"Die Ware ist jetzt da"

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Belastete den Hauptangeklagten gestern schwer: ein 80-jähriger Kaufmann aus Hamburg. Fotos kretzmer

Chieming/Traunstein - Am zweiten Verhandlungstag des Entführungsprozesses gegen die "Chieminger Rentner-Gang" haben sich die Angeklagen gegenseitig schwer belastet.

"Die Ware ist jetzt da. Es hat alles geklappt". Das soll der Hauptangeklagte (74) im Geiselnahmeprozess am Landgericht Traunstein nach der "erfolgreichen" Entführung eines Amerikaners (57) im Juni 2009 seinem Komplizen aus Schliersee telefonisch mitgeteilt haben. Der 61-jähriger Mittäter belastete den 74-jährigen, einen früheren Bauunternehmer aus Chieming, gestern schwer im Sinn der Anklage.

Mit der Entführung wollten zwei Rentnerpaare aus Chieming (74 und 80 Jahre alt) und Schliersee (67 und 64 Jahre) ihr Opfer - früher zeitweise Finanzmakler in den USA und inzwischen Unternehmer in Speyer - laut Anklage zur Rückzahlung von mehreren Millionen Dollar aus betrügerischen Immobiliengeschäften in Florida zwingen. Der geständige 61-Jährige, früher in den Staaten für das Opfer tätig, wollte an von dem 57-Jährigen angeblich noch nicht gezahlte Provisionen gelangen.

Der 74-jährige mutmaßlicher Initiator der Geiselnahme, Verursacher der schweren Verletzungen des Opfers und Wortführer einer Art Tribunal gegen den Ex-Finanzmakler hatte am ersten Verhandlungstag rundweg jede Schuld bestritten und von einer "freundlichen Einladung zu ein paar Tagen an den Chiemsee" gesprochen. Der mitangeklagte 61-Jährige widerlegte ihn gestern.

Der gebürtige Hamburger Kaufmann hatte 1994 eine Amerikanerin geheiratet und war 1996 in die USA ausgewandert. Nach der Befreiung des Entführten durch die Polizei am 20. Juni 2009 in einer SEK-Aktion wurde der Vaters von sechs Kindern aus zwei Ehen verhaftet. Das brachte seine Firma in Florida in Schwierigkeiten. Mittlerweile lebt die hoch verschuldete Familie in den USA von Sozialhilfe, wie Rechtsanwalt Harald Baumgärtl aus Bernau ausführte.

Verlor "sauer verdientes und versteuertes Geld": eine Ex-Ärztin. Unter Tränen entschuldigte sie sich beim Opfer.

Den Finanzmakler hatte der 61-Jährige kurz nach der Auswanderung kennen gelernt. Der 57-Jährige, mittlerweile in den USA im Elektronikbereich tätig, bot ihm Jahre später eine Stellung an - für den Vertrieb von Software in den arabischen Golfstaaten. Nach größeren Problemen wegen nicht vorhandener Rechte an der Software reichte der 61-Jährige gegen den früheren Chef "wegen Betrugs" Klage in Florida ein und forderte 690.000 Dollar Schadenersatz. Laut Baumgärtl habe der Beklagte den Prozess vier Jahre lang verschleppt." Weil sich sein Mandant die Kosten nicht mehr leisten könne, ruhe der Prozess.

Er soll die Entführung fast im Alleingang geplant haben: der 74-jährige Rentner aus Chieming. Auch seine Frau (rechts) will sich rausgehalten haben.

Anfang 2009, so Baumgärtl weiter, habe sich der zunächst mitangeklagte 67-jährige Ex-Arzt aus Schliersee (verhandlungsunfähig aufgrund von Herzproblemen) bei dem 61-Jährigen gemeldet und von den hohen Geldrückforderungen erzählt. Der 61-Jährige sei am 10. Juni von den USA nach Deutschland geflogen - aus geschäftlichen Gründen. Am 15. Juni 2009 sei er nach Chieming gefahren. Nach Worten des 74-Jährigen war "das Geld sehr nahe". Jede Beteiligung an einer Entführung oder einer Straftat wies der 61-Jährige über seinen Verteidiger zurück. Erst als er im Haus in Chieming den präparierten Kellerraum, den vorbereiteten großen Pappkarton und die Sackkarre für den Transport des Opfers sah, sei er erstmals mit den Entführungsplänen konfrontiert worden.

Der 61-Jährige bestätigte gestern weitgehend den Ablauf der Entführung aus der Anklage - wie man das Opfer in Speyer bei der Heimkehr abgepasst, den Mann mit Klebeband gefesselt und geknebelt habe, das Einsperren in der Kiste, den Transport mit der Sackkarre die Treppe hinab zum Auto. Der 74-Jährige habe dem Amerikaner in der Wohnung einen "schnellen Handkantenschlag" versetzt, ihn nach dessen Befreiungsversuch im Wagen mit Fäusten geschlagen.

Der Verteidiger betonte, der 57-Jährige sei "nicht mit dem Tode bedroht worden". Man habe nur angedroht, die gesammelten Akten der amerikanischen Justiz zu übergeben. Weitere Ausführungen Baumgärtls galten den langwierigen Verhandlungen in Chieming mit dem Opfer über die Bedingungen für die Freilassung: unwiderrufliche Zahlungsanweisungen an Schweizer Banken zugunsten der Angeklagten.

Das Opfer: Der Amerikaner (56) wurde nach Chieming entführt.

Abschließend ließ der 61-Jährige über den Anwalt seine Reue beteuern. Stundenlang beantwortete der 61-Jährige gestern Fragen. Von einem Tribunal im Keller könne man nicht sprechen, eher von einem Kreis "wie im Kindergarten". Vorsitzender Richter Karl Niedermeier mahnte im Hinblick auf das "ehrenwerte Geständnis": "Sie haben nichts davon, die anderen Beteiligten zu schonen. Sonst verliert Ihr Geständnis sein Gewicht." Nicht recht erklären konnte der 61-Jährige eine SMS an seine Frau in Florida am vierten Gefangenentag: "He Schatz, die Pelle wird langsam von der Schale entfernt. Die Kartoffel ist schon weich und an manchen Stellen matschig. Die Kartoffel bleibt noch so lange im Keller, bis der Aktienkauf bestätigt ist."

Den 74-jährigen Hauptangeklagten umriss der 61-Jährige als richtungweisenden Wortführer, als "Macho", der gewohnt sei, dass man seine Anordnungen befolge. Dessen Frau sei eine "typische Hausfrau, die ihm dient". Seine 80-jährige Ehefrau äußerte sich gestern zur Sache nur über ihren Verteidiger, Frank Eckstein aus München. Der Tenor: Sie habe ihrem Ehemann immer vertraut, auch in allen finanziellen Angelegenheiten, die er allein geregelt habe. Sie habe bei dem 57-Jährigen mehr als zwei Millionen Dollar angelegt. Er habe ab 2008 die unterschiedlichsten Erklärungen für die ausbleibenden Zahlungen gehabt, etwa, durch die Wirtschaftskrise sei das Geld weg.

Ihr Mann habe das nicht geglaubt, betrügerische Absicht angenommen. Ein oder zwei Tage vor der Entführung habe ihr Mann gesagt, er würde gegebenenfalls den 57-Jährigen mitbringen. Sie sei damit nicht einverstanden gewesen. "Ich wollte ihn nicht im Haus haben" - so der Verteidiger für die 80-Jährige.

Auch mit der Entführung sei sie nicht einverstanden gewesen, habe aber "keine Chance gehabt, es zu verhindern". Sie habe versucht, sich aus der ganzen Sache heraus zu halten. Den Amerikaner habe sie mehrmals beschwichtigt, er könne bald gehen.

Die 80-Jährige wuchs in Buchloe auf, war in erster Ehe mit einem Fabrikanten für Parfumzerstäuber verheiratet. Nach dem Tod des Mannes lernte sie den Hauptangeklagten 1996 in Florida kennen, ein Jahr später folgte die Hochzeit. Beide hätten sie damals Häuser in Florida erworben. Heute habe sie kein Geldvermögen mehr, höchstens noch 20 000 Dollar auf einem Konto in den USA.

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Die 64-jährige Angeklagte, die früher zusammen mit ihrem Mann eine orthopädische Praxis in Schliersee hatte, ließ ebenfalls ihren Verteidiger reden und betonen, sie sei immer als "unbescholtene Ärztin durchs Leben gegangen". Dass sie sich nicht dafür eingesetzt habe, dass der Entführte frei gelassen wurde, sei "ihr schwerster Fehler". Den 57-Jährigen habe sie 1994 getroffen, mit ihrem Mann bei ihm 300 000 Dollar - "sauer verdientes Geld und versteuert" - angelegt. Der Verlust des Geldes habe schlaflose Nächte bereitet: "Mein herzkranker Mann hat sich noch mehr aufgeregt als ich. Die 64-Jährige will von dem Entführungsplan keine Ahnung gehabt haben. Sie sei erst nach dem Eintreffen am Chiemsee von dem 74-Jährigen informiert worden. Die Angeklagte stand auf, blickte zu dem 57-Jährigen und sagte fast unter Tränen: "Ich möchte mich bei Ihnen aufrichtig für mein Fehlverhalten entschuldigen. Ich bedauere alles sehr."

Der Prozess geht am 9. März weiter.

Monika Kretzmer (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: chiemgau24.de

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