sei bisher zu 80 Prozent BionTech-Pfizer verimpft worden. Anfangs sei der Einmalimpfstoff von Johnson & Johnson auch im Berchtesgadener Land sehr beliebt gewesen nach dem Motto „Einmal impfen und dann ist Ruhe“. Leider war dem nicht so, denn mittlerweile zeigen Studien, dass die Wirksamkeit dieses Impfstoffs schnell nachlässt.

„Generell impfen wir ja immer noch gegen den Wuhan-Typ des Virus, also gegen den ersten, aufgetretenen Sars-CoV-2-Typ, aber wir wissen, dass die Impfstoffe auch gegen die Mutanten noch sehr wirksam sind“, versichert der Oberarzt.

„Welchen Impfstoff soll ich nehmen?“

In den letzten Wochen nehme nicht nur der Zustrom an Impfwilligen, sondern auch der Beratungsbedarf wieder zu, „viele fragen uns welchen Impfstoff sie nehmen sollen“. Wegen des starken Andrangs und der eng getakteten Termine bleibe für längere Beratungsgespräche wenig Zeit, „wenn jemand mehr Fragen hat dann kommt er meistens in mein Beratungszimmer“, so Djahangiri, der aber auch als stellvertretender ärztlicher Leiter immer wieder beim Impfen selbst einspringt. Derzeit sei Moderna der Rolls Royce unter den Impfstoffen, so hat es auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn formuliert.

Antikörpertest nicht aussagekräftig

Viele hätten schon vor dem eigentlichen Impftermin für sich eine Entscheidung getroffen, „hier geht es dann zum Beispiel um die Frage, mit welchem Impfstoff kann ich wohin reisen“, erzählt Djahangiri, der eigentlich Oberarzt an der Kreisklinik Bad Reichenhall ist und derzeit für das Impfzentrum abgestellt ist. Viele würden mittlerweile auch mit einem Antikörpertest zum Impfen kommen, der könne aber keine Grundlage für die Entscheidung über den Impfstoff sein, es gebe derzeit einfach keinen Schwellenwert der zeigt ob ausreichend Antikörper gegen Sars-Cov-2 gebildet wurden. Die meisten Tests messen nur eine Menge an Coronavirus-Antikörpern ohne sicher zu sein, ob sie gegen das Sars-CoV-2-Virus wirksam sind.

Warum zögern so viele?

Warum auch im Berchtesgadener Land viele nach wie vor zögern oder eine Impfung sogar ablehnen kann der Mediziner nicht nachvollziehen. Vor den neuen mRNA-Impfstoffen hätten viele Leute „Respekt“, viele schrecken wegen kolportierter Langzeitfolgen zurück und warten auf einen Todimpfstoff oder auf Medikamente.

Es habe vor allem zu Beginn der Impfaktion viele Gerüchte und Fake News gegeben aber mittlerweile seien diese Behauptungen in vielen Studien widerlegt worden. „Die jetzige Skepsis kann ich mir nicht erklären, wenn die Leute nach Asien oder in die Tropen fliegen bekommen sie vier, sechs oder acht Impfungen gegen Erreger, die es bei uns gar nicht gibt und keiner hat jemals nach den Inhaltsstoffen oder möglicher Langzeitfolgen gefragt“.

Generell stellt auch Djahangiri eine Art Vertrauensverlust gegenüber den Ärzten und der Wissenschaft allgemein fest. „Seit einiger Zeit kommen immer mehr halb-aufgeklärte Patienten, die sich mit ‚Doktor Google‘ für vorinformiert halten, das wird dann für einen Arzt sehr schwierig weil Nicht-Mediziner bei den vielen Studien nicht wissen worauf sie achten sollen“. Sich eine ärztliche Zweitmeinung zu holen hält der Impfarzt allerdings für in Ordnung.

Bürokratismus als Hemmschwelle?

Während beim Impfen in Österreich das Ausfüllen eines einzigen Formulars mit einer Unterschrift ausreicht sind in Bayern zum Teil bis zu sieben Vordrucke auszufüllen und mehrfach Unterschriften zu leisten. Der bürokratische Aufwand ist um einiges höher, ist das auch ein Grund, der viele potentiell Impfbereite abschreckt? „Die Bürokratie ist vor allem für die hier im Zentrum Arbeitenden sehr mühsam, aber das sind eben die Vorgaben des Freistaates, die Erfahrungen mit dem Abwickeln einer Pandemie sind halt nicht sehr groß“, in Italien zum Beispiel würden die Impfungen digital bewerkstelligt.

Auch das Anmelden auf der Online- Plattform impfzentren.bayern scheint für Personen mit Migrationshintergrund ein Hindernis zu sein, „hier haben zum Beispiel bei Asylbewerbern deutschsprechende Helfer die Anmeldung durchgeführt, auch beim Impfen selbst gab es hin und wieder ein Sprachproblem, aber unser Team ist zum Glück international und im Notfall haben wir auch schnell Dolmetscher, die am Telefon bereit stehen“. Im Sommer habe man zusätzlich mit Integrationsvereinen zusammengearbeitet.

Ob die geplante Impfpflicht in Österreich ab 1. Februar 2022 schon Auswirkungen auf das Impfzentrum im Berchtesgadener Land hat und in welche Impfstatistik österreichische Arbeitnehmer aufgenommen werden, lesen Sie im zweiten Teil des Exklusiv-Interviews.

hud

Kommentare