Prozess am Landgericht Traunstein

Macheten-Prozess: Doch kein Urteil am Montag

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Der Beschuldigte und sein Anwalt Jörg Zürner am Montag vor Gericht in Traunstein.
  • schließen

Traunstein/Neuötting - Seit dem Morgen wird dem "Machetenmann" der Prozess gemacht. Er soll mit Schwert und Machete auf Polizisten losgegangen sein. Tag eins im Überblick:

UPDATE 18.10 Uhr:

Abschließend hatte am ersten Verhandlungstag Rainer Gerth, Facharzt für Psychiatrie, das Wort. Der Experte attestierte dem Beschuldigten aufgrund seiner schwierigen familiären Verhältnisse eine "Milieuschädigung im frühesten Kindheitsalter". Zudem liege eine "intellektuelle Grenzbegabung" vor - die Intelligenz des Beschuldigten liege also "im unteren Normbereich". Hinzu kommt ein "erheblicher Alkoholmissbrauch", weshalb der Sachverständige von einem "ausgeprägten Krankheitsbild" sprach. Am Tag des Vorfalls in Neuötting kamen dann die Alkoholisierung (von geschätzt 2,2 bis 2,6 Promille zur Tatzeit) und die sehr emotionale Gesamtsituation noch erschwerend hinzu. Gerth geht deshalb davon aus, dass die Steuerungsfähigkeit des Beschuldigten "in erheblichem Maße beeinträchtigt" oder gar nicht mehr vorhanden war. Auch eine "Realitätsverzerrung" schließt der Experte nicht aus. Dann hätte der Beschuldigte "die realen Gegebenheiten nicht mehr als solche wahrgenommen", so Gerth.

Einige Aspekte des Krankheitsbildes des 47-Jährigen hält der Experte für statisch, also für nicht oder kaum veränderlich. Andere Aspekte, etwa die Impulsivität des Mannes, sieht Gerth aber als therapierbar an. Eine Bewährungsstrafe sieht Gerth skeptisch, weil der Beschuldigte da in seine alte Lebenssituation zurückkehren würde. Die Wiederholungsgefahr hält der Experte für "nicht gering". Man müsse davon ausgehen, dass "unter ähnlichen Bedingungen ein ähnliches Handeln stattfinden wird".

Für eine Unterbringung des Beschuldigten ist eine Wiederholungswahrscheinlichkeit höheren Grades nötig. Ob diese vorliegt, wollte Gerth auch auf Nachfrage des Staatsanwalts nicht definitiv sagen. Staatsanwalt Björn Pfeifer hält eine höhere Wiederholungswahrscheinlichkeit für durchaus möglich, weil der Beschuldigte im Laufe seines Lebens schon mehrfach Menschen mit einem Messer bedroht hatte.

Vor allem der Verteidiger des Beschuldigten, Rechtsanwalt Jörg Zürner, stellte Gerth viele Fragen. Weil Gerth aussagte, im Falle einer Unterbringung würde man sich im Bereich von Jahren bewegen, sagte Zürner: "Da reden wir schon über gewaltige Zeiträume." Dies müsse das Gericht bei seiner Entscheidung berücksichtigen. Zürner befürchtet sogar, dass die Unterbringung lebenslang andauern könnte.

Eine Aussetzung zur Bewährung in Verbindung mit einer Alkoholtherapie sieht Gerth sehr skeptisch. Der Experte bezweifelt, dass eine solche Therapie dem Beschuldigten etwas bringe. Dieser habe eher nicht die kognitiven Fähigkeiten für eine solche Therapie. Zudem sei die Alkoholproblematik nur einer von mehreren Faktoren.

Für das Gericht ergibt sich nun ein sehr komplexes Bild, weshalb am Montag noch kein Urteil gefallen ist. Die Sitzung wird am kommenden Montag fortgesetzt. Staatsanwalt und Verteidiger haben dann auch noch die Gelegenheit, Anträge zu stellen.

UPDATE 15.50 Uhr:

Bevor weitere Zeugen gehört wurden, nahm das Gericht die Waffen in Augenschein, die der Beschuldigte bei dem Vorfall mit sich geführt haben soll, also ein Gewehr, ein Samurai-Schwert und eine Machete. Der Vorsitzende Richter Erich Fuchs zog das Schwert aus der Scheide, musterte die Waffe und sagte zum Beschuldigten gewandt: "Schaut schon furchterregend aus, oder?"

Mit diesen Waffen soll der 47-Jährige auf die Polizisten losgegangen sein. Von links: die Machete, das Gewehr (ein Karabiner), die Schwertscheide und das Schwert (ein Katana). Zum Vergrößern auf das Bild klicken.

Anschließend hatte ein Zeuge das Wort, der die Ereignisse im Juni aus nächster Nähe erlebte und bildlich festhielt. Der Zeuge, ein Fotograf, kam zufällig am Ort des Geschehens vorbei, hielt mit der Kamera drauf und lieferte den Behörden damit wichtige Anhaltspunkte zum Ablauf der Ereignisse. In seiner Zeugenaussage bestätigte er die Schilderungen der am Vormittag geladenen Beamten. Der Fotograf sah, wie sich der Beschuldigte auf den bis heute traumatisierten Polizisten zubewegte. "Er ist ziemlich schnell geworden. Da dachte ich, es wird gleich etwas passieren." Auf den Zeugen hatte der Beschuldigte "sehr betrunken" gewirkt.

Diese Einschätzung teilt der Fotograf mit einem weiteren Zeugen. Dieser Zeuge hatte mit dem Beschuldigten vor dessen Begegnung mit den Polizisten gesprochen. Der Beschuldigte habe gesagt, seine Frau sei gegangen und komme nicht wieder.

Die Ex-Frau des Beschuldigten hatte anschließend vor Gericht das Wort und berichtete im Zeugenstand tatsächlich von einem Streit mit dem 47-Jährigen am Tag des Vorfalls. Auf der Straße sei er ihr begegnet. "Da kommt er mir schon besoffen entgegen", so die Zeugin. Der Beschuldigte habe sie als Schlampe beschimpft und ihr die Schuld daran gegeben, dass er kein Geld vom Arbeitsamt bekomme. Sie habe ihm daraufhin gesagt, er solle sich zusammenreißen. Die Antwort des 47-Jährigen nach Angaben der Zeugin: "Mir egal. Du bist eine Schlampe. Du gehst nicht nur zum Arbeiten, sondern auch zum Rumhuren."

Nach Aussage der Zeugin hatte der Beschuldigte regelmäßig sehr viel Bier getrunken, wäre dabei häufig aggressiv geworden. Auch sie selbst habe ihm Bier kaufen müssen. "Ich habe immer zurückgesteckt, damit er seinen Alkohol haben kann", so die Zeugin.

Nach weiteren Zeugen hatte Dr. Jiri Adamec, Biomechaniker am Institut für Rechtsmedizin in München, das Wort. Der Sachverständige äußerte sich zur Gefährlichkeit von Schwert und Machete. Dem Experten zufolge sei das Samurai-Schwert ein Katana, allerdings ein nicht aus mehrfach gefaltetem Stahl gefertigtes Exemplar. "Hier handelt es sich um ein sicherlich nicht hochwertiges Katana." Dennoch sei das Schwert stabil. "Man kann auch sehr intensive Schläge ausführen", so der Biomechaniker. Sowohl das Schwert als auch die Machete seien geeignet, schwere und eventuell auch lebensbedrohliche Verletzungen herbeizuführen.

UPDATE 12.35 Uhr:

Der Polizist, auf den der Beschuldigte mit den Schwertern in den Händen zugegangen war, hat offenbar schwer mit den Erlebnissen zu kämpfen. Wie ein Kripo-Beamter, der in die Ermittlungen eingebunden war, vor Gericht sagte, wisse er nicht, ob der Polizist wieder in den Dienst zurückkehrt. "Er ist schwer traumatisiert",  so der Zeuge. Erschwerend kommt hinzu, dass der Polizist früher schon einmal mit einer Waffe bedroht worden war. Auch damals war es zu einem Schusswaffengebrauch gekommen.

Auf den Beschuldigten geschossen hat letztendlich ein Kollege des Polizisten. Dieser Schusswaffengebrauch war offenbar gerechtfertigt. Wie ein LKA-Beamter als Zeuge vor Gericht sagte, seien die Ermittlungen des LKA zu diesem Ergebnis gekommen. Hätte der Beschuldigte mit dem Schwert geschlagen, hätte es zu schweren Verletzungen kommen können, so der LKA-Beamte. Der Polizist, der geschossen hatte, schilderte vor Gericht, wie nahe der Beschuldigte seinem Kollegen gekommen war. "Wenn er mit dem Messer zugeschlagen hätte, hätte er auch getroffen."

Zuvor war der Beschuldigte schon auf den Schützen selbst zugegangen. Mehrere Beamten bestätigten vor Gericht, dass der heute 47-Jährige dabei "Schieß doch!" gerufen hatte. Warum der Beschuldigte gestoppt hatte und anschließend auf den anderen Polizisten zugegangen war, konnten die Zeugen nicht erklären.

Die Verhandlung ist nun unterbrochen und wird am Nachmittag fortgesetzt. Weitere Zeugen sowie die Gutachter haben dann das Wort. Das Urteil könnte noch heute fallen.

UPDATE 11 Uhr: Aussage des Beschuldigten

Der Beschuldigte machte vor Gericht ausführliche Angaben zu seiner Person. Der inzwischen 47-Jährige schilderte seinen schwierigen Lebensweg, angefangen bei seinem schlechten Verhältnis zu den leiblichen Eltern. Später kam der Beschuldigte zu Pflegeeltern, da sei es ihm "saugut" gegangen. Als Erwachsener hatte der Mann aber immer wieder Schwierigkeiten; der 47-Jährige berichtete vor Gericht von gescheiterten Ehen und Beziehungen, seine letzte Ehe zerbrach an dem Vorfall in Neuötting und seiner darauf folgenden Unterbringung in der Psychiatrie.

Vor einigen Jahren konsumierte der Beschuldigte nach eigener Aussage "Aufputschmittel und Tabletten", allerdings keine härteren Drogen oder Alkohol. Nach einem kalten Entzug, den er ganz alleine gemacht haben will, bekam der heute 47-Jährige Probleme mit Alkohol. Auch zum Zeitpunkt des Vorfalls in Neuötting im Juni letzten Jahres soll der Mann stark alkoholisiert gewesen sein. Zu seinen Angehörigen hat der Beschuldigte offenbar ein schwieriges Verhältnis. Zu seiner heute erwachsenen ältesten Tochter sei ihm der Kontakt untersagt, berichtete der 47-Jährige vor Gericht.

Zu Sache selbst konnte der Beschuldigte nur wenig beitragen. An den Vorfall kann sich der 47-Jährige nach eigener Aussage nicht mehr erinnern. Vor dem Vorfall habe er Bekannte getroffen und ein Bier getrunken. Dabei habe man ihm jedoch heimlich Schnaps ins Bier geschüttet. "Wenn ich Schnaps erwische, werde ich aggressiv", so der Beschuldigte. Als kurz darauf einer der Bekannten seine Frau massiv beleidigte, habe er gesagt: "So, jetzt gehörst du mir." Was danach war, wisse er nicht mehr. Das erste, woran er sich dann wieder erinnere, sei, wie er auf einer Trage liegt. An mehrere Stunden dieses Tages kann sich der 47-Jährige nach eigenen Angaben also nicht mehr erinnern. Trotz seiner Gedächtsnislücken beteuert der Beschuldigte, dass er niemanden habe verletzen wollen – allerdings wisse er, wie es für andere aussieht. "Ich schäme mich für das, was an dem Tag passiert ist."

Der 47-Jährige trug bei dem Schuss, den die Polizei auf ihn abgab, offenbar keine unerheblichen Verletzungen davon. Er habe jetzt ein künstliches Kniegelenk und ein Nerv sei durchtrennt worden. Sein rechter Fuß bereite ihm – wohl dauerhaft – große Schwierigkeiten. "Wenn ich länger sitze, schwillt er an." Wie der Beschuldigte erklärte, werde dies dauerhaft so bleiben. "Für den Tag werde ich mein Leben lang büßen."

Psychisch bezeichnet sich der Beschuldigte, der seit dem Vorfall in der Psychiatrie untergebracht ist, als "stabil". Größere Probleme mit dem Alkohol bestreitet 47-Jährige. "Ich laufe nicht jeden Tag besoffen durch die Gegend." An jenem Tag im Juni ist es dem Beschuldigten aber offenbar sehr schlecht gegangen. "An dem Tag wollte ich sterben",  so der 47-Jährige. Es sei einfach alles zu viel gewesen und er sei sich vor seiner damaligen Frau wie ein Versager vorgekommen. Das hatte sich längere Zeit aufgestaut.

Vorbericht

Angesichts der höchst bedrohlichen Situation endete der Vorfall im Juni letzten Jahres, so wie er sich Augenzeugen und der Polizei zufolge abspielte, vergleichsweise glimpflich. Mit einem Schuss in den Oberschenkel stoppten Polizisten den Neuöttinger "Macheten-Mann". Der 46-Jährige war der einzige, der bei dem Vorfall verletzt wurde.

"Dein Kopf gehört mir!"

Die Szenen, die sich mutmaßlich in den Minuten vor dem Schuss abspielten, klingen im ersten Moment wie aus einem Actionfilm entsprungen. Ein Mann bedroht vor einem Lokal in der Neuöttinger Bahnhofsstraße Passanten mit einem Gewehr, ruft Augenzeugen zufolge "Dein Kopf gehört mir! Ruf die Polizei!" und geht anschließend auf die alarmierten Polizisten los - mit einer Macheten in der einen und einem Samurai-Schwert in der anderen Hand.

Ungeachtet dieses erschreckenden Szenarios reagierten die Beamten offenbar besonnen und stoppten den Angreifer mit einem gezielten Schuss ins Bein. Der Mann kam zunächst ins Krankenhaus und wurde später von einem Facharzt für Psychiatrie begutachtet. Die Staatsanwaltschaft beantragte schließlich die Unterbringung des Mannes in der Psychiatrie.

Prozessauftakt am Montag

Die Ermittlungen sind inzwischen abgeschlossen, ab Montag muss sich der 46-Jährige vor Gericht verantworten. Augenzeugen werden zu Wort kommen, aber auch der Zustand des Mannes zum Zeitpunkt des Vorfalls dürfte Gegenstand der Verhandlung sein.

Innsalzach24.de ist vor Ort und berichtet aktuell vom Prozess.

 

Aus unserem Archiv:

Kripo ermittelt in Neuötting

Quelle: chiemgau24.de

Zurück zur Übersicht: Region Traunstein

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser