Auch Burghauser Asylbewerber angeklagt

Schlauchboot-Flüchtling: "Wir waren der Insel schon so nah" 

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Drei der Drahtzieher der tödlichen Schleusung von der Türkei auf die griechische Insel Lesbos: (Von links) Ammar R., Muataz J., Mahmod M.
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Burghausen/Traunstein/Izmir - 13 Flüchtlinge starben, als ihr Schlauchboot bei einer Überfahrt von der Türkei nach Griechenland mit einem Frachter zusammenstieß. Drei mutmaßliche Schleuser stehen nun am zweiten Prozesstag vor dem Traunsteiner Landgericht - darunter auch ein Asylbewerber, der zuletzt in Burghausen wohnte.

UPDATE 16 Uhr - 

"Die Wellen waren hoch, wir dachten schon, dass unser Boot umkippen wird", berichtet der nächste Zeuge, der die Überfahrt im September 2015 von Izmir nach Lesbos überlebt. Kurz vor dem Crash war man der Insel schon so nah, dass man in der Dunkelheit die Lichter der Autos sehen konnte.

Auch dieser Zeuge beschreibt den Frachter als "Berg" der plötzlich vor dem Schlauchboot auftauchte. Durch den Zusammenstoß wurden ihm die Beine eingeklemmt, sie waren angeschwollen, er konnte nicht mehr aufstehen - "was aber wesentlich schlimmer ist: Alle seine Familienmitglieder - Ehefrau und Kinder - sind bei dem Unfall ums Leben gekommen bzw. gelten nach wie vor als vermisst." 

Die Aussagen der Zeugen am heutigen Verhandlungstag decken sich: Das Schlauchboot wurde vom Frachter mitgerissen bis es stehen blieb und kehrt machte. "Jemand vom Frachter hat uns gesehen und ist dann weggelaufen", bestätigt auch dieser Zeuge.

Immer wieder ist das Gericht auch dabei, mögliche weitere Hintermänner der Schleuser aufzudecken: In dem Zusammenhang verstrickt sich ein weiterer Zeuge der als Flüchtling geschleust wurde, in Widersprüche, die womöglich noch Folgen für ihn haben werden:

Es geht darum, wer die Gelder des Burghauser Angeklagten Muataz J. regelt und freigibt, wenn Schleusungen erfolgreich waren. 

Ein Zeuge behauptete in der polizeilichen Vernehmung noch, er kenne einen "Abu Jihad", der dafür verantwortlich wäre. Vor Gericht behauptet er aber auf mehrmalige Nachfrage das Gegenteil: "Sie lügen hier, dass es nur so kracht", wird Richter Fuchs laut. Die Staatsanwältin droht ihm: "Das war eine uneidliche Falschaussage" - und überlegt rechtliche Schritte gegen den Zeugen. "Vor einem deutschen Gericht ist man der Wahrheit verpflichtet und wenn man die Wahrheit nicht sagt, dann zieht das ein eigenes Strafverfahren nach sich."

Der Prozess wird für heute beendet und am 14. Juli fortgesetzt.

UPDATE, 13.05 Uhr - "Flüchtling schildert Horror nach Crash mit Frachter"

Nun tritt ein Zeuge vor Richter Fuchs, der während der Todesfahrt auf dem Schlauchboot die Hölle mitgemacht haben muss. Das Boot, das der Angeklagte Ammar R. steuerte, und das mit dem Frachtschiff kollidierte.

"Die ersten 30 Minuten der Fahrt waren normal, dann wurden die Wellen immer höher, wir hatten viel Angst", so der syrische Flüchtling, der nun in Gießen wohnt. "Auf einmal tauchte ein Berg vor uns auf, alle haben geschrien." Auf Nachfrage des Richters stellt sich heraus: Dieser "Berg" war das Frachtschiff. Niemand konnte es erkennen. Es war finster, weder Frachter noch Schlauchboot hatten Licht.

Dann der Aufprall: "Meine Frau hat geschrien, dass unser Sohn gestorben ist." Zwei Jahre alt war der Sohn. Auch den Tod seiner Neffen und Nichten musste der Zeuge mit ansehen.Die Beine des Zeugen waren im Boot eingeklemmt, immer wieder riss es seinen Oberkörper ins Wasser: "Der Frachter hat unser Boot mitgerissen. Wir haben versucht uns am Boot festzuhalten." Während der Fahrt spülte es immer wieder Leichen an die Wasseroberfläche, so der Zeuge.

"Wir haben in Richtung des Frachters geschrien, aber niemand hat uns gehört", so der junge Mann. Ganze vier Stunden lang wurde das Schlauchboot vom Frachter mitgezogen, bis zum Sonnenaufgang. Irgendwann wurde das Frachtschiff langsamer, bis es zum Stehen kam. Ein Mitglied der Schiffsbesatzung entdeckte das Schlauchboot - daraufhin machte der Frachter kehrt, das Schlauchboot löste sich und das Schiff fuhr davon.

