Prozess wegen Angriffs auf Beamtin in Großkarolinenfeld

Versuchter Totschlag in Großkarolinenfeld? Urteil gefallen

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Der Angeklagter (links) mit seinem Anwalt Dr. Andreas Michel.
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Traunstein/Großkarolinenfeld - Seit Dienstagvormittag muss sich ein 52-Jähriger aus Großkarolinenfeld vor dem Landgericht Traunstein verantworten. Er soll auf eine Polizistin losgegangen sein und wurde deshalb angeschossen.

UPDATE, 18.15 Uhr: Das Urteil ist gefallen

Das Gericht ordnet die Unterbringung in einer pychiatrischen Klinik an. Der Angeklagte hat zudem die Kosten für das Verfahren zu tragen. Das Gericht sieht eine Tötungsabsicht für nicht erwiesen.

UPDATE, 17.25 Uhr: Plädoyers

Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner hat keinerlei Zweifel, dass sich die Tat so zugetragen hat, wie in der Anklage beschrieben. Er geht davon aus, dass der Angeklagte die Beamtin töten wollte. Außerdem sei er überzeugt, dass der Beschuldigte gewusst habe, dass es sich um Polizeibeamte gehandelt hat. 

Für den Staatsanwalt habe der Beschuldigte in einem Zustand gehandelt, in dem er das Unrecht seiner Tat nicht einsehen konnte. Die Voraussetzung für eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus sei gegeben. Er sei aber auch der Auffassung, dass der Angeklagte erneut ähnliche Taten begehen werde. Er sehe den Angeklagten als für die Allgemeinheit gefährlich an

Er sehe seine Krankheit nicht ein und weigere sich Medikamente zu nehmen. Die Staatsanwalt beantragt, den Beschuldigten wegen versuchten Totschlags, in Tateinheit mit tätlichem Angriff auf Vollstreckungsbeamte mit Bedrohung, in Tatmehrheit mit der Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen, in einem psychiatrischen Krankenhaus unterzubringen.

Antrag des Verteidigers

Verteidiger Dr. Andreas Michel ist der Auffassung, dass die Aussage, der Angeklagte hätte gewusst, dass es sich um Polizeibeamte gehandelt habe, schlichtweg falsch sei. Das ergebe sich nicht aus den Akten. Er sehe es als erwiesen an, dass er Naziparolen gerufen habe. „Das ist strafbar. Aber ob er gehört hat, dass die Beamten gerufen haben 'Polizei', das kann man nicht sagen. Was wenn er geschlafen hat?“ 

Als der Beschuldigte dann seine Wohnung verlassen hat, habe er aufgrund der Dunkelheit nicht erkennen können, ob da Polizeibeamte stehen. Nicht zuletzt, weil er auch von den Taschenlampen der Polizisten angeleuchtet wurde. „Er wollte den Beamten drohen. Bei ihm wurde eingebrochen und dann hört er, da draußen schleicht jemand herum.“ 

Er habe nicht Vollstreckungsbeamte angegriffen, sondern seinen sozialen Rückzugsort verteidigt. „Der versuchte Totschlag setzt eine Tötungsabsicht voraus. Wenn das hier der Fall ist, dann müsste ich dem Polizeibeamten auch Tötungsabsicht vorwerfen. Er wollte die Beamten einschüchtern, da ist weit und breit keine Tötungsabsicht nachgewiesen.“ Seiner Meinung nach sei nur festzustellen, dass er die Tat begangen habe, weil er zur Tat schuldunfähig gewesen sei. Er fordert für seinen Mandanten Freispruch. „Im Rahmen eines Bewährungsbeschlusses hat man die Möglichkeit zu sagen, der Angeklagte kann nach Hause, muss sich aber in ärztliche Behandlung begeben.“

Das letzte Wort des Angeklagten: Der Angeschuldigte wäre mit der Lösung, eine ambulante Therapie zu machen, zufrieden.

UPDATE, 16 Uhr: Psychiatrisches Gutachten

Gutachter Martin Märkl, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie vom Neurozentrum in Prien, attestiert dem Angeklagten paranoide Schizophrenie. Außerdem habe er zum Zeitpunkt der Tat zwischen 0,86 und 1,51 Promille gehabt. 

„Ich denke, dass er zum Tatzeitpunkt nicht mehr überreißen konnte, dass da Polizeibeamte vor ihm standen. Für ihn waren das Eindringlinge, die es abzuwehren galt.“ Der Gutachter sieht die Voraussetzungen für eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus für gegeben.

UPDATE, 15.12 Uhr: Nachbarin bezieht Stellung

Nachbarin: „Der Angeklagte war immer ruhig, nett und höflich.“ Erst als seine Freundin gestorben ist, habe sich sein Verhalten ein wenig geändert. Auffällig gewesen seien nur seine Selbstgespräche. Sie könne nichts Negatives über den Angeklagten berichten. Ein Arbeitskollege sagt aus, dass der Beschuldigte in einer eigenen Welt lebe, aber nie aggressiv gewesen sei. „Er war hilfsbereit, fleißig.“ 

Auch sein Chef könne nur Gutes über ihn berichten. „Er ist sehr fleißig, für ihn müssen wir zwei Arbeiter einstellen. Wir hoffen, dass wir ihn bald wieder kriegen.“

UPDATE, 12.50 Uhr: Aussage der betroffenen Polizistin

Als nächste Zeugin sagt die Polizeibeamtin aus, auf die der Angeklagte losgegangen sein soll. Der Beschuldigte sei nach Aussagen von Nachbarn den ganzen Abend schon "völlig neben der Spur" auf der Straße herumgelaufen. Sie sei dann mit einem Kollegen zur Wohnung des Angeklagten gefahren. Ihr Dienstgruppenleiter habe sie zuvor mit der Information versorgt, der Angeschuldigte sei gewalttätig und vorbestraft

Als sie sich dann vor der Wohnung des Beschuldigten eingefunden habe, habe sie gehört, dass er in einem Werkzeugkasten kruschte und will durch das Fenster gesehen haben, dass er ein Werkzeug aufnahm. "Schleichts euch, schleichts euch, ich bring euch alle um", habe er gerufen. Als er dann aus der Wohnung kam, soll er die Beamtin mit den Augen fixiert und gesagt haben: „Dich bring ich jetzt um!“ und sei mit Stechbewegungen schnellen Schrittes auf sie zugegangen. 

Dann habe ihr Kollege geschossen, woraufhin der Beschuldigte zu Boden ging. Sofort habe man erste Hilfe geleistet. Sie selber hatte die Waffe auch bereits gezogen, und sei auch der festen Überzeugung gewesen, dass sie selber auch geschossen hätte, wenn ihr Kollege ihr nicht zuvor gekommen wäre. Ob sie sich sicher sei, dass der Angeklagte sie als Polizeibeamte erkannt habe, will Verteidiger Andreas Michel von der Polizistin wissen, was diese bejahte.

Ihr Kollege, der auf den Angeklagten schoss, schilderte den Einsatz wie ihn auch die Polizistin beschrieben hatte. Mit absolut aggressiver Gestik und Mimik sei der Beschuldigte dann auf die Kollegin zu. „Ich habe ihm mehrmals gesagt er soll die Waffe fallen lassen, oder ich schieße. Als er das nicht tat, habe ich auf ihn geschossen.“ Der Beschuldigte sei ihm höchst verwirrt, im psychischen Ausnahmezustand, vorgekommen. „Er hat immer was von Odin gesagt, sein ganzer Zustand war höchst heikel.

Update, 11.25 Uhr: Zeugin: Er rief „Ihr werdet alle sterben!“ 

Die erste Zeugin, eine Polizeibeamtin, sagt aus und schildert den Tathergang. Demnach soll an besagtem Samstagabend ein Anwohner die Polizei gerufen haben, weil der Beschuldigte auf der Straße verwirrt herum geschrien habe. „Ihr werdet alle sterben!“ und Naziparolen soll er gerufen und zudem randaliert haben

Er soll schließlich mit einem Werkzeug auf Polizeibeamte losgegangen sein, und habe mit dem Werkzeug ausgeholt, woraufhin dann ein uniformierter Beamte auf den Angeklagten geschossen habe. Der Angeklagte fixiert die Zeugin während ihrer Aussage mit seinen Augen und lauscht ihr aufmerksam. 

Ermittlungen an seinem Arbeitsplatz haben ergeben, dass der Beschuldigte immer sehr zuverlässig und fleißig gewesen sei. Jedoch sei den Kollegen aufgefallen, dass er häufiger Selbstgespräche geführt und von sich in der dritten Person gesprochen habe. Dies hätten auch seine Nachbarn berichtet. Aggressiv sei er aber nie gewesen. Seit dem Tod seiner Lebensgefährtin sei sein Verhalten etwas auffälliger geworden.

Update, 10.25 Uhr - Schizophrenieerkrankung vermutet

Als der Richter den Raum betritt, trägt der Angeklagte noch Handfesseln. Diese werden ihm aber abgenommen, als er dem vorsitzenden Richter Erich Fuchs versichert, dass er niemand angreifen werde. Anschließend verliest der Staatsanwalt die Anklageschrift.

