Prozess um Schlauchboot-Schleusung: Burghauser Asylbewerber angeklagt

Ein Flüchtling musste das Boot steuern - nachts und ohne Licht

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Drei der mutmaßlichen Drahtzieher der tödlichen Schleusung von der Türkei auf die griechische Insel Lesbos: (Von links) Ammar R., Muataz J. (zuletzt wohnhaft in Burghausen), Mahmod M.
  • schließen

Burghausen/Traunstein/Izmir - 13 Flüchtlinge starben, als ihr Schlauchboot bei einer Überfahrt von der Türkei nach Griechenland mit einem Frachter zusammenstieß. Drei mutmaßliche Schleuser stehen nun am dritten Prozesstag vor dem Traunsteiner Landgericht - darunter auch ein Asylbewerber, der zuletzt in Burghausen wohnte.

UPDATE, 11.50 Uhr: So lief die Überfahrt ab

Wieder hat das Gericht einige Flüchtlinge als Zeugen geladen, denen die Überfahrt von Izmir in der Türkei auf die griechische Insel Lesbos geglückt ist. Sie bestätigen den Ablauf, wie die Schleusungen vor Ort abgelaufen sind. Vor allem der in Burghausen gemeldete Asylbewerber Muataz J. rückte dabei wieder in den Mittelpunkt:

So laufen die Schleusungen für syrische Flüchtlinge ab, wie es die Zeugen dem Gericht bestätigten:

1) Bereits in Syrien wurde den Flüchtlingen Muataz J. als Schleuser empfohlen. An ihn solle man sich wenden, wenn man es von Syrien ins türkische Izmir geschafft hat. Schon in syrischen Flüchtlingscamps kursierte seine Telefonnummer. Jedoch gab es neben ihm auch viele weitere Schleuser, die den Erstkontakt zu den Flüchtlingen herstellten.

2) Einige Tage vor der Überfahrt nach Griechenland gab es ein erstes Treffen mit Muataz J. Dort wird den Flüchtlingen der Preis für die Schleusung gesagt: 1.100 US-Dollar pro Person. Außerdem erfuhren die Flüchtlinge von Muataz J., in welches Büro in Izmir sie das Geld bringen müssen.

3) In Izmir sammelten sich die Flüchtlinge dann in einem Hotel. Kurzfristig bekamen sie einen Anruf: "Heute ist es soweit." Spätestens dann muss in besagtem Büro in Izmir das Geld für die Schleusung bezahlt werden.

4) Im Büro der Schleuser in Izmir erhielten die Flüchtlinge eine Telefonnummer im Gegenzug für das Geld. Wenn die Überfahrt nach Griechenland glückt, musste bei dieser Nummer angerufen werden bzw. ein SMS geschickt werden.

5) Taxis kamen zum Hotel und brachten die Flüchtlinge in einer zweistündigen Fahrt in die Nähe eines Touristenstrandes in Izmir. Dort wartete ein etwa zehnjähriger Bub, der den Flüchtlingen den weiteren Weg am Strand zeigte.

6) Am richtigen Platz am Strand angekommen wartete bereits das Schlauchboot und bewaffnete, türkische Schleuser. Sie wählten einen der Flüchtlinge als Steuermann aus, dafür wurde ihm die Zahlung der 1.100 US-Dollar erlassen. Es folgte eine kurze Einweisung, wie das Schlauchboot zu lenken ist.

7) Mittels GPS auf dem Handy wussten die Flüchtlinge den ungefähren Weg nach Lesbos. Gefahren wurde meist nachts und ohne Licht. Wenn alles klappt dauert die Überfahrt etwa drei Stunden.

8) In Griechenland angekommen musste auf der Telefonnummer Bescheid gegeben werden, die die Flüchtlinge in Izmir erhielten. Damit konnte das Geld innerhalb des Schleuserrings weitergegeben werden.

"Muataz garantierte uns, dass die Schleusung klappen wird. Wir vertrauten ihm", so einer der Zeugen vor dem Traunsteiner Landgericht. In vielen Fällen gingen die Überfahrten nach Griechenland gut über die Bühne, in anderen nahmen sie ein tragisches Ende. Das Gericht lädt auch deshalb so viele der geschleusten Flüchtlinge als Zeugen, um weitere Hintermänner der Schleuser ins Licht zu rücken. 

Der Prozess wird am 31. Juli fortgesetzt.

Vorbericht:

Die Überfahrt muss ein Horror gewesen sein: Zuerst wurden 46 Flüchtlinge in der Türkei in ein viel zu kleines Schlauchboot gezwängt - teils unter Androhung von Waffengewalt - dann ging es in der finsteren Nacht ohne Licht hinaus aufs Meer. Nach stundenlanger, turbulenter Fahrt, kurz vor dem Ziel, rammte ein Frachtschiff das Schlauchboot. 13 Menschen kamen damals im September 2015 ums Leben. Das Schlauchboot verhakte sich am Frachter, wurde noch vier Stunden mitgerissen. 

Zum Nachlesen:

- 1. Prozesstag: Vernehmung der Angeklagten

- 2. Prozesstag: Überlebender schildert Horrorfahrt

Seit 27. Juni müssen sich drei Männer vor dem Traunsteiner Landgericht dafür verantworten. Die Anklage lautet auf "das Leben gefährdendes Einschleusen von Ausländern in das Hoheitsgebiet eines Mitgliedsstaates der Europäischen Union mit Todesfolge in 13 tateinheitlichen Fällen". Unter den Angeklagten, in Deutschland lebende Asylbewerber, ist auch derSyrer Muataz J., der zuletzt in Burghausen gemeldet war. 1100 US-Dollar verlangte die Schleusergruppe angeblich von jedem Flüchtling, der in das Boot stieg

Am heutigen Freitag wird die Verhandlung fortgesetzt. Das Urteil ist momentan für den 11. August geplant. innsalzach24.de wird ab 9 Uhr aktuell aus dem Traunsteiner Landgericht berichten.

xe

Quelle: chiemgau24.de

Zurück zur Übersicht: Traunstein

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser