Über die Risiken des "weißen Todes"

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Mit Herbert Öttl übten die Teilnehmer das richtige Sondieren.

Inzell (CH-Z) - Groß war das Interesse am Lawinenkurs, den die Bergwacht Inzell heuer zum dritten Mal für Tourengeher und Variantenfahrer kostenlos anbot.

26 Teilnehmer, vorwiegend aus dem Chiemgau, aber auch dem Berchtesgadener Land, machten mit.

"Unser Hauptanliegen ist die Unfallvermeidung", erklärte Herbert Öttl, der mit den beiden anderen Bergwacht-Ausbildern Michi Holzner und Mathias Scheurl den Kurs leitete. Darüber hinaus stellte die Bergwacht ihre Aktivitäten vor, zu denen nicht nur die Einsätze, darunter vergangenen Winter Lawineneinsätze am Rauschberg und Unternberg, sondern auch viele gemeinsame Touren gehören.

Die Anzeichen und Ursachen von Lawinen beleuchtete Mathias Scheurl in einem auch optisch anschaulichen Vortrag in der Bergrettungswache. Er regte an, vor und während einer Tour genau auf das Wetter (Wind, Temperatur und Niederschlag) sowie das Gelände (Steilheit, Exposition und Geländeform) zu achten und so das Risiko zu minimieren. "Wind ist der Baumeister der Lawine, vor allem der Schneebrettlawine", warnte er.

Gefährlich seien die windabgewandte Lee-Seite, aber auch Triebschnee-Ansammlungen, beispielsweise in Rinnen oder Mulden, auf der Luv-Seite oder bei hangparallelem Wind. Anhand von Fotos deuteten die Teilnehmer Windzeichen, wie Dünen oder Windgangeln, die gegen den Wind wachsen, oder Wechten, die mit dem Wind wachsen.

Eine Teilnehmerin durfte im Luftrettungs-Bergesack mit Vakuum-Matratze "probeliegen".

Am besten für die Setzung der Schneedecke sei die Erwärmung bei Tag und die Abkühlung bei Nacht mehrere Tage hintereinander. Schon zehn bis 20 Zentimeter Neuschnee in ein bis drei Tagen könnten bei ungünstigen Bedingungen kritisch werden, bei günstigen Bedingungen dürften 30 bis 60 Zentimeter fallen. Günstig sei, wenn der Regen in Schnee übergehe, nur ein schwacher Wind wehe, der Hang regelmäßig und viel befahren sei und die Temperatur wenig unter null Grad liege. Tückische Situationen könnten sich entgegen landläufiger Meinungen auch im Frühwinter bei wenig Schnee ergeben und bei Schneefall nach wochenlangem sehr kaltem Wetter. Kritisch sei die Kombination einer labilen Schicht und einer Gleitfläche.

Ab 30 Grad Hangneigung riet Scheurl zur erhöhten Vorsicht vor Schneebrettern. Die Fremdauslösung einer Lockerschneelawine drohe ab 35 und deren Selbstauslösung ab 40 Grad. Die Schneedecke könnten Tourengeher schonen, indem sie sich höchstens in Dreiergruppen bewegen, im Spitzkehrengelände Entlastungsabstände halten und Gefahrenstellen einzeln passieren.

Dringend empfahl der Bergwacht-Ausbilder das genaue Studium des Lawinenlageberichtes. Bereits bei Stufe 3 müsse man stets den gesamten Hang beobachten. "Niemals blind nachlatschen, immer das Hirn einschalten", riet er einem Teilnehmer, der meinte, es gebe ein "Dogma", man müsse immer in der angelegten Skispur bleiben.

Da Lawinenopfer in den ersten 15 Minuten noch eine Überlebenswahrscheinlichkeit von fast 90 Prozent haben, während die organisierte Bergrettung meist mindestens 30 Minuten brauche, sei die Kameradenhilfe enorm wichtig. Nur mit Schaufel, Sonde und LVW-Gerät sei die Rettung von ein Meter tief verschütteten Opfern in 15 Minuten möglich. Diese Rettung trainierten die Teilnehmer am Praxistag bei kaltem Nebelwetter rund um das Forsthaus Adlgaß in drei Stationen. Mit Herbert Öttl übten sie, mit der Sonde die zum Teil eisigen Schneeschichten zu durchbohren und das in einer Schneehöhle liegende "Opfer" zu erspüren. Scheurl leitete anhand von vergrabenen Geräten zur richtigen Suche mit dem LVS-Gerät an, von der Grobsuche über die Feinsuche bis zum Orten des Verschütteten. Bei Michi Holzner übten die Teilnehmer die Suche weiterer Verschütteter, die - je nachdem, ob es sich um ein analoges oder digitales LVS-Gerät handelt - unterschiedlich funktioniert.

"T" in 30 Meter Tiefe als Haltepunkt

"Wir wollten nach dem Finden des Opfers einen Schritt weiter gehen", betonte Öttl. Daher zeigten Markus Mayer und Franz Fries, wie ein mindestens 30 Meter tief in den Schnee eingegrabenes "T" (ein sogenannter T-Anker) als Haltepunkt im steilen Gelände entsteht, wie das Verstauen des Verletzten im Luftrettungsbergesack funktioniert und wie der Hubschrauberpilot mit erhobenen Händen richtig an den Landeplatz geleitet wird.

Zum Abschluss gab es ein Merkblatt zum Umgang mit unterkühlten Personen. "Sicherheit vor Schnelligkeit", diese Grundregel legte Öttl den potenziellen künftigen Rettern ans Herz.

"Ich habe bisher viel Massel gehabt", sagte ein Tourengeher beim Abschied nach der gemütlichen Einkehr im Forsthaus sehr nachdenklich zu Öttl.

Veronika Mergenthal/Chiemgau-Zeitung

Quelle: chiemgau24.de

Zurück zur Übersicht: Region Traunstein

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser