Prozess um Weihnachtsmord in Raubling

Angeklagter unter Tränen: "Ich wollte sie niemals töten"

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Der angeklagte 81-Jährige im Landgericht Traunstein.
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Raubling/Traunstein - Am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages soll ein Rentner seine Lebensgefährtin getötet haben. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen den 81-Jährigen. Dienstag musste sich der Mann vor dem Landgericht Traunstein verantworten:

Update, 16.35 Uhr: Plädoyer der Staatsanwaltschaft

Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner sieht in seinem Plädoyer die Tat für erwiesen an: „Die Beweisführung hat die Anklagepunkte bestätigt, mit Ausnahme des Tötungsvorsatzes. Der Angeklagte hat sich somit der gefährlichen Körperverletzung mit Todesfolge schuldig gemacht.“ Die Voraussetzungen für einen minder schweren Fall liegen für Mößner nicht vor. Der Staatsanwalt beantragt eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren.

Plädoyer Verteidigung 

Verteidiger Wolfgang Müller sieht den Tötungsvorsatz auch für nicht gegeben: „Ich komme auch zu dem Ergebnis, dass hier eine gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge gegeben ist.“ Anders als die Staatsanwaltschaft sei jedoch von einem minder schweren Fall auszugehen. Der Angeklagte habe in einem Zustand gehandelt, in dem seine Steuerungsfähigkeit vermindert gewesen sei. Der Verteidiger hält eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung für angemessen.

“Ich wollte sie niemals töten. Wenn ich alles verloren habe, ist es das schlimmste, dass ich sie verloren habe“, sind die letzten Worte des Angeklagten unter Tränen.

Das Urteil wird am 3. August gegen 9 Uhr am Landgericht Traunstein verkündet.

Update, 16 Uhr: Psychiatrisches Gutachten

Das medizinische Gutachten habe ergeben, dass der Angeklagte zur Tatzeit keinerlei Drogen, zentral wirksame Medikamente oder Alkohol im Blut gehabt hatte. Auch beim Opfer habe es keinerlei Hinweise auf Alkoholisierung gegeben.

Laut dem psychiatrischen Gutachten von Oberarzt Dr. Rainer Gerth, Facharzt für Psychiatrie am Inn-Salzach-Klinikum, leide der Beschuldigte unter einer Vielzahl von größtenteils altersbedingten Erkrankungen. Er spricht auch von angehender seniler Demenz

Was laut Gerth bei der Demenzform des Angeklagten auffällig sei ist, dass die Persönlichkeit sich verändere. Die Personen seien effekt-labiler, reagieren plötzlich anders, als sie sonst reagiert hätten. „Das ist ein schleichender Prozess.“ Beim Angeklagten habe man bemerkt, dass seine emotionale Belastungsfähigkeit vermindert sei. Hinzu komme eine sogenannte Anpassungsstörung. 

Als Handlungsgrundlage für das Tatgeschehen sehe er die häufigen Streitereien um seine gesundheitlichen Probleme. Es gebe laut Gutachter sowohl Kriterien, die für ein Affektdelikt, als auch Kriterien, die dagegen sprechen. "Der Affekt hat aber sicherlich mit hinein gespielt." Eine Minderung der Steuerungsfähigkeit habe laut Gutachter vorgelegen. Aus psychiatrischer Sicht bestehe aber keine Wiederholungsgefahr, weswegen Gerth die Voraussetzungen für eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik für nicht gegeben sehe.

Update, 14.40 Uhr: Aussagen von behandelndem Arzt und Nachbarin

Als erster Zeuge nach einer längeren Pause sagt der behandelnde Arzt des Angeklagten aus. Dieser sei seit Dezember 1997 bei ihm in Behandlung. Die Probleme, welche schwerer zu bearbeiten gewesen seien, habe es schon während des gesamten Behandlungszeitraumes gegeben. Aus seiner Sicht habe der Angeklagte an einer Angststörung gelitten, die sich in körperlicher Problematik geäußert habe. Im Zuge dieser Angststörung sei er relativ uneinsichtig und ungeduldig gewesen. Der Beschuldigte habe oft den Arzt aufgesucht oder Hausbesuche gefordert. Diese Hausbesuche habe er anfangs auch gemacht, irgendwann dann jedoch nicht mehr, weil er nicht umsonst kommen wolle. Im Folge dessen sei der Angeklagte oftmals böse geworden und habe des öfteren dann den Notarzt gerufen. Weder Notarzt noch Hausarzt haben eine organische Erkrankung, die die Symptome verursachten, feststellen können. Die Behandlung bei einem Psychotherapeuten habe der Beschuldigte abgelehnt, da er der Meinung gewesen sei, er habe kein psychisches Problem.

Die nächste Zeugin, eine Nachbarin des Angeklagten bestätigte weitestgehend die Aussagen des Arztes. Auch habe sie die häufigen Notarzteinsätze mitbekommen. In der Tatnacht sei sie durch ein lautes Geräusch aus der Nachbarwohnung aufgeschreckt und habe den Streit um das Rufen eines Arztes mitbekommen. Danach habe sie mehrfach gehört „Aua, hör auf!“ Als die Zeugin dann die Worte „du Miststück, du sollst sterben“ und Röchelgeräusche hörte, habe sie die Polizei gerufen, die bereits alarmiert war. Als dann der Notruf abgesetzt war, habe sie den Angeklagten um Hilfe rufen hören. Nach außen hin habe der Angeschuldigte seine Lebensgefährtin aber immer sehr gelobt. Auch habe es sonst keine Probleme mit dem Angeklagten und seiner Lebensgefährtin gegeben.

Update, 12 Uhr: Aussage der Kriminalbeamten

Der Beschuldigte habe mehrfach den Notruf angerufen, mit der Bitte, Hilfe zu schicken. „Ich habe meine Frau umgebracht“ habe der Angeklagte laut Aussage eines Beamten der Kriminalpolizei bei den Notrufen gesagt „Bitte schickt jemand, sie verblutet.“ Bei den polizeilichen Vernehmungen habe er auch immer wieder angegeben, seine Frau umgebracht zu haben, er habe das aber nicht gewollt.

Eine Belehrung durch mehrere vernehmende Polizeibeamten, dass er als Beschuldigter eines Tötungsdeliktes vernommen werde, habe es zunächst nicht gegeben. Der Angeklagte habe zum Zeitpunkt der ersten Vernehmungen nicht gewusst, dass seine Frau bereits verstorben war. Nach der erst im Krankenhaus erfolgten Belehrung habe er erneut ausgesagt: „Ich bin ein Mörder, ich gebe alles zu, ich brauche keinen Anwalt.“ Auch Suizidgedanken habe er im Laufe der Vernehmungen immer wieder geäußert.

Er sei kein Mann, weil er keine Schmerzen aushalten könne, er solle doch verrecken, habe seine Lebensgefährtin zu ihm gesagt. Daraufhin sei er wütend geworden, habe auf das Opfer eingeschlagen, ein Messer geholt und mit den Worten „damit du auch mal Angst hast“ auf seine Lebensgefährtin eingestochen - dies habe der Beschuldigte bei der Polizei ausgesagt. 

Er sei in der Vergangenheit schon öfter wütend auf seine Frau gewesen, weil sie seine Schmerzen nicht Ernst genommen habe. Während der Vernehmung sei der Beschuldigte mehrfach in Tränen ausgebrochen, emotional sehr berührt gewesen, habe den Fragen der Beamten aber dennoch folgen können.

Update, 10.50 Uhr: Angeklagter gesteht

Ob er sie ins Gesicht geschlagen habe, wisse er nicht mehr, es könne bei der Rangelei dazu gekommen sein, so der Beschuldigte. „Ich wollte sie keinesfalls ermorden oder totschlagen.“ Er habe es nie für möglich gehalten, seine Lebensgefährtin mit dem Messer zu verletzen oder gar umzubringen. Der Richter appelliert noch einmal an den Angeklagten, zu erzählen wie es war.

Staatsanwalt Mößner verliest nun eine Aussage des Angeklagten, die er gegenüber Oberarzt Dr. Rainer Gerth vom Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg machte. In dieser Aussage habe der Angeklagte angegeben, erst auf die Frau eingeschlagen zu haben, in dessen Folge das Bett zusammengebrochen sei. Anschließend habe er ein Messer aus der Küche geholt und auf das Opfer eingestochen. Auf Nachfrage des Staatsanwaltes gibt der Angeschuldigte nun zu, dass es so gewesen ist, wie er es dem Oberarzt gegenüber schilderte.

Der Prozess wird für einige Minuten unterbrochen. Nach einer Pause verkündet Verteidiger Müller, dass der Angeklagte im Laufe der Monate einen Verdrängungsmechanismus entwickelt habe, weswegen er erst andere Angaben mache. „Der Angeklagte gibt zu, dass es so gewesen ist, wie er gegenüber Oberarzt Gerth erzählte.“ Sein Mandant habe in Kauf genommen, das Opfer mit dem Messer zu verletzen, habe sie aber keinesfalls töten wollen.

Update, 10 Uhr: Verlesung der Anklageschrift

Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner verliest zu Beginn des Prozesses die Anklageschrift: Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft soll es am 26. Dezember 2016, um etwa 4.30 Uhr, im gemeinsamen Schlafzimmer zu einer verbalen Auseinandersetzung gekommen sein.

Es sei darum gegangen, dass seine Lebensgefährtin gesundheitliche Probleme und Schmerzen des Angeklagten nicht ernst genommen haben und ihn möglicherweise sogar dafür verspottet und beleidigt haben soll. Dies soll den Beschuldigten so wütend gemacht haben, dass er seine Lebensgefährtin angriff. Im Verlauf der körperlichen Auseinandersetzung soll der Angeklagte dann mit einem Messer, das er zuvor aus der Küche holte, auf diese eingestochen und dabei tödliche Verletzungen zugefügt haben.

Aussage des Angeklagten und Erklärung der Verteidigung:

Der Angeklagte macht laut Aussage der Verteidigung Angaben zu der Sache. Rechtsanwalt Wolfgang Müller aus Rosenheim verliest für den Angeklagten eine Erklärung zur Sache und den persönlichen Verhältnissen des Angeschuldigten. Die Erklärung wird von den Angaben, die der Angeklagte bereits bei der Polizei machte, abweichen. Das teilte die Verteidigung mit. 

Am Abend des 25.  Dezember 2016 habe der Angeklagte starke körperliche Beschwerden gehabt, woraufhin er seine Lebensgefährtin bat, einen Arzt zu rufen. Die Lebensgefährtin habe ihn angeblich nicht ernst genommen, ihn einen Simulant und einen Waschlappen genannt. 

Nachdem die Lebensgefährtin zu Bett gegangen war, habe er ein Messer aus der Küche geholt und sich an das Fußende des Bettes seiner Lebensgefährtin gesetzt, um ihr Angst zu machen. Sie habe wissen sollen, was es heiße, Angst zu haben. Das Fußende des Bettes, auf dem er gesessen habe, sei nach Ausführungen des Verteidigers abgebrochen. In dessen Folge sei er mit dem Messer auf das Opfer gefallen, und habe dieses verletzt. 

Im weiteren Verlauf sei er erneut auf die Angeklagte gefallen, wodurch es zu der nächsten Stichverletzung gekommen sein muss. Genau könne er sich nicht mehr erinnern. Er habe daraufhin den Notruf und die Polizei verständigt. „Sie hat gesagt, ich soll den Arzt rufen, sonst verblute ich“, sagt der Beschuldigte unter Tränen.

Der Angeklagte bricht während der Verlesung der Einlassung mehrfach in Tränen aus: „Ich war in Panik, ich wollte sie niemals töten, ich habe sie geliebt.“ Auf Nachfrage des vorsitzenden Richters, warum er bei der Polizei andere Angaben machte, äußerte sich der Angeklagte, dass er unter Schock gestanden habe.

„Ich habe ganz erhebliche Zweifel, dass es so gewesen sein kann“, so Fuchs. „Das Gutachten über die festgestellten Verletzungen passt nicht zu Ihrer Version.“ Der Angeklagte beharrt auf seinen Erklärungen: „Es war so. Ich bin kein Mörder, ich bin auch kein Totschläger.“ Richter Fuchs geht noch einmal auf den Angeklagten ein: „Denken sie daran, ob sie dem Opfer mit dieser Version gerecht werden.“

Erstmeldung

Am frühen Montagmorgen, 26. Dezember, kam es in einem Mehrfamilienhaus zu einem Beziehungsstreit, bei dem eine 75-jährige Frau offensichtlich von ihrem Lebenspartner getötet worden sein soll. Gegen den 81-jährigen Tatverdächtigen erging auf Antrag der Staatsanwaltschaft Traunstein, Zweigstelle Rosenheim, Haftbefehl.

Der 81-Jährige ließ sich nach der Tat von der Polizei widerstandslos festnehmen und wurde in einer psychiatrischen Fachklinik untergebracht. Derzeit sitzt der Angeklagte in Untersuchungshaft.

Die Obduktion ergab im Vorfeld bereits, dass die Messerstiche, die der Angeklagte verübt haben soll, todesursächlich gewesen seien.

Nun erhob die Staatsanwaltschaft Traunstein Anklage gegen den 81-Jährigen. Er wird sich ab dem 1. August 2017 wegen Totschlages vor dem Landgericht Traunstein verantworten müssen. Das Gericht setzte bisher folgende Prozesstage an:

1. August 2017, 9.00 Uhr

3. August 2017, 9.00 Uhr

**Wir berichten von vor Ort**

Tatort in Raubling: Hier geschah der Mord

Quelle: chiemgau24.de

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