Prozess um Tötung in JVA Bernau

"Das hat mit Vernichtung zu tun" - Staatsanwaltschaft fordert zehn Jahre Haft

Prozess zu tödlichem Hofgang in Gefängnis
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Der wegen Totschlags angeklagte 49-Jährige (r) sitzt vor Prozessbeginn zusammen mit seinen Anwälten Timo Westermann (M) und Adam Ahmed im Sitzungssaal im Landgericht auf seinem Platz. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann vor, bei einem Hofgang in der Justizvollzugsanstalt in Bernau im Streit einen anderen Häftling getötet zu haben.

Bernau/Traunstein - Welche Auswirkungen hatten Drogen auf den Angeklagten Bernauer Häftling? Bevor ein Urteil um die Tötung eines Mitgefangenen fällt, will die Verteidigung diese Frage noch geklärt haben. 

Das Wichtigste in Kürze:

  • Bulgare (49) soll Mithäftling in JVA Bernau totgeschlagen haben
  • Zeuge schildert Drogenkonsum im Gefängnis
  • Mutter des Getöteten mit dramatischen Worten
  • Plädoyers gehen sehr weit auseinander

Update, 17.18 Uhr - Plädoyers: Zehn Jahre Haft oder sofortige Drogentherapie für Angeklagten?

Die Plädoyers sind gehalten – und sie gehen sehr weit auseinander: Während die Staatsanwaltschaft zehn Jahre Haft für den 49-jährigen Angeklagten fordert, will die Verteidigung ihn aus dem Gefängnis herausholen, damit der Mann seine Drogentherapie beginnen kann.

Den ursprünglichen Vorwurf des Totschlags hält auch die Staatsanwaltschaft nicht mehr aufrecht. Sie sieht in der Tat am 15. August 2019 jetzt eine Körperverletzung mit Todesfolge sowie einen versuchten Totschlag. Doch die Worte des Staatsanwalts sind deutlich: "Dieser Tritt ins Gesicht des Geschädigten, von oben nach unten, stampfend, das hat mit Vernichtung zu tun.“ Außerdem habe der Angeklagte auch vor Gericht einen "hochaggressiven und angsteinflößenden Auftritt abgeliefert", so der Staatsanwalt. Gefängnisinsassen, die vor Gericht aussagten, hätten Angst vor ihm gehabt.


Ganz anders sieht es die Verteidigung: Ihr Mandant habe in einer „Notwehrlage“ gehandelt, denn der erste Schlag sei vom später Verstorbenen gekommen. Mehr als eine versuchte gefährliche Körperverletzung sei dem Mann nicht vorzuwerfen. Direkt nach der Schlägerei habe er außerdem spontan, "hoffentlich stirbt er nicht“ gesagt – und der 49-Jährige sei bisher nie wegen Körperverletzungsdelikten ins Visier der Justiz geraten. 

"Welchen Grund hätte der Angeklagte gehabt, eine Schlägerei anzufangen? Er stand kurz vor seiner Entlassung und dem Beginn einer Drogentherapie“, so Anwalt Timo Westermann. Die Strafe des Gerichts solle mit der knapp einjährigen Untersuchungshaft abgegolten sein, damit der Angeklagte nun die Therapie beginnen könne.

Das Urteil wird am 8. Juli um 10 Uhr am Traunsteiner Landgericht verkündet.

Update, 15.51 Uhr - Mutter des getöteten Häftlings richtet dramatischen Appell ans Gericht

Der Prozess um die Tötung eines 30-jährigen Kroaten in der JVA Bernau im August 2019 neigt sich dem Ende entgegen. Im Rahmen der Plädoyers durfte auch die Mutter des Mannes sprechen – sie nutzte die Chance und wandte sich mit einer emotionalen Rede ans Traunsteiner Landgericht.

"Ein junges Leben ist erlöscht", so die Mutter des damals 30-Jährigen. "Mein Sohn hatte Wünsche und Hoffnungen. Er hat sich auf die Freiheit gefreut, um seinen Sohn kennenzulernen. Meinem Enkel ist der Vater weggenommen worden und mir der Sohn. Deshalb hoffe ich auf eine strenge Strafe."

Eine Entschuldigung des Angeklagten werde sie "definitiv nicht" annehmen, so die Mutter mit fester Stimme: "Ich sehe in seinem Gesicht keine Reue. Er ist gut gelaunt und hat immer ein Lächeln im Gesicht." Sie kritisiert aber auch das Bernauer Gefängnis. Bis der Notarzt kam, habe es viel zu lange gedauert. "Mir ist auch nicht klar, warum sich Gefangene aus verschiedenen Häusern im Hof treffen dürfen und dass es keine Videoüberwachung dort gibt."

Jetzt werden die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung erwartet. Welche Strafe könnte dem Angeklagten drohen?

Update, 13.08 Uhr - Welche Drogen hat der Angeklagte in der JVA Bernau genommen?

In welchem Ausmaß kursieren in der JVA Bernau Drogen und Medikamente? Wie kommen die Häftlinge zum Rauschgift? Und was hat der Angeklagte im Gefängnis alles genommen? Diese Fragen stehen im Prozess um die Tötung eines 30-jährigen Häftlings heute bisher im Vordergrund.

Der hat sich alles reingehauen, was er in die Hände bekommen hat“, sagt ein ehemaliger Gefangener aus – Kokain, Haschisch, das Opiat Subutex oder auch Spice, das eine ähnliche Wirkung wie Cannabis hat. Die Gefangenen würden Briefe von „außen“ bekommen, die in Spice getränkt seien. Das Briefpapier könne dann unauffällig geraucht werden. Die Medikamente wie Subutex habe der Angeklagte wohl von anderen Gefangenen bekommen, die sie als Substitutionsmittel offiziell erhalten und dann weiterverkaufen.

Auch ein psychiatrischer Gutachter berichtet, dass diese Spice-Blätter auf Karo-Papier von den Gefangenen zugeschnitten und je nach Größe verkauft würden. „Es ist nicht selten, dass sich Häftlinge alle möglichen Substanzen einwerfen, um dem tristen Alltag zu entfliehen.“ Woher sie die Substanzen bekommen? „Vermutlich von anderen Häftlingen“, so der Gutachter.

Was nahm der Angeklagte in der JVA Bernau? Nach seinen eigenen Angaben Kokain, Subutex, Lyrika, Servel und „massenweise Spice“ - täglich zwei bis fünf Gramm. Das letzte Mal Kokain habe er eine Woche vor der Tat genommen. In einer Haarprobe, die am Tattag, dem 15. August, genommen wurde, stellte man noch mehr fest: THC, das Schmerzmittel Tramadol und eine Reihe von Medikamenten, zum Beispiel Antidepressiva oder Antiepileptika.

In einer Blutprobe, die knapp sieben Stunden nach der Tat beim Angeklagten genommen wurde, wurde aber bei weitem nicht alles nachgewiesen. Erwiesenermaßen stand der 49-jährige Bulgare während der Tat nicht unter dem Einfluss von Cannabinoiden, Kokain oder Tramadol. Die Frage seines Drogenkonsums ist auch deshalb so wichtig, weil er dann möglicherweise nicht in einem Gefängnis, sondern in einer Entzugsanstalt untergebracht wird – vorausgesetzt, er wird schuldig gesprochen.

Ein psychiatrischer Gutachter schätzt, dass sich die Drogensucht des Angeklagten im Gefängnis aber „stabilisiert“ habe: „Bis zum Zeitpunkt der Tat ist die Persönlichkeitsentwicklung also eher positiv.“ Laut dem Vorsitzenden Richter Erich Fuchs seien in der Zelle des Angeklagten aber nie Drogen gefunden worden. „Er kann gut verstecken“, meinte ein Häftling als Zeuge dazu nur.

Vorbericht

Über 100 Häftlinge versammelten sich am 15. August 2019 in der JVA Bernau zum Hofgang. Mittendrin kam es dann zu einer Prügelei, die ein tödlichen Ende nahm. Die Fäuste flogen aus beiden Richtungen, doch ein 30-jähriger Kroate musste letztendlich sein Leben lassen. Vor dem Traunsteiner Landgericht ist ein 49-jähriger Bulgare wegen Totschlags angeklagt. Als sein Kontrahent bereits am Boden war, soll er ihm einen letzten Tritt verpasst haben - der Kroate schlug fest auf dem Asphalt auf und kam schließlich ums Leben. Eine Reihe von Mithäftlingen wurden bereits vor Gericht vernommen

Am Mittwoch, 1. Juli, wird ab 9 Uhr der Prozess am Landgericht in Traunstein fortgesetzt. Eigentlich sollten bereits am jüngsten Verhandlungstag die Plädoyers gehalten werden, doch eine Sache wollten die Verteidiger des Angeklagten noch geklärt haben: Welche Rolle spielten die Drogen beim Angeklagten in der JVA BernauDer Angeklagte sei während seiner Haftzeit in Bernau praktisch durchgängig unter verschiedensten berauschenden Mitteln gestanden, so Verteidiger Adam Ahmed: Medikamente, Schlafmitteln, Drogen.

Nach Einschätzung des psychiatrischen Gutachters war eigentlich klar: Der Angeklagte ist schuldfähig. Doch der 49-Jährige gab zuletzt auch an, am Tattag "etwas genommen" zu haben. "Wir sollten außerdem herausfinden, ob der jahrelange Drogeneinfluss bei meinem Mandanten eine Persönlichkeitsveränderung bewirkt hat“, so Anwalt Ahmed. Deshalb sollen am Mittwoch ein Toxikologe und erneut der psychiatrische Gutachter vor Gericht erscheinen. Danach stehen die Plädoyers und das Urteil an. 

rosenheim24.de wird aktuell aus dem Traunsteiner Landgericht berichten. 

xe

Quelle: chiemgau24.de

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