Prozess um versuchten Mord am Rosenheimer Salinplatz

Angeklagter in einem Brief: "Mit gierigen Ratten kann man nicht sprechen"

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Freitagabend, den 16. März, hat ein 59-Jähriger eine 26-jährige Frau am Rosenheimer Salinplatz niedergeschossen.
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Rosenheim/Traunstein - Am Abend des 16. März dieses Jahres ist eine 26-Jährige an der Salinstraße in Rosenheim auf offener Straße niedergeschossen worden. Am Donnerstag begann der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter (59).

UPDATE, 16.20 Uhr - Angeklagter sei selbst bedroht worden

Laut eines Kriminalhauptkommissars, der als Zeuge vernommen wird, haben mehrere Zeugen ausgesagt, dass es am 16. März zunächst zu einem Streitgespräch zwischen dem Angeklagten und der Geschädigten gekommen sei, in Folge dessen dann Schüsse fielen. Der Angeklagte habe dann von zwei Passanten überwältigt werden können und sich dann auch nicht weiter gewehrt. Es sollen dann Äußerungen gefallen sein wie: „Die haben sein Leben versaut und dass es sich um eine Schreckschusswaffe handelt.“ 

Bei der Vernehmung kurz nach der Tat soll der Beschuldigte gesagt haben, dass er nach Rosenheim gekommen sei, um am Tattag ein Gespräch mit seiner ehemaligen Lebensgefährtin zu führen um die Sache gütlich zu klären. Die geschädigte Tochter habe er dann zufällig vor dem Supermarkt in Rosenheim getroffen und habe sie angesprochen, woraufhin diese relativ aggressiv reagiert habe. Die Waffe habe er sich besorgt, um möglichen Bedrohungsszenarien entgegenzuwirken. „Er fühlte sich wohl auch durch Vorkommnisse in der dominikanischen Republik, auf die er nicht weiter eingehen wollte, bedroht und hat eine Kopfverletzung, die wohl dort entstanden ist, gezeigt.“ Er hätte die Waffe und die Munition von einer Person in Rosenheim gekauft, wozu er auch keine weiteren Angaben dazu machen haben wollen, weil er niemandem schaden wolle. 350 Euro soll er dafür bezahlt haben. Er habe sich bei der Vernehmung auch nach dem Gesundheitszustand der Geschädigten erkundigt und wolle, dass es ihr gut gehe.

In einem Brief, der vor Gericht verlesen wird, hat der Angeklagte geschrieben: „Seit drei Jahren habe ich versucht, die Sache im Guten zu lösen. Aber mit gierigen Ratten kann man nicht sprechen. (…) Alles Verbrecher. Es darf nicht sein dass die straffrei davon kommen. (…) Auge um Auge, Zahn um Zahn. PS: Die Waffe habe ich von einer Person aus Rosenheim gekauft.

Vor Gericht wird noch ein Protokoll aus einer vorangegangenen Sache gegen den Angeschuldigten verlesen, demnach er seiner ehemaligen Lebensgefährtin und deren Enkel schon in der Vergangenheit gedroht habe, diese zu erschießen.

UPDATE, 13.25 Uhr - Anwalt des Angeklagten gibt Erklärung ab

Der Angeschuldigte äußert sich vor Gericht selbst zu seinen persönlichen Verhältnissen, zur Sache lässt er über seinen Verteidiger Dr. Markus Frank eine Einlassung abgeben. Demnach habe der Angeklagte im Jahr 2011 die Mutter der Geschädigten kennengelernt, woraus sich dann eine Beziehung ergab. Er habe dann beschlossen, sich mit ihr seinen Lebenstraum, eine Finca in der Dominikanischen Republik, zu erfüllen. 

Diese Finca habe dann die Mutter der Geschädigten erwerben wollen, wofür sie Geld brauchte, was er dann mit Rücklagen und der Aufnahme von Krediten zur Verfügung stellte. Etwa 130.000 Euro seien es gewesen, wie der Beschuldigte selbst aussagte. Auch habe er die Mutter weiterhin finanziell unterstützt. Als dann die Geldmittel zu Neige gingen, sei die Beziehung auseinander gegangen. 

In der Folge forderte er dann die Rückzahlung seines Geldes. „Er war verzweifelt, fühlte sich ausgenutzt und betrogen und erstattete Anzeige wegen Betrugs“, so der Anwalt. Ihm sei klar gewesen, nicht alles zurück zu bekommen, wenigstens aber einen Teil, um doch noch seinen Lebenstraum verwirklichen zu können. 

Am Tattag habe er die geschädigte Tochter seiner ehemaligen Lebensgefährtin und ihren Sohn zufällig getroffen und wollte ein Gespräch führen, was die Geschädigte aber ablehnte. Sein Mandant sei emotional stark belastet gewesen und wisse selbst nicht mehr wie es dazu kam, dass er den Revolver abfeuerte, erklärte der Anwalt weiter. Er habe auch zunächst gar nicht bemerkt, dass die Geschädigte verletzt war. 

