So beurteilt die Wissenschaft den Tierschutz im Zirkus

"Es geht um die Partnerschaft zwischen Mensch und Tier"

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Ainring - Circus Krone ist derzeit auf Tour im Berchtesgadener Land. Zirkusfans und Tierrechtler liefern sich heftige Wortgefechte. Aber was sagen eigentlich Tierforscher zum Thema Tierschutz im Zirkus?

"Ganz klar - nicht hingehen" und "Bitte fernbleiben", so kritisieren User der Facebookgruppe "Du kommst aus Ainring wenn,..." den aktuellen Aufenthalt des Circus Krone in Ainring. Die Mehrheit allerdings freut sich und reagiert mit Kommentaren wie "Circus Krone ist super" und "Wieso fernbleiben? Ich finde es super!

Hintergrund der Diskussion ist der Tierschutz rund um die mitreisenden (Wild-)tiere. Mittlerweile sind die Pforten des Circus Krone in Ainring wieder geschlossen und es geht wieder auf die Reise zum nächsten Ort.BGLand24.de warf während der Vorstellungszeit in Ainring u.a. einen Blick hinter die Kulissen, berichtete über eine Demonstration von Tierrechtlern und vieles mehr. 

Aber wie beurteilen und bewerten Tierforscher eigentlich das Thema Tierschutz im Zirkus?

Zirkus - Pro oder Contra?

BGLand24.de hat den Tierforscher Prof. Dr. Klaus Zeeb zu diesem Thema zum Interview getroffen und wollte wissen, wie Tierschutz von (Wild-)tieren im Zirkus funktioniert - oder auch nicht. 

Prof.Klaus Zeeb gehörte 2000 als Fachmann zu der Kommission der Bundesregierung, die sich mit der Ausarbeitung der "Leitlinien zur Haltung von Tiere im Zirkus" befasste und die noch heute gültigen Richtlinien herausgegeben hat.

Interview mit Tierforscher Prof. Dr. Zeeb 

Herr Prof. Dr. Zeeb, Sie waren der erste Tierforscher, der sich wissenschaftlich mit dem Thema "Tiere im Zirkus" befasst hat. Wie ist es zu dieser Orientierung/diesem Interesse gekommen? 

Im Jahr 1956 begann ich mit meiner Doktorarbeit „Das Verhalten des Pferdes bei der Auseinandersetzung mit dem Menschen“. Und da kam ich natürlich mit dem Zirkus in Kontakt und nicht nur mit den Pferden. Und seitdem lässt mich das Thema „Verhaltensgerechter Umgang mit Tieren“ nicht mehr los. 

Auf Sie gehen mehrere Studien, Doktorarbeiten und Forschungsprojekte zurück. Wie funktioniert Tierschutz in einem Zirkus überhaupt? 

Die Zirkusse haben die Leitlinienvorliegen, nach denen sie sich richten. An jedem Spielort erfolgt eine veterinärpolizeiliche Beurteilung über Haltung der Tiere, und den Umgang mit ihnen. 

Was muss gegeben sein, damit sich ein Tier im Zirkus wohl fühlt? 

Die arttypischen Anforderungen an Unterbringung, Ernährung, Pflege und tiergerechten Umgang müssen erfüllt sein. Die Partnerschaft zwischen Tier und Mensch muß erkennbar sein.

Was bedeutet arttypische Haltung von (Wild-)tieren im Zirkus? 

Die Haltung und die Beschäftigung von Tieren im Zirkus. Und zwar ganz gleich, ob es sich um Wildtiere oder um Haustiere handelt. Denn: Der Mensch muss ihrem Wesen gerecht werden. In der Natur müssen sich Tiere ihr Futter suchen, Feinde meiden, sich vor widrigem Wetter schützen und mit Rivalen fertig werden. Dies alles entfällt unter der Obhut des Menschen. 

Damit wird aber der Alltag völlig reizlos und das kann zur Verkümmerung des Verhaltens führen. Deshalb muss der Mensch den Tieren Aufgaben stellen, muß sie beschäftigen. Auch hat er die Pflicht, die Haltungsumgebung, die Ernährung, die Unterkunft und die klimatischen Bedingungen entsprechend zu gestalten. 

