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Landkreis und Gemeinden setzen Kommission ein

„Verbrechen nicht vertuschen“ - Ex-Papst Ratzinger in der Kritik

Schon mehrfach wurde die Büste von Joseph Ratzinger beschmutzt. 2016 haben Unbekannte sie mit rosa Farbe beschmiert.
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Schon mehrfach wurde die Büste von Joseph Ratzinger beschmutzt. 2016 haben Unbekannte sie mit rosa Farbe beschmiert.

Der frühere Papst polarisiert, erst recht durch neue Vorwürfe. Wie will die Stadt Traunstein damit umgehen und was sagt der Künstler, der die Ratzinger-Büste geschaffen hat?

UPDATE 29. Januar 2022:

Traunstein – „Die Inhalte des jüngst von der Erzdiözese München und Freising veröffentlichten Gutachtens müssen sehr ernst genommen werden.“ Mit diesen Worten beginnt eine Pressemitteilung des Landratsamts Traunstein, die nach Redaktionsschluss am Freitag gegen 21.30 Uhr verschickt worden war. Wie berichtet, hatte sich die Stadt Traunstein auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen tagsüber zuerst nicht konkret zu dem Thema geäußert. Nun werden laut Landratsamts-Mitteilung die Stadt Traunstein, die Gemeinde Surberg, die Stadt Tittmoning und der Landkreis Traunstein eine Kommission einsetzen, die sich mit dem Thema aus historischer, juristischer und theologischer Sicht befassen wird. Die Kommission solle durch das Landratsamt koordiniert und aus je einem fachkundigen Vertreter der beteiligten Kommunen bestehen. Ziel der Arbeit der Kommission sei es, die im Gutachten geäußerten Vorwürfe und damit verbundene Verantwortlichkeiten in Hinblick auf die örtliche Erinnerungs- und Würdigungskultur sachlich und fachlich einzuordnen und – falls angezeigt – entsprechende Handlungsempfehlungen zu erarbeiten.

„Man muss in Traunstein gewesen sein, um Papst Benedikt XVI. zu verstehen.“ Mit diesem Satz wirbt die Stadt Traunstein auf ihrer Homepage zu ihrem wohl berühmtesten ehemaligen Einwohner. Einige Traunsteiner fragen sich, ob es angesichts der Vorwürfe gegen den früheren Papst Benedikt noch angemessen ist, dass er Ehrenbürger der Stadt bleibt.

Auf der Anfrage der OVB-Heimatzeitungen an die Stadt Traunstein am Donnerstag, 27. Januar 2022, hieß es seitens der Pressestelle, dass dieses Thema noch im Stadtrat diskutiert werde. Dies war aber in der Sitzung am Donnerstag nicht der Fall.

„In der nächsten Zeit im Stadtrat“

Auf eine erneute Anfrage unserer Zeitung am Freitag, 28. Januar 2022, bekamen wir als Antwort von Sprecherin Eva Schneider: „Das Thema wird in der nächsten Zeit im Stadtrat diskutiert werden.“ Einen konkreten Termin nannte sie nicht. Die OVB-Heimatzeitungen baten auch um eine Stellungnahme von Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer (CSU), erhielten jedoch keine Antwort.

In der Stadt rumort es. Für Montag, 31. Januar 2022, hat die Grüne Jugend eine Protestaktion an der Papst-Benedikt-Büste am Stadtplatz angekündigt. „Wir werden kritische Zitate von ihm an der Büste anbringen und den Traunsteinern so zeigen, dass der emeritierte Papst kein Vorbild für uns sein kann“, so Organistor Martin Zillner.

Es sei nicht hinnehmbar, dass die Stadt Traunstein als „Papststadt“ so weitermache wie bisher. „Wir fordern eine kritische Auseinandersetzung der Stadt mit ihrem Ehrenbürger und dem Träger ihres Traunsteiner Ehrenrings“, sagte Zillner.

Ratzinger-Schaufenster bleibt

Keinen Grund, sich zu distanzieren, sieht hingegen Annerose Dirnberger, Geschäftsführerin des Kaufhaus Unterforsthuber am Traunsteiner Stadtplatz. Dort ist seit Jahren im Schaufenster ein kleiner Bereich mit Fotos und Erinnerungen an den früheren Papst geschmückt. Das wolle man „natürlich“ weiter so halten, so Dirnberger auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen. Zu weiteren Fragen wollte die Geschäftsführerin sich nicht äußern.

Ins Grübeln gekommen ist jedoch Johann Brunner aus Surberg. Er hat die Benedikt-Skulptur am Stadtplatz im Rahmen eines Auftrags der Stadt gefertigt, 2007 wurde diese feierlich enthüllt. Umstritten sei Joseph Ratzinger schon damals gewesen, räumt Brunner ein. „Ich habe mich mit der Person schon auseinandergesetzt, aber nicht nach moralischen Kriterien“, sagt Brunner. Schurken wolle er nicht porträtieren, aber als solchen habe er ihn damals auch nicht empfunden. „Obwohl er mir in seiner Haltung nicht in allem nahe steht, habe ich den Auftrag damals gerne angenommen“, so der Künstler. Heute sieht er es so, dass er jemanden dargestellt hat, der Fehler gemacht habe.

Büste im Zentrum

In der jüngsten Zeit häufen sich künstlerische Aktionen an Brunners Büste des ehemaligen Papstes. „Als Kunst würde ich das aus qualitativen Gründen nicht bezeichnen, das waren eher politisch-moralische Aktionen. Das ist ein großer Unterschied“, findet Brunner. Diese Aktionen seien aber völlig berechtigt: „Wenn man so eine Person zu Lebzeiten zum Idol erhebt, muss man in Kauf nehmen, dass dieses Denkmal in der einen oder anderen Form kommentiert wird.“

Wie kommt es zum Verschweigen?

Gedanken macht sich auch Brunner, ob er selbst in der katholischen Kirchen bleiben will angesichts des Missbrauchsskandals und dessen Aufarbeitung. Seine Fragen seien aber komplexer: „Wie ist die ganze Struktur des Verschweigens entstanden?“ Ihm gehe es nicht nur um die Kirche, sondern auch um die Gesellschaft, die vieles mitgetragen habe. „Verbrechen darf man niemals verdecken oder vertuschen. Für die Kirche ist es natürlich als moralische Instanz besonders delikat“, so Brunner.

Als „schönste Stadt der Welt“ soll Joseph Ratzinger Traunstein bezeichnet haben. Ganz in der Nähe, in Garching und Engelsberg, leben Opfer der Pfarrers H.

Jenes Pfarrers, bei dessen Taten der frühere Erzbischof nicht einschritt.

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