Prozess um erstochenen 19-Jährigen in Ainring

Unfaires Verhör? Anwalt nimmt sich Polizisten vor

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Rechts der Angeklagte, links Pflichtverteidiger Florian Eder.
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Ainring/Traunstein - Nach einem Streit soll ein Russlanddeutscher im November 2016 betrunken einen 19-Jährigen bei einer Geburtstagsfeier erstochen haben. Der zweite Prozesstag war lange, doch dafür teils turbulent

Das Wichtigste vom zweiten Prozesstag

  • Die Mutter des Opfers schlug den Angeklagten während einer kurzen Pause.
  • Der Angeklagte behauptet, er habe sich nur gewehrt. Der Stich ins Herz sei ein Versehen gewesen.
  • "Das ist die schlimmste Nacht meines Lebens", schrieb das spätere Opfer von der Feier per SMS. 
  • "Meine Familie ist kaputt", so der Vater des damals 19-Jährigen heute.
  • Die Verteidigung bleibt dabei: Das Geständnis ihres Mandanten im Polizeiverhör geschah unter Druck.
  • Richter Fuchs und Anwalt Eder gerieten lautstark aneinander: Es ging um wiederholte Anträge der Verteidigung.

UPDATE, 19.10 Uhr: Anwalt nimmt sich Polizisten vor

Die nächsten beiden Polizisten kommen in den Zeugenstand und müssen sich den bohrenden Fragen vor allem von Anwalt Florian Eder stellen. Inzwischen geht es kaum mehr um die Aussagen des Angeklagten während des Polizeiverhörs zur Tat, sondern darüber, wie das Verhör verlief: Wurde Druck ausgeübt? Wurden alle Regeln eingehalten? 

"Denken Sie jetzt an die Mutter des Opfers", haben die Beamten bei der Vernehmung dem 46-Jährigen geraten. Seinem Verteidiger gefällt das gar nicht: "Was hat das in einer Vernehmung zu suchen? Sind Sie etwa auf Seiten der Mutter?", so Anwalt Eder. 

Es geht hier um nichts weniger als ein mögliches Geständnis des Angeklagten: Im Polizeiverhör gab er die tödliche Messerattacke nämlich zu, im Prozess zogen er und seine Anwälte dieses Geständnis aber wieder zurück - eben wegen der Verhörmethoden, die Florian Eder nun in Zweifel zieht.

"Sie haben ihn doch in Ihrer Wut und in Ihrer Rage abgestochen!", "Sie waren stockbesoffen", "Sie haben Ihn abgestochen!" - mit diesen und ähnlichen Sätzen wurde der Angeklagte während des Polizeiverhörs immer wieder konfrontiert. "Solche Vorhaltungen dienen doch nicht der Wahrheitsfindung, damit wird doch viel eher ein anderes, klares Ziel verfolgt", so der Verteidiger. 

"Damit wollten wir den Druck erhöhen", so einer der Polizisten. Beide Beamten beteuern aber, dass das Verhör in Ordnung gewesen sei - lediglich Ungenauigkeiten im Protokoll gesteht man ein. 

Anwalt Eder bleibt Konsequent: Wie auch schon zuvor stellt er einen Antrag, dass die Zeugenaussagen der vernehmenden Polizisten für die Urteilsfindung nicht verwertet werden dürfen: "Wir wollen niemanden damit nerven oder das Gericht stören, aber es gibt Rechte, die beachtet werden müssen." Noch hat das Gericht nicht entschieden, wie es mit den Anträgen der Verteidiger auf die Verwertungsverbote umgehen wird. 

Der Prozess wurde nun unterbrochen und wird am 24. Juli fortgesetzt.

UPDATE, 18.10 Uhr: Richter und Anwalt geraten lautstark aneinander

Wie verlief das Polizeiverhör des Angeklagten kurz nach der Tat? "Anderthalb Stunden dauerte die Vernehmung, es war ruhig und bedacht." Man habe ihn über seine Recht belehrt - nicht nur einmal, als man ihn als Zeugen vernahm, sondern auch ein zweites Mal, als man dem Angeklagten klar machte, dass er nun als "Beschuldigter" angesehen werde.

