Obskurer Prozess um riesigen SEK-Einsatz

JVA-Geiselnahme in Mühldorf war nur "Spaß": Gericht urteilt trotzdem Haft

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Mühldorf/Traunstein - Es lief wohl ab wie in einem Gefängnis-Thriller: Ein 28-jähriger Häftling soll seine fünf Mitgefangenen als Geiseln genommen und ihnen mit dem Tod gedroht haben - sollte er nicht gleich einen Hubschrauber bekommen. Während der Gerichtsverhandlung hat sich nun herauskristallisiert, dass alles nur inszeniert war. 

Update, 17.13 Uhr - JVA-Geiselnahme in Mühldorf war nur "Spaß": Gericht urteilt trotzdem Haft

Das Urteil ist gefallen: Das Traunsteiner Landgericht unter Vorsitz von Erich Fuchs verurteilt den 28-jährigen Letten zu anderthalb Jahren Haft. Aber nicht wegen Geiselnahme, sondern "nur" wegen Sachbeschädigung, Nötigung, Bedrohung, Körperverletzung und Beleidigung. Der Vorwurf der Geiselnahme in der JVA Mühldorf am 24. Juli 2019 löste sich während der Verhandlung auf. Auch die Zellengenossen des Angeklagten sagten aus, dass sie bei der Aktion mitgemacht hätten und eigentlich keine Angst vor dem Angeklagten hatten.


"Das war halt ein alkoholbedingter Blödsinn", merkte Richter Fuchs während der Verhandlung an. Der Angeklagte führte auch eine "Scheinexekution" an einem Zellengenossen aus, die er mit einem Countdown ankündigte. Um die Szenerie echter wirken zu lassen wurde einem Häftling Ketchup als "Blutersatz" ins Gesicht geschmiert. Die Forderung des Angeklagten nach einem Ferrari und einem Hubschrauber nahmen anscheinend nicht mal die JVA-Beamten ganz ernst.

Trotzdem zog die Aktion des Angeklagten einen großen Einsatz von SEK und eines Verhandlungsteams nach sich. "Es tut mir leid, dass es so passiert ist", merkte der Angeklagte in seinen letzten Worten an. Auch die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung lagen schließlich nicht mehr weit auseinander: Der Anwalt plädierte auf ein Jahr, die Staatsanwaltschaft auf anderthalb Jahre Haft.


Update, 16.20 Uhr - Auch JVA-Beamten kamen Zweifel ob Geiselnahme echt ist

Jetzt sind die Mühldorfer JVA-Beamten als Zeugen dran. Nahmen sie die mutmaßliche Geiselnahme ernst oder hatten auch sie ihre Zweifel? Eine Beamtin berichtet von der "Scheinexekution", als der Angeklagte einem Zellengenossen ein Messer an die Kehle hielt und dieser daraufhin umfiel: "Am Anfang bin ich schon erschrocken. Aber der ist so theatralisch gefallen, da hatte ich eigentlich nicht mehr wirklich Angst um die anderen Gefangenen."

Auch die Forderungen nach dem Hubschrauber habe sie nicht ernst genommen. Und das Brotzeitmesser, mit dem der 28-jährige Angeklagte in der Zelle hantierte, sei so biegsam, dass man damit schon beim Schneiden eines Schnitzels Probleme hätte. Aber: Die Brandlegung und die Drohungen gegenüber den Beamten ("Kommt rein, ich mach' euch kaputt") werden vor Gericht bestätigt. Auch, dass der Angeklagte sich an jenem Tag sehr aggressiv verhielt. Sonst hätten die JVA-Beamten den Mann als ruhig, besonnen, freundlich und zuvorkommend erlebt.

"Für mich war es eine komplette Ausnahmesituation", erzählt ein junger Feuerwehrler von dem Tag im Juli 2019. "Uns wurde eigentlich nur ein Brand gemeldet und auf einmal ist man scheinbar bei einer Geiselnahme dabei." Dank seiner Russisch-Kenntnisse fungierte der Feuerwehrler kurzerhand als Dolmetscher, als der Angeklagte aus der Haftzelle heraus seine Forderungen an die Polizei formulierte.

Der Angeklagte hatte während der Tat weit über zwei Promille Alkohol im Blut. Den Alkohol stellten die Gefangenen in Haft heimlich selbst her. Laut eines Gutachters habe der Mann sonst während der Haft aber keinen Alkohol getrunken und auch zuvor in Freiheit kein Alkoholproblem. Auch sonst wird ihm keine Persönlichkeitsstörung attestiert. "Das war wohl ein alkoholbedingter Blödsinn", kommentiert Richter Erich Fuchs während der Verhandlung die Tat.

Nun geht es an die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Auch ein Urteil soll heute noch fallen.

Update, 13.48 Uhr - Weitere Häftlinge sagen aus

Schon der 28-jährige Angeklagte sagte aus, die Geiselnahme sei nur gespielt gewesen, "wie im Theater" - jetzt sagen auch seine Zellengenossen teils das gleiche. "Wir haben alle bei dieser Geiselnahme mitgemacht", so ein junger Ex-Häftling. Er war es, dem das Messer an die Kehle gehalten wurde und der nach einem Countdown des Angeklagten zu Boden ging. Nach außen sollte es wie eine Exekution wirken. "Das Ganze war geplant, dass ich dann zu Boden gehe", sagt der Zeuge. Ihm sei sogar Ketchup ins Gesicht geschmiert worden, damit es fürs Wachpersonal aussehe, als sei er geschlagen worden. "Ich hatte aber absolut keine Angst vor dem Angeklagten.

Alle sechs in der Gemeinschaftszelle seien außerdem betrunken gewesen, vom Schnaps, den man heimlich im Mühldorfer Gefängnis herstellte. Und die Forderung nach einem Hubschrauber, die der vermeintliche Geiselnehmer stellte? "Das mit dem Helikopter war doch nur ein Schmarrn. Man hätte genauso gut eine Pizza fordern können", sagt ein weiterer Zellengenosse vor dem Traunsteiner Landgericht als Zeuge. Ja, wegen des Feuers in der Zelle und der aggressiven Art des Angeklagten habe auch er teils Angst gehabt - nicht aber wegen des Messers, mit dem der 28-jährige Lette seine "Geiseln" bedrohte. "Ich wusste, dass er es nicht benutzen würde. Das ist ja auch kein richtiges Messer, man kann sich damit nur ein Brot schmieren." 

Der Angeklagte habe den Beamten vor der Türe schließlich sogar angeboten, dass sie ihm über die Kostklappe Handschellen anlegen könnten. Bedenken muss man aber: Von außen, aus Sicht der Beamten, war das Geschehen im Zelleninneren wohl kaum einsehbar. Ein Fenster in der Tür gibt es nicht. Nur durch das Öffnen der Klappe konnten Wachpersonal und Polizei das Geschehen von Zeit zu Zeit überblicken. Nach den Zeugenaussagen der drei Mitgefangenen zweifelt inzwischen auch Richter Erich Fuchs an einer Geiselnahme, ohne ein Urteil vorwegnehmen zu wollen. "Eine Geiselnahme, wie sie in der Anklage steht, wird sich wohl nicht beweisen lassen. Wir werden sehen, was übrig bleibt."

Update, 11.27 Uhr - Das sagt der Angeklagte

Wie sieht es der 28-jährige Angeklagte? Was war - in seinen Augen - los an jenem 24. Juli 2019? "Das war keine Geiselnahme, das war nur gespielt. Wie im Theater", so der Mann. Er könne doch nicht alleine fünf Geiseln nehmen. Außerdem sei der Angeklagte stark betrunken gewesen: "Wenn ich etwas trinke, verliere ich die Kontrolle."

Da wird der vorsitzende Richter neugierig? "Wie geht denn das, in der JVA Alkohol zu trinken?" Der Angeklagte berichtet, dass er mit den Mitgefangenen aus Brot, Wasser und Zucker in einem Plastikeimer selbst Schnaps herstellte. Immer nachts habe man heimlich daran gearbeitet, wenn das Wachpersonal keine Rundgänge mehr mache. "An diesem Tag haben wir schon am Nachmittag in der Zelle zu trinken begonnen. Es war recht lustig, Streit gab es nicht."

Ein Polizist, der in der JVA Mühldorf im Einsatz war, berichtet als Zeuge aber, man habe die Drohungen sehr ernst genommen: "Der Angeklagte ist sehr gut trainiert und hochaggressiv. Außerdem wussten wir nicht, wie die anderen Gefangenen in der Zelle auf uns reagieren würden, ob sie sich vielleicht verbünden." Daher habe man zusätzliche Spezialkräfte geordert. Hatte er den Eindruck, die anderen Gefangenen hatten in der Zelle - als "Geiseln" - Angst vor dem Angeklagten? "Ich glaube nicht, dass sie unbedingt raus wollten. Sie verhielten sich eher beleidigend und zum Teil aggressiv uns gegenüber", so der Polizist.

Nun sollen die Zellengenossen des Angeklagten aussagen und Licht ins Dunkel bringen.

Update, 9.39 Uhr - Wie im Film: So soll sich Geiselnahme in JVA Mühldorf genau abgespielt haben

Ein 28-jähriger Lette mit durchtrainierter, stämmiger Statur wird in den Gerichtssaal geführt. Gleich vier Polizisten begleiten ihn. Zusätzlich wurde ihm ein Bauchgurt angelegt, an dem seine Hände fixiert sind. Der Prozess beginnt und die Verlesung der Anklageschrift macht deutlich, wie dramatisch die Geiselnahme im Mühldorfer Gefängnis in der Nacht auf 24. Juli 2019 abgelaufen sein soll.

Alles habe darin gegipfelt, dass der Angeklagte einer seiner Geiseln ein Messer an die Kehle gehalten und einen Countdown heruntergezählt haben soll. Dann eine Schnittbewegung und der Mitgefangene ging zu Boden. Tatsächlich sei es aber nur eine "Scheinexekution" gewesen, um das Wachpersonal einzuschüchtern. Verletzt wurde die Geisel dabei nicht.

Laut Anklageschrift ging alles mit Randale in der Gemeinschaftszelle los: Tische und Stühle seien zerstört worden und gleich eine erste Drohung durch das Zellenfenster in Richtung eines Beamten. Wenn er hereinkomme werde er "kaputtgemacht". Dann laut Staatsanwaltschaft die nächste Eskalationsstufe: Durch Holztrümmer und Textilien habe der Lette einen Schrank entzündet und brennende Stoffe durch die Kostklappe nach draußen geworfen. Die fünf Mithäftlinge in seiner Zelle betätigten dann schon den Notruf um herausgelassen zu werden - doch wegen der Drohungen gegen das Gefängnispersonal entschied man sich dagegen.

Dann Eskalationsstufe 3, wenn man der Anklageschrift glaubt: Falls er nicht mit dem Gefängnisleiter sprechen könne, würden Geiseln getötet. Immer wieder habe er deshalb Mitgefangenen ein Messer an die Kehle gehalten und dabei ein Fluchtauto und einen Hubschrauber gefordert. "Soll er sterben? Wollt ihr das?", habe der 28-Jährige gerufen. Dazu habe er den Countdown heruntergezählt und die erwähnte "Scheinexekution" durchgeführt. Nach Verhandlungen mit Experten der Polizei ließ er sich schließlich festnehmen. Nun wird sich der Angeklagte selbst zu den Vorwürfen äußern.

Vorbericht:

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft lesen sich wie das Drehbuch eines brutalen Gefängnisfilms: Ein 28-jähriger Häftling aus Lettland soll am 23. Juli 2019 zuerst in seiner Zelle randaliert und ein Feuer gelegt haben - dann hat er laut Staatsanwaltschaft seine fünf Mitgefangenen in der Zelle als Geiseln genommen. Er habe gefordert, den Leiter der JVA Mühldorf zu sprechen, sonst würden seine Geiseln sterben. Abwechselnd soll der 28-Jährige auch ein Auto und einen Hubschrauber gefordert haben. 

Um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen habe der Mann den Mithäftlingen auch ein Brotzeitmesser an die Kehle gesetzt und einen Countdown heruntergezählt. Im Einsatz waren unter anderem das SEK Südbayern und eine Verhandlungsgruppe der Polizei. Gut eine Stunde nachdem die Gespräche mit dem heute Angeklagten aufgenommen wurden, erklärte er sich zur Aufgabe bereit, wie die Polizei damals mitteilte. Danach ließ sich der Lette widerstandslos festnehmen. 

Angeklagt ist der Mann nun wegen schwerer Brandstiftung, Sachbeschädigung, Körperverletzung, Bedrohung, Freiheitsberaubung, Geiselnahme und Beleidigung. Der Prozess am Traunsteiner Landgericht beginnt am Donnerstag, 25. Juni um 8.30 Uhr

SEK-Einsatz in JVA Mühldorf 

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch kam es in der JVA Mühldorf zu einem Großeinsatz der Rettungskräfte. © fib/TE
In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch kam es in der JVA Mühldorf zu einem Großeinsatz der Rettungskräfte. © fib/TE
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In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch kam es in der JVA Mühldorf zu einem Großeinsatz der Rettungskräfte. © fib/TE
In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch kam es in der JVA Mühldorf zu einem Großeinsatz der Rettungskräfte. © fib/TE

innsalzach24.de wird aktuell aus dem Gerichtssaal berichten. 

xe

Quelle: chiemgau24.de

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