Demokratie ist kein Selbstläufer!

Alois Glück zu Besuch am Chiemgau Gymnasium

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Traunstein - Bei einem Besuch am Chiemgau-Gymnasium diskutierte Alois Glück, Landtagspräsident a.D., mit den Schülerinnen und Schülern der 11. Jahrgangsstufe über die Herausforderungen der Demokratie.

"Die größte Gefahr für unsere Demokratie sind nicht ihre Gegner. Die größte Gefährdung unserer Demokratie ist unsere Gleichgültigkeit, unsere Zuschauermentalität. Wir müssen die Bedeutung der Werte und der Wertorientierungen für die Entwicklungen in unserer Gesellschaft und für die internationale Entwicklung erspüren und begreifen, denn diese Wertekonflikte haben eine höhere Brisanz als viele andere Ursachen." Mit diesen zwei zentralen Aussagen leitete Alois Glück, Landtagspräsident a.D. und Mitglied des Kuratoriums des Wertebündnisses Bayern, seinen hoch interessanten und auch bewegenden Vortrag im Rahmen des Jahresthemas "Digitalisierung und Werteerziehung" ein.

Der größte Feind der Demokratie

In einer Zeit, in der die Demokratie erschreckend an Rückhalt verliert, in der sich immer mehr Menschen auch autoritäre Systeme vorstellen können, der Traum vom Siegeszug der freiheitlichen Demokratie westlicher Prägung geplatzt ist, kritisierte Glück besonders eine "Zuschauermentalität", die er als größten Feind der Demokratie bezeichnete. Auch in Deutschland - einer "Insel der Stabilität, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Zukunftsfähigkeit" - bewertete er fehlendes Engagement für die Demokratie als gefährlich:Es sei ein Fehler, die Demokratie als Selbstverständlichkeit zu betrachten, denn nur durch aktive Anteilnahme der Bürger könne ihr Fortbestehen gesichert werden, so Glück, Wahlen alleine reichen dafür nicht aus, der Staat ist nicht ein Dienstleistungsbetrieb für unsere Ansprüche, sondern unsere gemeinsame Aufgabe.

"Wirkkräfte der Veränderung"

Als zentrale "Wirkkräfte der Veränderung" diagnostizierte Glück Entwicklungen in der Bevölkerungsstruktur, Migration, Globalisierung und Digitalisierung. Vor allem in Bezug auf die Migration, die damit verbundenen Probleme, und die immer enger vernetzte Welt betonte Glück, dass wir eine "Schicksalsgemeinschaft" und "Konfliktteilnehmer" seien und nicht passive Zuschauer. Wir sind die Gewinner der Globalisierung, so Glück weiter, und leben damit auch auf Kosten der anderen. Als Beispiel nannte er die seltenen Erden, einen Rohstoff, der in allen unseren elektronischen Geräten steckt und der durch menschenunwürdige Bedingungen und Kinderarbeit gefördert wird. 

Die negativen Folgen der Globalisierung zeigen sich nun in den Fluchtbewegungen und den damit verbundenen Problemen in Europa. Durch die Digitalisierung, den Zugang zum Internet und den sozialen Medien auch in den Entwicklungsländern wissen die Menschen über den westlichen Lebensstandard Bescheid und möchten auch daran partizipieren. 

Wichtig in dieser Auseinandersetzung ist für Glück eine wertebasierte Argumentation, das Verständnis für die Vielfalt der Kulturen in einer globalisierten Welt, die Berücksichtigung unterschiedlichen kultureller Kontexte und des jeweiligen kulturellen Gedächtnisses. Klar grenzte er sich von der Vorstellung einer westlichen Überlegenheit ab, betonte aber, dass die gelebten Werte eine Gesellschaft prägen und ihre politischer Entwicklung bestimmen. An die Menschen, die sich von populistischen Strömungen mitreißen lassen und die Überfremdung im eigenen Land fürchten, stellte er die rhetorische Frage, ob unsere Werte tatsächlich so schwach seien, um von einer kleinen Minderheit von Flüchtlingen bedroht zu sein. In diesem Zusammenhang forderte er auch seine jungen Zuhörer auf, nicht nur Länder zu bereisen, um die Landschaft oder das Essen zu genießen, sondern mit Menschen in diesen Ländern in Kontakt zu kommen und zu lernen, deren Art zu denken und zu handeln nachzuvollziehen.

Alois Glücks Werteverständnis ist sehr stark von den Werten des Christentums geprägt. Er war langjähriges Mitglied der katholischen Landjugendbewegung und später Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. So sind für ihn ein humaner Umgang mit den Flüchtlingen, die unveräußerliche Würde des Menschen, die Sicherung der Religionsfreiheit und der Wert von Freiheit in Kombination mit Verantwortung Teil seiner christlichen Überzeugung.

Engagierte Staatsbürger

In der anschließenden lebhaften Diskussion, die von der Frage nach der Obergrenze für Flüchtlinge, dem Verhältnis von Horst Seehofer und Angela Merkel bis hin zur Frage nach der Frauenquote und der Vereinbarkeit von Waffenexporten und christlichen Werten reichte, verdeutlichte Glück, dass es ohne engagierte Staatsbürger, ohne die Bereitschaft zur Selbstreflexion und zum Kompromiss auf Dauer keine lebensfähige Demokratie gibt. Auch wenn die digitale Vernetzung eine großartige Möglichkeit für die Arbeitswelt, für die Teilnahme an Wissen und Partizipation ist, so Glück, kann in den Netzwerken kein Gemeinwesen aufgebaut und gestaltet werden. Diese bittere Erfahrung hat der "arabische Frühling" gezeigt.

Demokratie ist kein Selbstläufer

Alois Glück appellierte an die Schülerinnen und Schüler, sich aktiv an dieser politischen und gesellschaftlichen Wertediskussion zu beteiligen, sich zu engagieren, so wie es viele Menschen im Ehrenamt machen, um die Zukunft für eine lebendige Demokratie mit zu gestalten.

Nicht nur dieser Appell, sondern Alois Glück in seiner ganzen Person beeindruckten die Schülerinnen und Schüler sehr. Seine offene Art, schwierige Themen darzustellen, nicht mit erhobenem Zeigefinger zu sprechen, sondern sein ehrliches Interesse an der Sichtweise der Jugendlichen, seine differenzierte Sicht auf die Probleme, verbunden mit einem klaren Wertebewusstsein gaben Platz zum Nachdenken. Gerade für unsere Generation wird immer deutlicher, dass Demokratie wohl nicht einfach ein Selbstläufer ist.

Pressemitteilung Chiemgau Gymnasium Traunstein

Quelle: chiemgau24.de

Rubriklistenbild: © Chiemgau Gymnasium Traunstein

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