"Er hat sich im Verhör auch nie beschwert, dass er sich ungerecht behandelt fühlt oder so. Er hat gut mitgemacht", so die Polizistin, die beim Verhör dabei war. Auch habe er keinen eingeschüchterten Eindruck gemacht - heute ließ der Angeklagte über seinen Anwalt verlauten, dass er Angst vor Schlägen hatte, weil das in Russland öfters vorkomme. Auf wiederholte Nachfrage soll er in der Vernehmung gesagt haben: "Es ist alles in Ordnung, ich habe nichts zu klagen."

Doch dem Angeklagten wurde im Polizeiverhör gedroht, dass auch sein 13-jähriger Sohn vernommen werden könnte - ohne ihm zu sagen, dass sein Sohn als enger Angehöriger eigentlich ein Zeugnisverweigerungsrecht hat...

Richter Fuchs

Nun tritt wieder Verteidiger Florian Eder auf den Plan: "Ich widerspreche der Verwertung dieser Zeugenaussage" - denn die Aussagen seines Mandanten bei der Polizei seien nicht ordentlich zustande gekommen. Es kommt zu Meinungsverschiedenheiten mit Richter Fuchs - beide werden laut, es schaukelt sich hoch zu einem hitzigen Wortgefecht: "Was soll der raue Ton mir gegenüber?!", so Richter Erich Fuchs zu Anwalt Eder - der bezeichnet das Verhalten des Richters dagegen als einen "Akt der Respektlosigkeit" ihm gegenüber.

UPDATE, 17.30 Uhr: Polizisten als Zeugen ausgeschlossen?

Nun sollen weitere Polizisten als Zeugen geladen werden, die den Angeklagten kurz nach der Tat auf der Polizeidienststelle bereits vernommen haben - doch Verteidiger Eder will die Pläne von Richter Fuchs durchkreuzen. Er erinnert an seinen Antrag auf ein sogenanntes Verwertungsverbot dieser Vernehmungsprotokolle - auf seinen Mandanten sei Druck ausgeübt worden, auch die Belehrung sei nicht ordnungsgemäß vonstatten gegangen.

Daher will der Anwalt die Polizisten nun erst gar nicht vor Gericht sehen, weil sich ihre Aussagen in erster Linie wohl wieder auf das Polizeiverhör stützen würden: "Der Bundesgerichtshof zwingt mich dazu", untermauert der Anwalt sein Vorgehen - doch der vorsitzende Richter Erich Fuchs widerspricht energisch: "Hören S´ doch auf mit so einem Schmarrn. Ich verstehe Ihre Taktik sowieso nicht." Per Gerichtsbeschluss verfügt Fuchs, dass die Polizisten als Zeugen doch vernommen werden.

UPDATE, 15.55 Uhr: Aussage des Vaters und eines Freundes des Opfers 

"Meine Familie ist kaputt. Es ist, wie wenn mit meinem Sohn alle anderen auch gestorben wären", so der Vater des 19-jährigen Opfers jetzt vor Gericht. Der Traunreuter befindet sich noch immer in psychologischer Behandlung. Die verbliebenen Kinder säßen oft zusammen und weinten, "aber ich kann ihnen nicht helfen. Wir können nur zusammen weinen".

Sein Sohn sei nie aggressiv gewesen, versichert er dem Gericht. Inwieweit er seinen Sohn auch in sehr betrunkenem Zustand kennt, bleibt aber unklar. Für die Wahrheitsfindung wird es wichtig sein, welche Rolle sein Sohn vor der Tat gespielt hat - schließlich behauptet der Angeklagte, dass er sich nach einem Angriff des späteren Opfers in erster Linie gewehrt habe: "Da bin ich mir sicher, das traue ich meinem Sohn nicht zu."

Bevor der 19-Jährige zur tragischen Geburtstagsfeier ging, besuchte er einen Freund, ebenfalls in Mitterfelden - er sagt jetzt aus: Zwar seien zwei Bier und etwas Wodka getrunken worden, "aber als er gegangen ist, war er ganz normal, überhaupt nicht auffällig." Doch am Tag nach der Tat hatte er ein SMS vom Opfer auf dem Handy: "Das ist die schlimmste Nacht meines Lebens", schrieb das spätere Opfer noch von der Geburtstagsfeier, auf der er abgestochen wurde.

Das SMS war von 1.23 Uhr, zwei bis drei Stunden später setzte es die tödlichen Stiche.

UPDATE, 14 Uhr: Aussage der Nichte des Angeklagten 

2002 kam der Angeklagte aus Russland nach Deutschland, fand in Bad Reichenhall Arbeit, zog später nach Altötting und war dort auch als Jugendtrainer einer Fußballmannschaft aktiv. Früher, in der ehemaligen Sowjetunion, arbeitete der heute 46-Jährige als Hilfsarbeiter bei einer Ölquelle, dann in der Landwirtschaft.

Nun sagt die Nichte des Angeklagten aus: Das Gericht will von ihr vor allem mehr über das Aggressionspotenzial des 46-Jährigen herausfinden. Die Zeugin wurde vor vielen Jahren, noch in Russland, vom Angeklagten bereits gewürgt. Außerdem bestätigt sie dem Gericht: "Er hat den Drang, dass er aggressiv wird, wenn Leute nicht mehr mit ihm trinken wollen" - genau so könnte es auch in der Tatnacht gewesen sein. Die Zeugin kämpft während der ganzen Zeit vor Gericht mit den Tränen.

Als nächster Zeuge wird der Vater des Opfers erwartet.

UPDATE, 12.55 Uhr: Jetzt spricht der Angeklagte

Nun schildert der Angeklagte die Tatnacht aus seiner Sicht. Nach dem Streit mit dem 19-Jährigen, bei dem es um Privatangelegenheiten und nicht um Politik gegangen sein soll, sei das spätere Opfer plötzlich mit dem Messer vor dem Angeklagten gestanden: "Er griff mich an, ich packte ihn an den Händen, um mich zu verteidigen", so der Angeklagte.

Als der 19-Jährige schließlich am Boden lag - der Angeklagte auf ihm - habe ihn der 46-Jährige mit dem Messer in den Arm stechen wollen: "Damit er mich nicht mehr angreifen kann. Ich habe nicht verstanden, warum er so aggressiv war und mich mit dem Messer angegriffen hat", so der Angeklagte nun. Der Stich in die Brust, der im Herz landete, sei ein Versehen gewesen. Die Version des Angeklagten klingt nach Notwehr.

"Ich dachte nicht, dass er sterben kann. Ich dachte, er wird wieder gesund. Ich habe ihn dann in die stabile Seitenlage gebracht und zugedeckt", so der Angeklagte. Anschließend wollte er angeblich Hilfe holen, verließ deshalb die Wohnung. An die Angehörigen gerichtet sagt der Angeklagte: "Bitte glauben Sie mir, dass ich ihn nicht töten wollte. Der Tod tut mir unglaublich leid. Den Schmerz von Ihnen habe ich jeden Tag vor Augen. Wenn ich es irgendwie rückgängig machen könnte, würde ich das tun."

Außerdem betont der Angeklagte, dass er kein Nationalist sei. Dies vermutete eine Zeugin am ersten Prozesstag, auch könnte dies der Grund für den Streit gewesen sein, so die Zeugin - denn das spätere Opfer sprach nicht gut Russisch. "Ich habe mich in Deutschland sehr gut eingelebt. Meine Herkunft ist Russland, aber meine Heimat ist Deutschland."

Auch auf das Polizeiverhör geht der Angeklagte ein. Dort gestand er die Tat, doch seine Verteidiger sind der Meinung, dass er dort unter Druck gesetzt wurde: "Ich habe bei dieser Vernehmung nicht die Wahrheit gesagt. Ich wollte, dass die Polizei meinen Sohn in Ruhe lässt. Ich hatte Angst, dass ich von der Polizei eingeschüchtert und geschlagen werde - das hört man ja auch aus Russland." Er habe nur gewollt, dass die "Fragerei" aufhöre.

Die Anwälte des Angeklagten wollen Rückfragen des Gerichts nicht direkt beantworten, sondern erst nach Rücksprache mit ihrem Mandanten. Deshalb verschiebt das Gericht die Vernehmung des Angeklagten auf den nächsten Prozesstag am 24. Juli. Nun werden aber noch weitere Zeugen gehört, unter anderem die Nichte des Angeklagten.

