Neuer Präsident besucht das Bildungszentrum

Dem "Handwerker-Landkreis" scheint die Sonne

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Zu Besuch in Traunstein: Der neue Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern, Georg Schlagbauer (Dritter von links) bei seinem Antrittsbesuch im Bildungszentrum in Traunstein.

Traunstein - Die Handwerkskammer hat einen neuen Präsidenten: Beim Besuch in Traunstein betonte er im Interview unter anderem die Wichtigkeit des regionalen Handwerks.

Vor rund zwei Wochen wurde der neue Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayerngewählt. Die Vollversammlung der größten deutschen Handwerkskammer bestimmte den 42-jährigen Münchner Georg Schlagbauer als Nachfolger des nicht mehr angetretenen Heinrich Traublinger. Einer seiner ersten Besuche führte den neuen Mann an der Spitze der oberbayerischen Handwerker diese Woche nach Traunstein in das Bildungszentrum (BZ) der Kammer. Schlagbauer, der auch schon in seiner Eigenschaft als Landesinnungsmeister des Fleischerverbandes Bayern bei der Metzger-Innung vor Ort war, suchte den Dialog mit den Verantwortlichen des Bildungszentrums vor Ort. In einem Rundgang durch die Werkstätten in dem handwerklichen Schulungszentrum verschaffte er sich einen Detailüberblick über die Angebote im BZ, das unter anderem in der regionalen Lehrlingsausbildung ein unverzichtbarer Bestandteil der dualen Ausbildung im Handwerk ist.

„Handwerker-Landkreis“

Der Landkreis Traunstein sei ein richtiger „Handwerker-Landkreis“ betonte der frisch gebackene Präsident und untermauerte dies gleich mit Zahlen zum regionalen Handwerk. So zählte man im Berichtsjahr 2013 insgesamt 3.313 Handwerksbetriebe, wobei die Zugänge die Abgänge um elf Betriebe überstiegen. Das Handwerk ist ein wichtiger Arbeitgeber, was durch die hohe Anzahl von 13.900 tätigen Personen (Jahresdurchschnitt) untermauert werde. Fast 1.500 jungen Menschen sei im Rahmen eines Lehrverhältnisses eine zukunftsorientierte Ausbildung ermöglicht worden, was Prozentual deutlich über dem oberbayerischen Schnitt liegt. Auch die Daten für den Landkreis Berchtesgadener Land würden die Bedeutung der „Wirtschaftsmacht von nebenan“ (so der Slogan des Zentralverbandes) eindrucksvoll bestätigen. 1.777 Betriebe zählte man im Berichtsjahr mit einem unveränderten Jahresdurchschnitt von 7.800 tätigen Personen und einer leicht rückläufigen Zahl von 681 Auszubildenden.

Auch der Leiter des Bildungszentrums, Max Stadler, zeigte sich über den Antrittsbesuch erfreut. Sei es doch auch eine Würdigung des Traunsteiner Standortes der Handwerkskammer, das erst vor wenigen Jahren grundlegend modernisiert und renoviert wurde. „Der umgehende Besuch in Traunstein ist für uns wichtig und freut uns natürlich sehr“ betonte Stadler.

Wir haben im Rahmen seines Besuches in Traunstein mit dem gelernten Metzgermeister Georg Schlagbauer gesprochen.

Interview

Gratulation zu ihrer Wahl Herr Schlagbauer. Wie geht es dem bayerischen Handwerk?

Schlagbauer: Dem Handwerk scheint in diesem Sommer wirklich die Sonne. Nach dem schwungvollen Jahresbeginn hat sich die positive Entwicklung des bayerischen Handwerks auch im zweiten Quartal 2014 fortgesetzt. Die Betriebe schlossen die erste Jahreshälfte mit einem deutlichen Umsatzplus ab. Nach ersten Schätzungen erwirtschafteten sie rund 44,9 Milliarden Euro. Dies entspricht einem nominalen Zuwachs von 4,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Daran dürfte sich in den nächsten Monaten auch wenig ändern. In den kommenden Monaten rechnen nämlich neun von zehn Betriebsinhabern mit einem guten oder befriedigenden Geschäftsverlauf.

Trifft das auch auf die regionalen Betriebe im südostbayerischen Raum zu?

Schlagbauer: Und ob! Die rund 15.740 Handwerksbetriebe in Südostoberbayern mit ihren 62.500 Beschäftigten erwirtschafteten im ersten Halbjahr 2014 einen Umsatz von 3,46 Milliarden Euro, das entspricht einem nominalen Plus von fünf Prozent gegenüber den ersten sechs Monaten 2013.

Heimische Obermeister und Vertreter der Betriebe klagen immer wieder über eine überbordende Bürokratie, die vor allem aus Brüssel kommt. Ist die Kritik berechtigt?

Schlagbauer: Auf europäischer Ebene selbst wurde ja erkannt, dass die bürokratischen Belastungen für kleine und mittlere Unternehmen ein Problem darstellen. Es wurden eine Reihe von Initiativen angestoßen, um unnötige Bürokratie abzubauen. Hier hat die hochrangige Gruppe unter Vorsitz des ehemaligen Bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Edmund Stoiber seit 2007 viel erreicht. Mit dem sogenannten REFIT-Programm hat die Kommission 2013 bisher die umfassendste Anstrengung unternommen, um das EU-Recht einfacher zu machen. Das Handwerk brachte und bringt seine Vorschläge zum Bürokratieabbau in diese Prozesse ein. So wurde der Kommission eine Prioritätenliste übermittelt mit den Vorschriften, welche den höchsten Aufwand für die Betriebe verursachen. Erste Erfolge beim Bürokratieabbau sind auch schon zu verzeichnen, unter anderem durch die Erweiterung der Ausnahmeregelungen für Handwerker von der Tachographenpflicht. Allerdings müssen wir immer aufmerksam sein, dass diese Erfolge nicht durch überzogene neue Vorschriften, zum Beispiel im Bereich des Verbraucherschutzes, wieder zunichte gemacht werden.

Der demographische Wandel lässt einen hohen Mangel an Facharbeiter erwarten. Firmen hier vor Ort klagen bereits, dass Aufträge aufgrund des Fehlens von qualifiziertem Personal abgelehnt werden müssen. Gilt das Handwerk als Verlierer dieser Entwicklung?

Schlagbauer: Das hoffen wir doch nicht! Das Handwerk in der Region ist traditionell gut aufgestellt. Freilich können bei weitem nicht alle angebotenen freien Arbeits- und Ausbildungsplätze besetzt werden. Das gilt jedoch auch für andere Wirtschaftszweige. Wir müssen den jungen Leuten, ihren Eltern, den Lehrern und nicht zuletzt den Ausbildungsberatern in den Arbeitsagenturen nahe bringen, welch grandiose Berufs- und Karrierechancen gerade das Handwerk bietet – vom selbständigen Handwerksmeister bis hin zum Hochschulabsolventen. So ist zum Beispiel noch viel zu wenig bekannt, dass Handwerksmeister in Bayern jedes Universitätsfach studieren können.

Immer wieder gibt es Meldungen, dass die Handwerkskammer auf dem Areal um den Traunsteiner Bahnhof ein Zentrum für Alpenländische Baukultur errichten will. Was ist dran an dem Thema?

Schlagbauer: Wir haben gemeinsam mit dem Landkreis, der Stadt und dem Jugendherbergswerk Möglichkeiten der Nachfolgegestaltung des Bahnhofs diskutiert. Tatsache ist, dass wir in Traunstein bereits ein erfolgreiches Bildungszentrum betreiben, dem wir verständlicherweise keine Konkurrenz mit anderen Bildungseinrichtungen machen wollen. Neue Aktivitäten auf dem in Frage kommenden Gelände sollten Synergien schaffen, beispielsweise Übernachtungsmöglichkeiten für Auszubildende, die in unserem Traunsteiner Bildungszentrum zur Überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung weilen. Einen wichtigen Ansatz sehen wir auch in den Plänen, Jugendliche, die in der Jugendherberge übernachten, mit dem Handwerk in Verbindung zu bringen. Über weitere Nutzungsmöglichkeiten wird man in den nächsten Jahren im Rahmen einer Machbarkeitsstudie reden.

Wir danken für das Gespräch.

Das Interview führte Andreas Wittenzellner.

awi

Quelle: chiemgau24.de

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