Von einem Fischerboot wurden die Flüchtlinge später gerettet, die Küstenwache wurde informiert. "Ammar R., der unser Schlauchboot gelenkt hat, ist nicht schuld. Nur der Frachter ist schuld", wendet sich der Zeuge nochmal an Richter Erich Fuchs

UPDATE, 11.20 Uhr - Stockende Verhandlung

Die Verhandlung stockt: Zwar ist das Rechtsgespräch beendet, aber nun gibt es ein Problem mit einer Zeugin. Am Eingang schlug der Metalldetektor an, doch sie will sich nicht kontrollieren lassen.

Inhalt des Rechtsgesprächs war eine mögliche Strafminderung für den Angeklagten Ammar R., links im Bild. Auf ihn wurde wohl Druck ausgeübt, das Schlauchboot zu lenken. Er war gezwungenermaßen Kapitän. Es wurde beraten, ob für ihn wegen dieser Umstände eine Bewährungsstrafe in Betracht komme. Von der Staatsanwältin kam aber dazu keine Zustimmung. Schließlich soll auch er zuvor in die Vermittlung zwischen Flüchtlingen und Schleusern eingebunden gewesen sein.

"Was war der Grund für Ihre Flucht?", fragt der Richter den ersten Zeugen. "Wegen dem Krieg in Syrien und ich hätte Wehrdienst leisten müssen", so der 25-jährige Zeuge. Mit seiner Frau, die von einer Bombe verletzt wurde, floh er in die Türkei. Er bestätigt dem Richter, dass er in der Türkei Kontakt zum Angeklagten Muataz J. aufnahm. Der später in Burghausen lebende Muataz J. habe auch das Geld für die Überfahrt nach Griechenland einkassiert: 1000 US-Dollar pro Person. Angeblich habe der Angeklagte das Geld aber nur verwahrt, und später an andere Schleuser weitergegeben. Im Betrag inklusive waren auch die Kosten für Rettungswesten.

Er wurde einen Monat nach der tödlichen Schlauchbootfahrt, im Oktober 2015, auf der gleichen Route geschleust. An einem Sammelplatz am Strand wurden dann hunderte Flüchtlinge in Viehlaster gesteckt und zu den Booten gebracht. Dort warteten bereits bewaffnete Schleuser, so der Zeuge. Beim ersten Versuch ging mitten auf dem Meer der Motor des Schlauchbootes kaputt, die türkische Küstenwache rettete die rund 50 Menschen. Der zweite Versuch klappte.

Nun werden weitere Zeugen vernommen.

UPDATE, 10 Uhr - Überlebende sollen aussagen

Am Vormittag wurde der Prozess mit dem zweiten Verhandlungstag fortgesetzt. Sechs Flüchtlinge, zum Teil mit Kinderwagen, werden von Richter Erich Fuchs in den Sitzungssaal gerufen. Sie sollen am Freitag als Zeugen aussagen. Sie stehen drei Männern gegenüber, die ihr Leben gravierend verändert haben könnten: Mit ihrer Hilfe überwanden sie wohl das Meer zwischen der Türkei und Griechenland - mit einem Schlauchboot, das tief nachts ein Frachtschiff rammte. Sie haben Schreckliches durchlebt. 13 Menschen starben bei dem Crash.

Richter, Verteidiger und Staatsanwaltschaft haben sich nun aber zu einem Rechtsgespräch zurückgezogen, die Verhandlung ist kurzzeitig unterbrochen. Danach wird mit der Vernehmung der Zeugen fortgefahren.

Der Vorbericht:

Die Überfahrt muss ein Horror gewesen sein: Zuerst wurden 46 Flüchtlinge in der Türkei in ein viel zu kleines Schlauchboot gezwängt - teils unter Androhung von Waffengewalt - dann ging es in der finsteren Nacht ohne Licht hinaus aufs Meer. Nach drei Stunden turbulenter Fahrt, kurz vor dem Ziel, rammte ein Frachtschiff das Schlauchboot. 13 Menschen kamen damals im September 2015 ums Leben, zwei gelten weiterhin als vermisst. 

Angeklagter Burghauser Flüchtling lenkte das Boot

Das Gericht mit dem vorsitzenden Richter Erich Fuchs (mitte).

Seit Dienstag müssen sich drei Männer vor dem Traunsteiner Landgericht dafür verantworten. Die Anklage lautet auf "das Leben gefährdendes Einschleusen von Ausländern in das Hoheitsgebiet eines Mitgliedsstaates der Europäischen Union mit Todesfolge in 13 tateinheitlichen Fällen". Unter den Angeklagten, in Deutschland lebende Asylbewerber, ist auch der Syrer Muataz J., der zuletzt in Burghausen gemeldet war

1100 US-Dollar verlangte die Schleusergruppe angeblich von jedem Flüchtling, der in das Boot stieg

Fünf Überlebende als Zeugen geladen

Zum Nachlesen: Die Vernehmung der Angeklagten am ersten Prozesstag

Am heutigen Freitag hat das Gericht ab 9 Uhr fünf Zeugen geladen: sie alle waren Flüchtlinge und haben die Fahrt von Izmir nach Lesbos überlebt. Unklar war aber bereits am vorigen Verhandlungstag, ob die geladenen Flüchtlinge auch vor Gericht erscheinen werden. Insgesamt sind noch sechs Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil ist momentan für den 11. August geplant.

innsalzach24.de wird aktuell aus dem Traunsteiner Landgericht berichten.

xe

Quelle: chiemgau24.de

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