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Expertinnen sind ratlos: „Ich bin wirklich traurig”  

Auf dem Ulrichshögl bei Ainring verschwindet eine der seltensten Fledermaus-Arten in Bayern

Ein Blick mit dem Fernglas: Wann beginnt der Ausflug?
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Ein Blick mit dem Fernglas: Wann beginnt der Ausflug?

Mesnerin Maria Utzmeier ist „schwer enttäuscht”. Seit Jahrzehnten wohnt eine Kolonie seltener Wimperfledermäuse im Kirchendachstuhl von St. Laurentius am Ulrichshögl. Doch jetzt sind sie einfach weg. Die jährliche Zählung der raren Fledertiere blieb erfolglos. Bei den Fledermausexpertinnen des Landkreises wirft das Verschwinden Fragen auf. 

Berchtesgadener Land/Ainring - Brigitte Meiswinkel sitzt auf den Pflastersteinen des Friedhofs. Es dämmert, die Kirchenuhr zeigt 21.15 Uhr. Die Fledermäuse sollten jetzt gleich durch zwei kleine Öffnungen im Kirchenturm ausfliegen und auf Jagd gehen. Meiswinkel möchte zählen, wie viele es sind.

„Batcoder“ soll Tiere erfassen

Vor ihr liegt ein Fledermausdetektor, der hochfrequente Töne wiedergibt, die Rufe der rund zehn bis 15 Gramm schweren Luftakrobaten. Ein „Batcorder” zeichnet diese zusätzlich auf. Am Computer lässt sich anhand der Aufzeichnungen feststellen, um welche Fledermausart es sich handelt. In der Hand hält Brigitte Meiswinkel ein Zählgerät. Brigitte Meiswinkel ist Landkreisbeauftragte der Koordinationsstelle für Fledermausschutz in Südbayern. Sie arbeitet im Auftrag des Bayerischen Landesamts für Umwelt. Unterstützt wird sie von Biologin Carolin Rosbach, ehrenamtliche Fledermausfachberaterin des Landkreises Berchtesgadener Land.  

Die Rufe der Fledermäuse lassen sich aufzeichnen. Dadurch können die Expertinnen Arten unterscheiden.

Weil an diesem Abend alle Augen wichtig sind, ist auch Mesnerin Maria Utzmeier erschienen. 75 Jahre ist sie alt, waschechte Ainringerin. Sie hat in der Kirche St. Laurentius ihre Kommunion gefeiert, dort geheiratet, nun ist sie die gute Seele des Hauses. „Seit der Kindheit ist das meine Kirche”, sagt Utzmeier, rückt sich ihren Stuhl zurecht und nimmt auf dem Friedhof Platz. Alle Augen schauen jetzt nach oben zum Kirchturm. Es ist 21.20 Uhr.

Seltene Fledermäuse

Fledermäuse sind geschützte Tiere. Es gibt deutschlandweit 20 verschiedene Arten. Die Wimperfledermäuse vom Ulrichshögl gelten als seltene Vertreter, die nur im Süden Bayerns auftreten. 3000 Exemplare, schätzt Expertin Carolin Rosbach, gibt es insgesamt.

Mesnerin Maria Utzmeier sagt, dass sie schon als Kind mit den Fledermäusen im Kirchendachstuhl Bekanntschaft machte. “Sie flogen herum, auch bei der Orgel. Die leben da schon Ewigkeiten”, so die Mittsiebzigerin. 

Mesnerin und gute Seele der Kirche: Maria Utzmeier.

Fledermausexpertin Brigitte Meiswinkel hat die Kolonie im Gotteshaus vor elf Jahren offiziell entdeckt. Seitdem findet ein Monitoring statt. In den Sommermonaten befindet sich hier die Wochenstube. In großen Trauben hängen die Flugkünstler unterm Kirchendach. Der Nachwuchs wird großgezogen. Sobald es dämmert, gehen die Wimperfledermäuse, die bei rund zwölf Gramm auf eine Flügelspannweite von über 20 Zentimetern kommen, auf Jagd. Kotspuren im Gotteshaus zeugen von ihrer Präsenz. Jedes Jahr wird die Kolonie an einem Tag im Juni gezählt. Vergangenes Jahr waren es 60 Wimperfledermäuse. Der Rekord lag bei 114, sagt Brigitte Meiswinkel stolz. Sie ist gespannt, was beim heutigen Monitoring rauskommt.

„Eigentlich müssten sie gleich losfliegen”, sagt Mesnerin Maria Utzmeier, die seit über zehn Minuten auf den Kirchturm starrt und die zwei schmalen Fensterchen beobachtet. Sie sind die einzigen Möglichkeit, die Kirche im Flugmodus zu verlassen. Es ist kurz vor halb zehn. Noch tut sich nichts. 

Tieren wurde Chance genommen, sich anzusiedeln

Fledermäuse in Kirchen werden zunehmend zur Besonderheit. In vielen Gebetshäusern wurden den Fledermäusen die Chancen genommen, sich anzusiedeln. Sind die Fenster verbarrikadiert, können sie weder rein noch raus. Oft haben Kirchen ein Taubenproblem. Am Ulrichshögel schätzt man aber die Population. Die Fenster bleiben offen. „Wir lassen den Dachboden in Ruhe, damit wir die Tiere nicht stören”, bestätigt Mesnerin Maria Utzmeier. 

Mittlerweile wird der Nacken steif vom ständigen Nach-oben-schauen. Carolin Rosbach greift nach einer Wärmebildkamera im Rucksack. „Bei Fledermausbeobachtern liegen solche Kameras im Trend”, sagt sie mit einem Grinsen. „Da sieht man dann hellrote Punkte fliegen.” Rosbach sieht momentan nichts. Es wird langsam dunkel

„Da war eine”, sagt Brigitte Meiswinkel. Es ist 21.44 Uhr als eine Fledermaus die Öffnung im Kirchturm verlässt. Endlich: Nummer eins ist da. Die Freude währt nicht lange. Drei Minuten später fliegt sie wieder rein ins Gotteshaus. „Was ist da los”, fragt die Mesnerin

Utzmeier kümmert sich um die Fledermäuse

Ihr ganzes Leben wird Maria Utzmeier bereits von Fledermäusen begleitet. Einmal pro Jahr, im Herbst, wenn die Wimperfledermäuse die Wochenstube beendet haben und weiterziehen, steigt sie hoch in den Dachstuhl, um die Kotreste vom Holz zu kehren. Fledermäuse ernähren sich von Insekten. Sie sind hungrig. Große Kolonien produzieren viel Kot. Den beseitigt Maria Utzmeier dann. 

Das Warten geht auf dem Friedhof weiter. Jede Minute ist für die Fledermaus-Zähler wie eine Ewigkeit. Denn sie wissen: Verlässt keine Fledermaus das Gotteshaus, kann das nichts Gutes bedeuten, sagt Brigitte Meiswinkel.

Nicht jeder hat Verständnis

Dass nicht jeder Bürger Verständnis für Fledermäuse hat, weiß Carolin Rosbach. In vielen Ställen und Privathäusern sorgen sie für Unruhe unter den Hausbesitzern. Da ist oft diplomatisches Vorgehen notwendig. Bei Bauprojekten sind die geschützten Tiere häufig Grund für Verzögerungen. Nur am Ulrichshögel: Da sind die Wimperfledermäuse gern gesehen.

Mittlerweile ist es finster und kaum mehr möglich, mit dem bloßen Auge den Ausflug zu beobachten. „Ich mache mir Sorgen”, sagt Brigitte Meiswinkel. Die Mesnerin bietet an, in den Dachstuhl zu steigen. „Kann es sein, dass sie umgezogen sind?”

Rauf in den Kirchturm

Über schmale Treppen geht es mehrere Stockwerke durch den Kirchturm nach oben. Fledermauskot ruht auf dem Holz. Viele Schmetterlingsflügel liegen hier. Es riecht nach altem Gemäuer. Die Frauenrunde steigt rauf ins Kirchenhaus. Aber: Der Dachstuhl ist leer: Nur eine versprengte Kleine Hufeisennase, eine weitere Fledermausart, ist zu sehen. Sie fliegt in den Kirchturm rüber, dreht dort ein paar Runden. Ansonsten herrscht hier oben Einsamkeit.

Die Enttäuschung unter den Damen ist riesig. Wurden die Fledermäuse verjagt? Wohin können sie geflogen sein? Haben die Ainringer Bürger Beobachtungen gemacht? „Das darf doch nicht wahr sein”, sagt die Mesnerin. „Ich bin wirklich traurig.”  

Gründe für das Verschwinden

Die Gründe für das Verschwinden: Darüber können Brigitte Meiswinkel und Carolin Rosbach nur mutmaßen. „Vielleicht sind sie in einen Stall in der Nähe umgezogen?” Für das jahrelange Monitoring ist es ein herber Rückschlag. „Es war eine Vorzeigekolonie”, sagt Brigitte Meiswinkel. Es ist jetzt 22.30 Uhr. Ein letzter Blick auf den Kirchturm mit der Wärmebildkamera bleibt erfolglos. Es ist kein guter Tag für die Fledermausexpertinnen. 

kp

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