Die Tiere brauchen artgerechtes Futter und eine verhaltensgerechte Unterbringung. Soziallebende Tiere brauchen den Sozialverband. Geregelt ist das durch das Tierschutzgesetz und durch die Leitlinien für den Tierschutz im Zirkus. Halter von Zirkustieren sind per Gesetz verpflichtet, sie entsprechend ihrer angeborenen Bedürfnisse verhaltensgerecht zu beschäftigen. 

Das ist für Zirkustiere genau so wichtig, wie z. B. für Sportpferde oder für Hunde als Hausgenossen. Und damit wird deutlich, dass die Besucher des Zirkus beim Beobachten der Arbeit der Tierlehrer mit ihren Schützlingen ungeheuer viel darüber lernen können, wie man den Alltag auch der eigenen Haustiere bereichern kann. 

Was gilt es bei der Ausbildung, bei der Arbeit mit Tieren zu beachten? 

Der Mensch muß sich über die Bedürfnisse seiner Schützlinge informieren. Er muß Vertrauen zu ihnen aufbauen. Er muß sich in das jeweilige Individuum hineinfühlen. Er muß konsquent mit dem Tier umgehen und er darf das Tier hinsichtlich seiner Möglichkeiten nicht überfordern und ihm nicht Dinge zumuten, die seiner Art nicht entsprechen. 

Vor allem aber darf er das Tier nicht vermenschlichen. Tiere haben andere Bedürfnisse als Menschen! Und das alles kann man bei den Proben mit und den Vorführungen von Tieren im Zirkus lernen. 

Hauptkritikpunkte bei den Tierschützern sind die "nicht-natürliche" Haltung, ein erhöhtes Stresspotential durch das Reisen und die Dressur. Auf der anderen Seite gibt es Millionen von Haustieren, die auch nicht wirklich artgerecht gehalten werden (Käfigtiere, Hunde in Großstädten, Katzen ohne Auslauf, etc.) Welches Tier ist größerem Stress ausgesetzt? Sofern sich das überhaupt messen lässt? 

Nach den Leitlinien ist im Zirkus die Haltung von Bären und Menschenaffen verboten. Natürlicherweise sozial lebende Tiere dürfen nicht einzeln gehalten werden. Falls keine höhenverstellbarer Wagen zu Verfügung steht gibt es bei Giraffen Schwierigkeiten. Reisen und Ortswechsel bedeuten keinen Stress, weil die Tier das von Jugend an gewöhnt sind. Birmelin hat das mittels Stresshormonuntersuchungen nachgewiesen. 

Der Hund oder die Katze in der kleinen Wohnung ohne Auslauf haben es weit schlechter. Wichtig vor allem aber für alle Zirkustiere sowie für Hunde und Katzen ist sinnvolle körperliche und mentale Beschäftigung.

Ich habe mir selber den Circus Krone mit einer Gruppe Kindern angeschaut und auch eine Vorstellung besucht. Die Tiere machen einen recht relaxten Eindruck und viele Kinder/Erwachsene würden vermutlich niemals in ihrem Leben einen echten Elefanten oder Löwen sehen, wenn es keinen Zirkus oder Zoo gäbe. Wie stehen Sie persönlich zu dem Thema (Wild-)tiere in solchen Einrichtungen? 

Wenn tiergerecht gemacht, also auch bezogen auf das Einzeltier, sehe ich keine Problem. Wir Verhaltensforscher haben dazu durch unsere Untersuchungen und Beratungen viel beigetragen.

Herzlichen Dank für das Interview 

Weitere Informationen über Prof. Dr. Klaus Zeeb und seine Tierforschungen finden Sie unter www.zeeb-tierfilme.de

Weitere Informationen über die Verhaltensforschung bei Tieren, insbesondere im Rahmen von Dressuren sowie die Anpassung an Haltensbedigungen bei Zoo und Zirkus lesen Sie unter www.tierverhaltensforschung-birmelin.de

Rubriklistenbild: © Kollage Petra Sobinger: Bilder Prof. Dr. Klaus Zeeb

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