Der Beschuldigte liest diese auf der Anklagebank mit ernster Miene mit. Er äußert sich zur Sachlage: "Ich habe das gar nicht mitbekommen, dass die Polizei draußen war." Er sei gereizt gewesen, weil seine Tür aufgebrochen war. Deswegen sei er mit dem Stemmeisen nach draußen, weil er dachte die Täter seien noch vor Ort.

"Waffe weg!, habe ich noch gehört, doch dann war es schon zu spät, da war der Schuss schon gefallen. Es war eine Verkettung von Umständen." Er habe in diesem Jahr sehr viel Stress gehabt, weswegen er verwirrt und aggressiv war, leide auch unter unbehandelten Depressionen.

Seit einem Jahr habe er öfter mal auf der Straße herumgeschrien. "Ich steche dich jetzt ab", wie ihm in der Anklageschrift vorgeworfen wird, habe er nicht gesagt, er habe gesagt "schleicht's euch".

Alkohol trinke er schon ab und zu, das sei das Problem. Er benutze den Alkohol aber vorwiegend zum Desinfizieren, wenn ihm übel sei. Dass bei ihm eine Schizophrenieerkrankung vorliege, habe er vorher nicht gewusst. Es könne nach seiner Aussage aber durchaus erblich bedingt sein, weil sein Vater schizophren gewesen sei.

Der Angeklagte gibt vor Gericht an, keine Medikamente nehmen zu wollen, weil er sich nicht krank fühle. Er ist derzeit auf richterlichen Beschluss in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht. Viel in seinem Leben soll von seiner besonderen Abstammung herrühren. Er denke, dass er ein Preußenkönig sei. Sein Blut habe besondere Fähigkeiten. "Bemerkt habe ich das, wenn ich Eisen anfasse, weil da ein Knistern kommt."

Außerdem hoffe er, dass er dadurch, dass er auf der Erde sei, das System beeinflussen könne. "Ich bin der, der die Wogen immer glättet, der für Gerechtigkeit sorgt." Sein Beitrag zum Endkampf sei, dass er eine Formel ins Jenseits schicke, das mache er immer noch.

Er interessiere sich nur für Odin. Er notiere sich immer, was er Odin zu sagen habe. "Ich brauche niemanden umbringen, das macht der Odin. Odin ist ein Wikingerfürst gewesen." Eigentlich möchte er nicht mehr hier sein, sondern in Alaska, um Gold zu waschen. "Deutschland ist zu eng."

Vorbericht

Großalarm am 5. August 2017 in Großkarolinenfeld. Laut damaliger Mitteilung des Polizeipräsidium Oberbayern Süd gab es an besagtem Samstagabend gegen 22.45 einen großen Polizeieinsatz, bei dem ein Beamter Gebrauch von seiner Schusswaffe machen musste. Er verletzte dadurch einen 52-Jährigen Großkarolinenfelder schwer.

Dieser habe zuvor die Polizeibeamten mit einem spitzen, scharfen Werkzeug angegriffen. Der durch den Schuss schwer verletzte Angreifer, konnte laut Polizei durch die eingesetzten Beamten überwältigt werden und mit Hilfe des Rettungsdienstes und einem Notarzt in ein Krankenhaus verbracht werden.

Staatsanwaltschaft erhebt Anklage 

Wegen dieser Tat steht der 52-Jährige nun vor dem Traunsteiner Landgericht. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft soll der Angeklagte vor seiner Wohnung und auf der Straße Naziparolen gerufen haben. Auf Grund seines aggressiven, ruhestörenden und verwirrten Verhaltens wurde die Polizei verständigt. 

Auf eine Beamtin sei der Mann schließlich mit einem Stemmeisen losgegangen. "Dich bringe ich jetzt um", soll er gesagt haben, als er auf die Polizistin mit schnellen Schritten zuging. Ein Kollege der Beamtin habe ihm zuvor mehrfach Schusswaffengebrauch angedroht. Als der Beschuldigte nur noch etwa zwei bis drei Meter von der Beamtin entfernt war, soll der Beamte einen gezielten Schuss auf den Oberkörper des Angeklagten abgegeben haben, der daraufhin zu Boden ging.

Beim Angreifer bestand laut Staatsanwaltschaft auf Grund der schnellen medizinischen Versorgung noch keine Lebensgefahr.

Angeklagter schuldunfähig

Die Staatsanwaltschaft erhob gegen den Mann Anklage wegen versuchten Totschlags mit Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Laut Anklageschrift sei der Beschuldigte zum Tatzeitpunkt auf Grund einer Erkrankung jedoch nicht in der Lage gewesen, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln.

Der Prozess beginnt am 27. Februar um 9 Uhr am Landgericht Traunstein. Fortsetzung ist für den 1. März geplant. Wir berichten live aus dem Gerichtssaal.

Quelle: chiemgau24.de

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