Das geht auch aus der Anklageschrift hervor. „Da die von ihm abgegebenen Schüsse aus seiner Sicht keinerlei Wirkung zeigten und ein Großteil der Patronen nicht zündete, ging er schließlich davon aus, dass ihm entgegen seiner Absicht eine Schreckschusswaffe mit Schreckschussmunition verkauft worden war“, heißt es in der Anklage. „Er ging davon aus, dass es sich um eine reine Schreckschusswaffe handelte. Mein Mandant kennt sich selbst mit Waffen nicht aus. Er wollte die Geschädigte lediglich erschrecken“, so der Anwalt weiter. “Er bedauert den Vorfall zutiefst und möchte sich aufrichtig bei der Geschädigten entschuldigen und ist auch dazu bereit, ein angemessenes Schmerzensgeld zu bezahlen.“

Sie haben mein Leben zerstört“, soll der Angeklagte laut Aussage eines Polizeibeamten nach der Tat gesagt haben. Auch habe er immer wieder betont, dass er betrogen worden sei. Sehr geschockt habe der Angeschuldigte nach der Tat gewirkt. „Er hat auf dem Weg zur Dienststelle immer wieder gesagt, dass er nur eine Schreckschusspistole dabei gehabt hat und ihr nur Angst einjagen wollte und er gar nicht weiß, was da jetzt so schlimm ist“, so der Polizist. Der Beamte sagte auch aus, dass er selber auf den ersten Blick nicht sagen habe können, ob es sich eine scharfe oder eine Schreckschusswaffe gehandelt habe.

Update, 10.40 Uhr: Staatsanwaltschaft verliest Anklageschrift

Während Staatsanwalt Oliver Mößner die Anklageschrift verliest, wirkt der Angeklagte sehr ruhig, liest selber mit. Laut Anklageschrift soll der Angeklagte der Geschädigten, die die Tochter seiner ehemaligen Lebensgefährtin ist, am 16. März 2018 vor dem Netto am Salinplatz aufgelauert haben. Hierbei führte er einen mit acht Patronen geladenen Revolver mit sich. Er soll der Geschädigten gefolgt sein, als diese ihn ignorierte sie am Arm gepackt und gesagt haben, er „wolle es beenden“ und habe ihr den Revolver gezeigt. Als die Geschädigte aber äußerte, sie habe keine Angst vor ihm und weiterging, soll er in Tötungsabsicht auf sie geschossen haben. Die Geschädigte überlebte. 

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft habe er sich durch die Tötung der Tochter an seiner ehemaligen Lebensgefährtin rächen wollen, da diese ihn hintergangen habe. „Der Angeschuldigte hatte eine große Summe Geld aufgebracht, hauptsächlich durch Kredite, um sich durch den Kauf einer Finca in der Dominikanischen Republik eine gemeinsame Zukunft mit ihr aufzubauen, als sie sich plötzlich von ihm trennte und zur finanziellen Rückerstattung, oder einer Umschreibung des Eigentums an der nicht auf ihn eingetragenen Finca nicht bereit war.“ 

Dies habe zu bereits seit mehreren Jahren andauernden Streitigkeiten zwischen dem Angeschuldigten und seiner ehemaligen Lebensgefährtin, sowie der in der Dominikanischen Republik lebenden Familie und zu großer Wut und Hass auf diese geführt. Die geschädigte Tochter, die in Deutschland lebt, hatte mit dem überlassenen Geld und der Finca jedoch nichts zu tun, was dem Angeschuldigten auch bewusst gewesen sein soll.

Vorbericht

Am 16. März gegen 18.15 Uhr kam es an der Rosenheimer Salinstraße zu einem Angriff auf eine 26-Jährige mit einer scharfen Schusswaffe, teilte das Polizeipräsidium Rosenheim damals mit. Die junge Frau wurde in ein Krankenhaus eingeliefert und dort notoperiert.

Noch in der Tatnacht nahm das K1 der Kriminalpolizei Rosenheim die Ermittlungen gegen einen 59-jährigen deutschen Tatverdächtigen auf.

Dieser muss sich wegen der Tat nun vor dem Traunsteiner Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung und unerlaubtem Besitz einer Schusswaffe. Das Gericht setzte vier Verhandlungstermine fest:

29.11.2018, 9 Uhr
10.12.2018, 9 Uhr
14.12.2018, 9 Uhr
18.12.2018, 9 Uhr

Es sei "ein offenbar gezielter Angriff auf das Opfer" gewesen, hatte es seitens des Polizeipräsidiums bereits am Tatabend geheißen. Wie die Polizei kurz nach der Tat bestätigte, habe es sich bei der 26-Jährigen um kein Zufallsopfer gehandelt. Täter und Opfer haben sich demnach gekannt, eine Lebenspartnerschaft hätte aber zu keinem Zeitpunkt bestanden, so die Polizei. 

Wie das OVB schrieb, habe Staatsanwalt Jürgen Branz davon berichtet, dass der 59-jährige Täter ein Verhältnis zu der Mutter des Opfers gehabt haben soll. Die Beziehung habe allerdings unter massiven Problemen gelitten. Ein Streit, der laut Staatsanwaltschaft „lange Jahre“ schwelte, so das OVB weiter. 

Was genau hinter der Bluttat steckte, wird das Gericht nächste Woche zu klären haben.

Sohn (8) musste alles live mitansehen

Der Schütze soll während der Tat "Die haben mir vor vor zehn Jahren das Leben versaut" gerufen haben. Dies berichteten Augenzeugen nach der Tat. Das Opfer, das zunächst in Lebensgefahr schwebte, war in Begleitung seines achtjährigen Sohnes gewesen, der alles live mitansehen musste.

Großeinsatz in Rosenheim: Schüsse in der Innenstadt

jb

Quelle: chiemgau24.de

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