UPDATE, 11.05 Uhr: Mutter geht auf Angeklagten los

"Es war einfach seltsam", beschreibt ein Polizist vor Gericht die Szenerie, als er als erster nach den Rettungskräften die Wohnung in Mitterfelden betrat: "Es gab ganz offensichtlich eine Messerattacke mit einer Rauferei. Noch dazu war es während der Reanimation auch irrsinnig laut in der Wohnung - und nebenan schlafen noch immer drei Personen." Die anderen Gäste der Geburtstagsfeier hätten großteils "teilnahmslos" reagiert, als sie von der Polizei aufgeweckt wurden, so der Zeuge.

Auch heute ist das Interesse an der Verhandlung in Traunstein wieder groß: Rund 20 Zuhörer sind in den Gerichtssaal gekommen. Auch die Mutter des 19-jährigen Opfers verfolgt heute wieder den Prozess. Während einer ersten kurzen Pause bricht sie in Tränen aus - dann kommt es zu einem Zwischenfall:

Auf dem Gang vor dem Gerichtssaal begegnet die Mutter dem Angeklagten, der gerade in Polizeibegleitung von der Toilette zurückkommt. Sie geht auf ihn los, schlägt den 46-Jährigen zwei Mal mit den Fäusten gegen die Brust. Ein Polizist geht dazwischen. Der Nebenkläger rät der Mutter, nicht mehr in den Gerichtssaal zurückzukommen. Hat der Zwischenfall Konsequenzen für die Mutter? Der Staatsanwalt überlegt rechtliche Schritte.

Nun wird sich - endlich - der Angeklagte selbst zur Tatnacht äußern.

Vorbericht:

Eine Geburtstagsfeier in einem der Wohnblöcke in Ainring-Mitterfelden lief von 18. auf 19. November 2016 völlig aus dem Ruder - ein 19-Jähriger verlor in dieser Nacht sein Leben. Ein 46-jähriger Russlanddeutscher aus Altötting muss sich deshalb vor dem Landgericht Traunstein verantworten. Der Vorwurf: Totschlag.

Als alle anderen Gäste der Feier bereits ins Bett oder nach Hause gegangen waren eskalierte der Streit zwischen den beiden. Das spätere Opfer weigerte sich, noch mehr mit dem Angeklagten zu trinken, auch unterschiedliche Meinungen über Russland und ihre russische Identität könnten den Konflikt befeuert haben. Bis zum Anschlag soll der Angeklagte dem 19-Jährigen das Messer ins Herz gerammt haben, danach auch noch in den Hals.

Das ist am zweiten Prozesstag zu erwarten

Die Angaben zu seiner Person und zu seinem Werdegang blieb der Angeklagte am ersten Prozesstag schuldig, dies soll nun nachgeholt werden. Außerdem wird über einen außergewöhnlichen Antrag der Verteidigung entschieden: Bei der Vernehmung durch die Polizei nach der Tat gab der 46-Jährige ein Geständnis ab - es soll null und nichtig sein.

Im Polizeiverhör wurde aus Sicht des Verteidigers Florian Eder unerlaubter "seelischer Druck" und "Quälerei" angewandt. Ein Beispiel: Beim Verhör sagten die Polizisten zum Angeklagten "denken Sie bei Ihrer Aussage an die Mutter des Opfers", schließlich sei auch der Angeklagte selbst Vater. Daher stellte der Anwalt einen Antrag auf ein sogenanntes Verwertungsverbot der Vernehmungsprotokolle. Das Gericht wird heute über diesen Antrag urteilen. 

Auch die Gutachter werden ihre Einschätzungen über den Angeklagten und die Tat preisgeben. Die am ersten Prozesstag vernommenen Zeugen, die mit auf der Geburtstagsfeier waren, konnten zur Ursache des Streits nur wenig berichten. Alkohol war bei allen im Spiel, es taten sich Erinnerungslücken auf oder die Zeugen waren bereits im Bett. 

Der Prozess wird um 9 Uhr in Traunstein fortgesetzt. Das Urteil wird für 27. Juli erwartet. BGLand24.de berichtet aktuell aus dem Gerichtssaal.

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Quelle: chiemgau24.de

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