Podiumsdiskussion zum Flächenverbrauch 

„Heimat bewahren und Heimat geben“

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Diskutierten um Wege gegen einen unnötig hohen Flächenverbrauches (von rechts):, Konrad Schupfner, 1. Bürgermeister der Stadt Tittmoning und Vorsitzender des Städte- und Gemeindetages, Beate Rutkowski, 1. Vorsitzende des Bund Naturschutz Kreisgruppe Traunstein, Peter Rubeck, Landschaftsarchitekt und Bauleitplaner und Bernhard Haberlander vom Maschinenring Traunstein. Ganz rechts Moderator Josef Mayer vom CSU Kreisverband, der jedem Podiumsteilnehmer ein Handtuch mit einem symbolischen Quadratmeter Freistaat Bayern über

Traunstein - Am Montagabend diskutierten im Traunsteiner Bräustüberl auf Initiative des CSU-Arbeitskreises Umweltsicherung und Landesentwicklung Fachleute über die langfristigen Auswirkungen des hohen Flächenverbrauchs der - wenn es nach dem Willen der Grünen-Fraktion im Bayerischen Landtag geht - Gegenstand eines Volksbegehrens mit einer Begrenzung auf fünf Hektar Verbrauch pro Tag werden soll, während die CSU-Landtagsfraktion auf ein Bündel freiwilliger Maßnahmen und Anreize setzt.

Die Daten und statistischen Zahlen zum Flächenverbrauch in Bayern sind alarmierend: Laut den letzten statistischen Zahlen des Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz beträgt der aktuelle Flächenverbrauch im Freistaat 9,8 Hektar pro Tag (Stand 2016), was in etwa 14 Fußballfeldern entspricht. Jährlich werden circa 36 Quadratkilometer Freifläche in Siedlungs- und Verkehrsflächen umgewandelt. Eine florierende Wirtschaft, der geforderte verstärkte Wohnungsbau und der Ausbau der Infrastruktur verstärke den Trend noch. Je nach Berechnungsmethode und aktuell verfügbaren Zahlen steigt der von manchen als „Flächenfraß“ oder „Betonflut“ bezeichnete Trend noch deutlich an.

Zur Diskussion der gut besuchten Veranstaltung stellten sich Konrad Schupfner, 1. Bürgermeister der Stadt Tittmoning und Vorsitzender des Städte- und Gemeindetages, Beate Rutkowski, 1. Vorsitzende des Bund Naturschutz Kreisgruppe Traunstein, Peter Rubeck, Landschaftsarchitekt und Bauleitplaner und Bernhard Haberlander vom Maschinenring Traunstein. Schnell wurde eines dabei klar: Die Notwendigkeit, mit verfügbaren Flächen sorg- und sparsam umzugehen teilten alle Teilnehmer. Nur in der Frage nach dem Weg, wie und in welchem Umfang Flächen effektiv und zukunftsträchtig genutzt werden können, gingen die Meinungen zum Teil weit auseinander.

CSU-Ortsvorsitzender Dr. Christian Hümmer wies zu Beginn der Veranstaltung auf das mögliche Volksbegehren hin. „Die Diskussion darüber gibt es schon relativ lange. Gleichzeitig geht es auch um die Planungshoheit der Kommunen und die hat Grundrechtscharakter.“

Wohnungsangebote und Arbeitsplätze gefragt

Schupfner hinterfragte, was einen attraktiven ländlichen Raum ausmache und lieferte gleich selbst die Antwort: „Ausreichende Wohnungsangebote und attraktive Arbeitsplätze.“ Ansonsten bestehe die Gefahr, dass junge Fachkräfte – insbesondere Akademiker – wegziehen würden. Kommunen würden viel für den Erhalt der Landschaft tun. In der Wohnungsfrage stünde man vor einer schwierigen Situationen, es würden Wohnungen fehlen, was insbesondere auch für die Metropolen und Ballungszentren gelte. „Wenn wir die Flächenausweisung halbieren werden zwangsläufig weniger Wohnungen entstehen und die Preise werden steigen.“ Für junge Familien werde es dann zunehmend unerschwinglich, Wohneigentum zu erwerben. Er wolle nicht mehr Märkte auf der „Grünen Wiese“, Betrieben sollten jedoch für Expansionsmöglichkeiten Flächen nutzen können. Ein „falsches Instrument zur falschen Zeit“ sei das Volksbegehren. Er wolle nicht mit Behörden mit Sitz in München diskutieren, sondern mit den Bürgern.

Verlust der Artenvielfalt

Rutkowski zeigte die Sicht des Umweltverbandes auf. Sie wolle „Miteinander diskutieren und nicht übereinander schimpfen.“ Die versiegelte Fläche in Traunstein habe in den vergangenen Jahren kräftig zugenommen. 93 Hektar Verkehrs- und Siedlungsfläche seien 2016 in Traunstein „verbraucht“ worden. Diese Flächen seien letztlich verloren. Wälder seien verschwunden sagte sie mit Blick auf die Strecke von Nußdorf nach Traunstein und machte im Bezug auf die Gewerbeansiedlungen im Süden ihre persönliche Einschätzung deutlich: “Es werden hässliche Gewerbegebiete gebaut.“ Für die Bürger würden neue Straßen, Kreisverkehre und Parkflächen Kosten bedeuten, die der Steuerzahler letztlich tragen müsse. „Flächenversiegelung bedeutet den Verlust der Artenvielfalt.“ Die Gefahr von Hochwassern steige. Der Flächenverbrauch widerspreche den Klimazielen, denen sich Deutschland verpflichtet habe. „Neue Ideen, neue Wohnformen“ seinen nötig. Es zeige sich aber, dass „Freiwilligkeit nicht funktioniere“. Man brauche klare Zielvorgaben. „Umdenken und zwar sofort“ war ihre Forderung.

Generationsübergreifendes Wohnen präferiert

Rubeck fand seine Position in beiden vorangegangenen Statements wieder. Er habe als Landschaftsarchitekt den Part zwischen den Stühlen. „Es geht um tragfähige Konzepte für eine sinnvolle Ortsentwicklung. Wohnen und Arbeit zusammenbündeln war sein Credo. Er wies darauf hin, dass generationsübergreifendes Wohnen gefragt sei, wenn man an die Bedürfnisse von jungen Familien und älteren Menschen denke. Man könne im Geschosswohnungsbau eine Ebene drauf packen. Auch das würde den Flächenverbrauch reduzieren. Dachbegrünungen könnten in eingeschränkter Maßnahme als Ausgleichsfläche förderlich sein. Er sprach sich für interkommunale Ausgleichsflächen aus.

„Mehr in die Tief und Höhe bauen“

„Aus Sicht der Landwirtschaft ist wichtig, dass viel Boden für die Landwirtschaft und Natur erhalten bleibt“ betonte Haberlander. Er kritisierte den eingeschossigen Bau von Discountern. Auch im Landkreis Traunstein gäbe es bei deren Auszug aus den Spezialimmobilien Leerstandsprobleme. Er erwarte, dass in der Zukunft mehr in die Tiefe und in die Höhe gebaut werde“ sagte er mit Blick auf Entwicklungen in Großstädten, in denen es neue Konzepte gäbe. Auch über die Qualität der Ausgleichsflächen müsse diskutiert werden. Es gelte aber der Grundsatz „So wenig Verbrauch von landwirtschaftlich genutzten Flächen wie möglich.“

Kontroverse Diskussion

Georg Huber, Gemeinderat in Waging sagte er sei klarer Befürworter des Volksbegehrens. In Waging sehe man das aktuelle Beispiel, dass Discounter im Gemeindegebiet bauen wollen und für einen hohen Flächenverbrauch sorgen. Max Wimmer aus Grabenstätt ging auf das heimische Landschaftsbild ein: „Alle wollen hier her und das weckt die Begehrlichkeit auf unsere Grundstücke.“ Gemeinde und Planer seien gefordert, über kreative Lösungen nachzudenken, was gerade für den Wohnungsbau gelte. Er wünsche sich „mehr Mut“ bei Planern und Kommunen. Die Bebauungspläne hätten sich aber in den letzten Jahrzehnten kaum verändert. „Gerade das Mehrgenerationenhaus ist ein total wichtiges Thema.“ Man brauche Lösungen und kein Schwarz-Weiß-Denken. Auch die Naturschutzverbände seien gefordert.

Franz Harrer aus Bergen sagte alleine eine Erhöhung der Wandhöhe würden einen sinnvollen Dachgeschossausbau ermöglichen. Die Versorgung von pflegebedürftigen Eltern sei in jetzigen Genehmigungen mit fehlendem Dachgeschoßausbau nicht gewehrleistet. Auch Hausmeisterwohnungen in Gewerbegebieten sollten leichter ermöglicht werden.

Wer verrät die künftige Generation?

Ute Künkele aus Petting fragte wie man aufgelassene Bauernhöfe für Familien adaptieren könne. Auch kritisierte sie die Gartengröße bei manchen Häusern, die von den Eigentümern oft nicht mehr bewirtschaftbar seien. Konrad Baur aus Traunstein sagte vor dem Hintergrund der anstehenden Landtagswahl, es versuche jede Gruppierung ihre Daseinsberechtigung mit „Überzogenen Forderungen“ darzustellen. Er monierte, dass die statistische Größenordnung von 13 Hektar Flächenverbrauch pro Tag zu hoch angesetzt seien. „Zubetoniert ist in etwa die Hälfte.“ Dies würde aber von verschiedenen Seiten falsch dargestellt. „Es ist schön wenn alles in unserer Postkartenidylle bleibt. Aber davon kann ich meine Familie nicht ernähren. Wer heute den Preis künstlich in die Höhe treibe, der verrät die künftige Generation.“

Rainer Schenk aus Traunstein sagte er „lebe mit der Natur und nicht gegen die Natur.“ Es sei nicht nötig Zahlen zu diskutieren. „Taten müssen folgen.“ Die Diskussion sei aber wenig ermutigend für ihn. Gleichzeitig frage er sich, warum die letzten zwei Jahrzehnte wenig passiert sei. Johann Kainz aus Traunstein betonte, es gehe um Ressourcen, die begrenzt seien. „Die Grenzen des Wachstums werden beim ‚Flächenfraß‘ sichtbar.“ Monika Klingenberg-Weigel aus Traunstein sagte, dass es viele Städte gebe, die von einem „hässlichen Gewerbegürtel“ umgeben seien. „Die Bevölkerung ist deshalb gegen Versiegelung, weil alles so schrecklich aussieht.“

„Heimat bewahren und Heimat geben“

Dr. Hümmer aus Traunstein gab als Slogan aus: „Heimat bewahren und Heimat geben“. Auswüchse müssten zurück gedrängt werden. „Aber wir dürfen nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.“ Es müsse andere Instrumente als nur Verbote geben.

Schupfner faste zusammen, auf welchen Nenner sich die Podiumsteilnehmer aber auch die anwesenden Besucher einigten konnten: „Keine Diskussion ‚Menschen gegen Naturschutz‘ sondern Mensch und Natur miteinander befrieden.“ Über das Wie, Wann und in welchem Umfang blieben aber die Positionen nach der zweistündigen Veranstaltung in wichtigen Teilen kontrovers.

awi

Quelle: chiemgau24.de

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