Zwei Jahre wegen Kindesmisshandlung

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Traunstein - "Diese Geschichte zu hören, ist eine Tortur, wenn man selbst Kinder hat", begann Richter Christoph Weigl am Amtsgericht Traunstein die Urteilsbegründung.

Kurz zuvor hatte er eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung gegen einen 53-jährigen Erdinger ausgesprochen. Weigl sah es als erwiesen an, dass der Mann seinen Stiefsohn misshandelt, bedroht und verletzt hatte.

Eine fünfjährige Tortur

Der Erdinger war 2003 spätestens aber 2004 zu seiner Lebensgefährtin nach Traunstein gezogen. Ihr Sohn war damals acht Jahre alt. Mit dem Einzug des gelernten Kfz-Mechanikers begann für den Jungen die Tortur. Zuerst drückte der Angeklagte Knoblauch in das Wurstbrot seines Stiefsohns und zwang ihn außerdem, Milch mit Knoblauch zu trinken. Weigerte sich der Junge, trichterte er sie ihm ein.

Ab dem Jahr 2006 brachte der heute 53-Jährige seine Lebensgefährtin dazu, ihrem Sohn immer das gleiche Essen zu machen. Entweder gab es Zungenwurst mit Vollkornbrot oder Spaghetti. Was sich in erster Linie für ein Kind toll anhören muss - jeden Tag Spaghetti - war für den Jungen ein mehrjähriger Horror. Denn die Soße verfeinerte der Lebensgefährte seiner Mutter nach einem Jahr je nach Belieben mit Unmengen Pfeffer, Tabasco, Öl, Chilli, Kümmel oder Salz. Zweimal mischte er ihm sogar Katzenfutter in sein Essen. "Er kam sich vor wie ein Tier", zitierte Anwältin Manuela Denneborg den heute 15-Jährigen vor Gericht. Denn der Angeklagte sperrte den Jungen auch in seinem Zimmer ein, schlug ihn und drohte, ihn umzubringen.

Wertlose Entschuldigung

Lesen Sie auch:

Kindesmisshandlung: Junge Mutter muss ins Gefängnis

"Mein Mandant räumt alle Vorwürfe umfänglich ein", sagte Verteidiger Harald G. Baumgärtl nach der Anklageverlesung. "Es tut mir wahnsinnig leid", ergänzte der Angeklagte. "Das hätte nicht passieren dürfen." Eine Entschuldigung, auf die der 15-Jährige keinen Wert lege, so seine Anwältin. "Für ihn ist es eine Genugtuung, dass der Mann auf der Anklagebank sitzt. Er hat aber immer noch an der Sache zu arbeiten." Das sei auch der Grund, warum der Geschädigte nicht vor Gericht erschienen sei.

Er lebt seit fast zwei Jahren im Priesterseminar in Traunstein. Zuvor hatte er eine einmonatige stationäre Behandlung im Klinikum Traunstein über sich ergehen lassen. Denn nach fünf Jahren hatte der damals 13-Jährige es nicht mehr ausgehalten und mit Klassenkameraden über die Vorfälle bei ihm zuhause gesprochen. Die verständigten ihre Eltern, welche über die Schule Kontakt mit einem Psychologen aufnahmen. Der Psychologe ließ den abgemagerten Jungen - er wog noch 38,6 kg bei einer Größe von 1,56 m - sofort ins Krankenhaus einweisen und ihn betreuen. Denn seit seinem neunten Lebensjahr plagten ihn auch Suizidgedanken.

Erziehungsmaßnahme oder Misshandlung?

Gespräche mit der Mutter und dem Lebensgefährten bestätigten dem Psychologen zwar die Geschichte des Jungen. Der 53-Jährige sah es aber als Erziehungsmaßnahme an, bei der ihm die Mutter den Rücken stärkte. Trotzdem verhängte das Jugendamt ein Besuchsverbot und brachte den heute 15-Jährigen im Priesterseminar unter.

"Die Wochenenden und Ferien seien die schlimmste Zeit für ihn gewesen, erklärte mein Mandant", brachte Anwältin Manuela Denneborg vor. "Er habe seinen Stiefvater nicht einschätzen können." Der 53-jährige verlor nämlich 2008 seine Arbeit und war somit jeden Tag zuhause. Einen Grund für die Mutter ihm die Erziehung zu überlassen. Erst später habe sie dann die volle Verantwortung für die Geschehnisse übernommen und sich selbst nicht geschont, so Denneborg. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen sie wegen geringer Schuld mittlerweile eingestellt. Mutter und Sohn hätten sich versöhnt und die Wochenenden und Ferien verbringe er wieder bei ihr.

Keine Bewährung?

"Keine Bewährung", forderten Staatsanwaltschaft und Nebenkläger in ihren Plädoyers von Richter Weigl. Auch wenn der Angeklagte geständig sei, lasse die Schwere der Taten und seines langen Vorstrafenregisters - 17 Straftaten wie Diebstahl, Sachbeschädigung und Körperverletzung - nur eine Freiheitsstrafe zu. Das konnte auch Verteidiger Baumgärtl nicht ganz von der Hand weisen, "aber auf Bewährung".

Dass der Erdinger eine bestimmte Summe an den Jungen zu zahlen habe, waren sich alle Parteien einig. Angesichts der Tatsache aber, dass der Angeklagte Hartz IV Empfänger sei, könne sie sich maximal in einer Höhe von 900 Euro bewegen, so Baumgärtl.

Letztlich wurden 1200 Euro daraus. 20 Euro monatlich soll der Angeklagte über fünf Jahre an den 15-Jährigen zahlen. Außerdem muss er 200 gemeinnützige Stunden ableisten. Fünf Jahre ist auch seine Bewährungszeit. "Sollten Sie sich in dieser Zeit nur das kleinste zu schulden kommen lassen, wird die Bewährung aufgehoben", ermahnte Weigl den 53-Jährigen noch, bevor er die Verhandlung schloß.

cz

Quelle: chiemgau24.de

Rubriklistenbild: © pa

Zurück zur Übersicht: Region Traunstein

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser