Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

„Bin stolz, eine solche Organisation führen zu dürfen!“

Verdienstorden für Bergwacht-Vorsitzenden Thomas Lobensteiner aus Vachendorf

Bergwacht-Landesvorsitzender Thomas Lobensteiner aus Siegsdorf (Mitte) mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bei der Verleihung des Bayerischen Verdienstordens.
+
Bergwacht-Landesvorsitzender Thomas Lobensteiner aus Siegsdorf mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bei der Verleihung des Bayerischen Verdienstordens.

München/Vachendorf - In der vergangenen Woche erhielt der Vorsitzende der Bergwacht Bayern, Thomas Lobensteiner, den Bayerischen Verdienstorden aus den Händen des Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Im Interview berichtet der aus Vachendorf stammende Lobensteiner, unter anderem, über seinen anspruchsvollsten Einsatz und die Herausforderungen an die Bergwacht in der heutigen Zeit.

chiemgau24.de: Herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung mit dem Bayerischen Verdienstorden, Herr Lobensteiner! Wie haben Sie die Auszeichnungs-Zeremonie erlebt?

Lobensteiner: Vielen Dank. Die Verleihung fand im Antiquarium der Münchner Residenz statt. Schon dieser außergewöhnliche Renaissancesaal mit den Gemälden und Skulpturen sorgte für ein besonderes Ambiente. Die Verleihung des Verdienstordens und die Übergabe der Urkunde durch Ministerpräsident Dr. Markus Söder fand in einem sehr würdigen Rahmen statt. Eine kurze Laudatio zu jedem Ordensträger wurde vorgetragen. Beeindruckend war die Vielfalt der Ausgezeichneten aus allen gesellschaftlichen Bereichen.

„Diese Auszeichnung gebührt allen Kameradinnen und Kameraden in der Bergwacht Bayern“, haben Sie bei der Verleihung betont. Was sind die größten Herausforderungen der aktuellen Zeit an diese?

Da wäre zunächst einmal die Bewältigung einer steigenden Anzahl von Rettungseinsätzen aufgrund des stark zunehmenden Tourismus in Natur und Gebirge. Dies setzt ein höheres zeitliches Engagement jeden einzelnen Retters voraus. Und die Basis für die anerkannt hohe Einsatzfähigkeit und Einsatzbereitschaft der Bergwacht Bayern sind die Bergretterinnen und Bergretter vor Ort in ihren Bereitschaften. Weiterhin müssen die Rahmenbedingungen für ehrenamtliches Engagement zeitgemäß gestaltet sein. Eine hochwertige Aus- und Fortbildung muss gewährleistet, die Ausstattung muss den Anforderungen entsprechen und zeitgemäß sein. Hierfür müssen die Strukturen ständig weiterentwickelt und insbesondere auch die Finanzierung sichergestellt werden.

Außerdem nehmen Organisation und Verwaltung mehr Raum ein. Die Bewertung und Umsetzung von gesetzlichen Vorgaben erfordert zunehmend mehr Aufwand, insbesondere für die Führungskräfte und die hauptamtliche Struktur im Hintergrund. Dies betrifft unter anderem die Vorgaben des Arbeitsschutzes in einem an sich gefährlichen Einsatzraum. Und dann gilt es natürlich auch noch, die Transformation der Bergwacht Bayern in eine Rettungsorganisation mit Zukunft sicherzustellen. Die dafür notwendigen Veränderungen erzeugen Unsicherheiten bei manchen Mitgliedern, die die Führungskräfte ernst nehmen müssen.

Inwiefern stellt gerade der zunehmende Tourismus eine Herausforderung dar?

Wir sind nicht gegen mehr Bergtourismus! Aber unsere Kapazitäten, im Notfall Rettungsmaßnahmen übernehmen zu können, müssen dem dann natürlich auch entsprechen, was aktuell noch gegeben ist. Auch aus anderen Aspekten, wie beispielsweise der Gewährleistung des Naturschutzes aber auch wegen der einhergehenden Verkehrsbelastung ist das aber natürlich eine Aufgabe, in der auch die Kommunalpolitik, die Gemeinden und Landkreise gefordert und auch schon tätig geworden sind. Beispielsweise lief ja der Ausflugsticker an, welcher das Ziel hat Besucherströme besser zu lenken.

Wie war ihr eigener Werdegang bei der Bergwacht?

Ich bin vor etwa 20 Jahren bei der Bergwacht Traunstein eingetreten. Zunächst war ich als Einsatz- und dann von 2013 bis 2017 als Bereitschaftsleiter tätig. 2017 übernahm ich dann für zwei Jahre die stellvertretende Regionalleitung. Ab 2019 war ich dann zunächst stellvertretender Landesvorsitzender und schließlich seit 2021 Landesvorsitzender. Daneben bin ich Sprecher des Fachbeirats Luftrettung des Bayerischen Innenministeriums und Vorstandsmitglied beim Bayerischen Roten Kreuz.

Sind Sie auch privat von den Bergen begeistert?

Absolut. Beruflich bin ich Polizeibergführer und auch in meiner Freizeit sehr viel in den Bergen unterwegs. Besonders gerne im gesamten Alpenraum, speziell den Westalpen und Gebirgen im Osten. Immer wieder nehme ich mir dabei dann den einen oder anderen 6000er vor.

Was war ihr anspruchsvollster Einsatz?

Zweifellos der Einsatz zur Höhlenrettung in der Riesending-Schachthöhle 2014. Dies war zudem der erste ausschließlich von ehrenamtlichen Führungskräften geleitete Großeinsatz mit über 800 Rettern und über einen Zeitraum von elf Tagen. Ich war einer der Einsatzleiter bei diesem weltweit beachteten Einsatz.

Welche Bedeutung hatte es, dass die Einsatzleitung hierbei ausschließlich durch Ehrenamtliche erfolgte?

Wir haben dabei noch Unterstützung der Staatsregierung erhalten, aber ansonsten hatte es das so zuvor nicht gegeben. Alle unsere Führungskräfte bei der Bergwacht sind ja ehrenamtlich tätig, darunter sind die entsprechenden Personen aber natürlich besonders für Groß- und Katastrophenlagen ausgebildet. So etwas muss man dann mit einem Einsatzstab leiten, das erfordert besondere Vorkenntnisse und organisatorische Fähigkeiten. Ein besonderer Dank gilt übrigens auch allen Arbeitgebern, die bei diesem und auch vielen anderen Einsätzen ihren Mitarbeitern den Rücken stärken!

Sie haben 2021 die Führung der Bergwacht Bayern übernommen. Welche Herausforderungen gab es seitdem?

Aktuell, während Corona, der Erhalt der Einsatzfähigkeit der Bergwachten, denn „nach uns kommt keiner mehr“. Dies ist bestens gelungen, wir sind alle stolz auf die sehr hohe Disziplin bei allen Einsatzkräften. Dann natürlich der anstehende G 7-Gipfel in Elmau Ende Juni: Denn der Tagungsort befindet sich im Zuständigkeitsgebiet der Bergwacht. Für die Veranstaltung erfolgt eine erhöhte Vorhaltung von Einsatzkräften. Wir sind im Gesamten mit rund 300 Retterinnen und Rettern dabei, einschließlich Logistik und der Besetzung von Rettungsstützpunkten. Federführend in der Planung und Durchführung ist die Region Hochland. Die Aufgabe der Bergwacht ist ausschließlich die Sicherstellung des Rettungsdienstes. Und langfristig der Umbau der hauptamtlichen Struktur zu einer leistungsfähigen Organisation, um das Ehrenamt bestmöglich unterstützen zu können.

Was sind die Seiten der Organisation der Bergwacht, von denen die meisten Leute vielleicht nicht so viel zu sehen und hören bekommen?

Da wäre zunächst einmal die Finanzierung. Auch wenn die Bergwacht ehrenamtlich ihre Leistungen erbringt, kostet Bergrettung Geld. Die Leistung der Einsatzkräfte wird nicht bezahlt. Die Kosten entstehen durch die Vorhaltung für Material, Rettungsgerät, Bau und Unterhalt der Bergrettungswachen, die Ausstattung der einzelnen Bergretterinnen und Bergretter und ganz wesentlich für Aus- und Fortbildung.  Die Finanzierung beruht auf drei Säulen, jeweils einem Drittel Staatsmittel des Freistaats für die Ausstattung und den Betrieb des Zentrums für Sicherheit und Ausbildung, Strukturmittel für die rettungsdienstlichen Aufgaben von den Krankenversicherungen, ein weiteres Drittel müssen die Bergwachten vor Ort selbst über Spender und Förderer generieren. Die Bergwacht ist somit auf externe Mittel angewiesen. Ich möchte aber betonen, dass wir für die Förderung durch den Freistaat sehr dankbar sind.

Weiterhin die Herausforderungen als rein ehrenamtliche Organisation. Die Bergwacht ist mit Ausnahme von etwa 35 hauptamtlichen Mitarbeitern rein ehrenamtlich unterwegs, die sich neben Beruf und Familie für den Bergrettungsdienst engagieren. Auch alle Führungskräfte sind ehrenamtlich. Insgesamt haben wir rund 5000 Mitglieder, davon etwa 3500 Einsatzkräfte und rund 1000 Anwärterinnen und Anwärter. Glücklicherweise haben wir aber insgesamt, von lokalen Fällen vielleicht abgesehen, kein Nachwuchsproblem.

Dann ist da die Breite unserer Einsatzgebiete und Aufgaben. Die Bergwacht ist in ganz Bayern präsent und ist in sieben Regionen und 109 Bereitschaften organisiert: Neben den drei Gebirgsregionen gibt es eine Region im Bayerwald und drei Frankenregionen zur Abdeckung der rettungsdienstlichen Aufgaben in den bayerischen Alpen und in den Mittelgebirgen. Daneben gibt es noch Spezialeinheiten zur Höhlen- und Canyonrettung, Suchhunde für den Lawineneinsatz, Psychosozialen Notfallversorgung, Spezialfahrzeuge für den Umwelteinsatz und die Betankung von Hubschraubern sowie sieben mobile Einsatzzentralen. Daneben wird die Bergwacht auch bei Katastrophenschutzlagen, beispielsweise bei Bergwaldbränden und Evakuierungen eingesetzt

Und schlussendlich der Unterhalt all unserer Standorte. Die Bergwacht betreut etwa 60 Sendestationen für den Behördenfunk im Bayerischen Alpenraum im Auftrag des LKA und mit ihrer Stiftung Bergwacht ein weltweit einmaliges Hubschraubersimulationszentrum in Bad Tölz – das Bergwacht-Zentrum für Sicherheit und Ausbildung (BW-ZSA). Neben den bayerischen Einsatzkräften des Rettungsdienstes trainieren dort auch Spezialverbände der Polizei und der Bundeswehr sowie Spezialisten aus dem Bundesgebiet und ganz Europa.

Welche Ziele haben Sie sich für die nächsten Jahre gesetzt?

Da wäre zunächst einmal die bauliche und inhaltliche Erweiterung des BW-ZSA zu einem „Bayerischen Zentrum für alpine Sicherheit“ als bayern- und deutschlandweites Kompetenz- und Vernetzungszentrum. Ziel ist es vor allem, alle für die alpine Sicherheit zuständigen und verantwortlichen Organisationen, Behörden und Partner zu vernetzen, um insbesondere auf Herausforderungen wie beispielsweise Starkniederschläge, Murenabgänge, Bergwaldbrände oder Evakuierungen von Berghütten noch besser vorbereitet zu sein. Derzeit sind wir dabei, mit Unterstützung des Freistaats Bayern, ein tragfähiges Finanzierungskonzept zu erstellen. Der Baubeginn ist für 2023 geplant.

Dann der Aufbau von Katastrophenschutzteams in der Bergwacht Bayern, um den Schadenslagen in den Alpen und in den Mittelgebirgen aufgrund des Klimawandels flexibel und professionell begegnen zu können. Weiterhin die Stärkung der ehrenamtlichen Strukturen vor Ort in den Bereitschaften durch Zentralisierung von Verwaltungsaufgaben auf überwiegend hauptamtliche Strukturen. Ehrenamtliche Einsatzkräfte solle sich auf die Kernaufgabe der Rettung konzentrieren können. Der Gesetzgeber ist gefragt, ehrenamtsfreundliche Strukturen auszubauen. Außerdem schreitet die Digitalisierung überall voran. Bei der Bergwacht gilt es, die richtigen Impulse zu setzen und die Organisation zukunftsfähig aufzustellen.

Zum Abschluss: Warum sollte man sich bei der Bergwacht engagieren?

Dafür gibt es viele gute Gründe. Zunächst einmal ist gesellschaftliches, freiwilliges Engagement ein Grundpfeiler unserer Gesellschaft, unabhängig ob im Sportverein, bei der Feuerwehr oder der Bergwacht. Dieses Engagement ist Teil der Resilienz der Gesellschaft. Außerdem erhalten Sie eine hochwertige und intensive Bergrettungs-Ausbildung. Und dann ist da natürlich die Attraktivität des Gebirges und des Naturraums, die gelebte Kameradschaft in den Bereitschaften. Natürlich bedeutet das auch herausfordernde Rettungseinsätze in einem professionellen Rettungsteam aber dabei für einen persönlich eine hohe Zufriedenheit und Motivation durch Hilfe und Begleitung von Menschen in Not und eine hohe Anerkennung durch die Gesellschaft.

Abschließend möchte ich sagen: Ich bin stolz, eine solche Organisation führen zu dürfen! Die Bergwacht ist eine außergewöhnliche Rettungsorganisation. Trotz aller Herausforderungen und dem hohen Zeitaufwand bin ich weiter begeistert dabei!

hs