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Wo Papst Benedikt XVI. zur Schule ging

„Lebenssinn verloren“: Ehemaliger Schüler berichtet von psychischem Missbrauch an Traunsteiner Internat

Gegen den früheren Schulleitervon St. Michael richten sich Vorwürfe von mehreren Betroffenen.
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Gegen den früheren Schulleiter von St. Michael richten sich Vorwürfe von mehreren Betroffenen.

Einer wurde Papst, der andere wurde in St. Michael schwer traumatisiert: Die OVB-Heimatzeitungen haben mit einem Mann gesprochen, der in den 70-er Jahren auf das Traunsteiner Internat kam. Er berichtet von psychischer Misshandlung durch den damaligen Schulleiter. Und er war kein Einzelfall. Warum es für die Opfer dennoch keine Entschädigung gibt.

Traunstein – „Ich gehöre zu den Menschen, die nicht fürs Internat geschaffen sind.“ So zitiert der Schriftsteller Peter Seewald den späteren Papst Benedikt XVI. in seiner Biografie. Schon die Ankunft im Traunsteiner Studienseminar St. Michael sei ein Schock für ihn gewesen. Ganz ähnlich ging es Herrn M., dessen Name und Wohnort den OVB-Heimatzeitungen bekannt sind, der jedoch anonym bleiben möchte.

Kaderschmiede für Priesternachwuchs

Die Erfahrungen waren für M. so traumatisch, dass er fast 40 Jahre später immer noch mit ihnen hadert. Gemeinsam mit mehreren anderen Schülern wirft M. seinem damaligen Internatsleiter psychischen Missbrauch vor.

M., der heute 54 Jahre alt ist, kommt in den 70-er Jahren aufs Internat St. Michael. Die Schule gilt als Kaderschmiede für den Priesternachwuchs. „Ich wollte da nicht hin“, sagt M. bei einem Spaziergang. Sein Gehtempo ist so schnell, dass man ein Gefühl dafür bekommt, wie schwer die Erinnerung für ihn auszuhalten ist. Der große sportliche Mann wird weder laut, noch poltert er. Eher sachlich erzählt er seine Geschichte, wobei die tiefe Verletzung immer mitschwingt.

Überforderte Pfarrer und Schwestern

Wohl habe er sich nie in St. Michael gefühlt, aber sich irgendwie eingelebt, sagt M.. Auch wenn er das Umfeld oft als sehr angespannt empfunden habe: „Da mussten sich ein Pfarrer oder eine Schwester um 30 Jungs kümmern. Rund um die Uhr. Ohne nennenswerte pädagogische Ausbildung.“ Dass da mal die Nerven blank liegen, das kann M. sogar verstehen.

Nicht verstehen kann M. jedoch den Kurs, den der damalige Leiter von St. Michael verfolgte: Engelbert Siebler, der später noch Karriere in der Kirche machen und sogar Weihbischof werden sollte. „Es ging primär darum, dass wir Pfarrer werden sollen. Das war das Ziel in St. Michael“, sagt M.. Besonders ein Satz von Siebler sei ihm in Erinnerung: „Wer nicht zur Gemeinschaft passt, muss über die Klinge springen.“

Einer von jenen, die über die Klinge springen sollten, wurde M. dann selbst. Aus welchen Gründen, weiß er bis heute nicht. „Er hat mich oft spüren lassen, dass ich grundlegend falsch bin und nichts tauge. Es hat sich wie Verachtung angefühlt“, sagt M. Dass der Schulleiter ihm ständig vermittelt habe, er sei nichts wert, verfängt eben doch.

M. berichtet, dass er auf den Internatsleiter zugegangen sei und ihn auf sein Verhalten angesprochen habe. Siebler habe mit verstörenden Lügen reagiert: Die Polizei soll M. verdächtigen, dass er mit Drogen handle. M. sagt dazu: „Ich hatte nie mit Drogen zu tun, und die Polizei hatte somit auch überhaupt nichts zu ermitteln.“ Der Seminardirektor erfindet schließlich eine Geschichte von seiner angeblichen Freundin, die er in den Selbstmord treiben soll. Dabei habe M. zu dem Zeitpunkt gar keine Freundin gehabt, sie habe schlicht nicht existiert, sagt er heute.

Perfide Drohungen und Behauptungen

Auf M.s Vorwurf, dass Siebler Sachen sage, die nicht stimmten, habe der Schulleiter Drohungen ausgesprochen. M. hat Sieblers Antwort so in Erinnerung: „Wirfst du mir vor, dass ich lüge? Wenn der Lehrbub einem Meister die Unwahrheit vorwirft, dann wird der Meister dafür sorgen, dass der Lehrbub im ganzen Landkreis keine Lehrstelle mehr bekommt. Ich bin Priester – da ist der Vorwurf der Lüge noch viel schlimmer.“ M. hatte das Gefühl, diesem Mann ausgeliefert zu sein: „Siebler hätte mich jederzeit zerstören können.“

Ist es möglich, dass ein späterer Weihbischof sich so verhält? „Ja“, sagt Robert Köhler. Er hat den Verein „Misshandlungs- und Missbrauchsopfer am Kloster Ettal“ gegründet. St. Michael kennt er jedoch auch, denn Köhler hat ein Betroffenentreffen (siehe Infokasten) dort geleitet. „Mein Eindruck aus den Gesprächen war, dass Herr Siebler in vielen Fällen mit wirklich abstrusen Argumenten kam. Und zwar ab dem Zeitpunkt, an dem jemand sich erkennbar gegen die Priesterlaufbahn entschieden hatte – und zwar in vielfältigsten Varianten“, sagt Köhler.

„Hat zu brutalen Methoden gegriffen“

Dass die Schilderungen von M. keine Fantasie, sondern durchaus realistisch waren, sagt auch Stefan Hadulla. Er war früher Schüler in St. Michael und arbeitet heute als Kirchenmusiker dort. „Wenn er jemanden maßregeln wollte, dann hat Siebler zu brutalen Methoden gegriffen“, sagt Hadulla. „Er hat einfach ein Riesennetz aufgebaut von Lügen, auch gegenüber den Eltern, um einen gefügig zu machen“, sagt der einstige Schüler. Zwar haben viele Menschen mal einen schlechten Lehrer in der Schule, aber die Dimensionen seien ganz andere gewesen, findet er. „Man wächst ja mit einem großen Vertrauen in solch eine Person auf, speziell weil er Priester war“, so Hadulla. Das Personal sei zwar vollkommen überfordert gewesen. Gleichzeitig sei das keine Entschuldigung für Sieblers Handeln.

Heute ist die Situation anders. St. Michael hat ein umfangreiches Präventionskonzept, auch aufgrund der Berichte ehemaliger Schüler. Die Stiftung Studienseminar hat sich intensiv mit dem Missbrauchsgutachten auseinandergesetzt und unterstützt den Reformprozess des Synodalen Weges derzeit mit einer großen Plakataktion.

Als „Gaslighting“ würde man das Vorgehen Sieblers heute beschreiben: „Wenn jemand versucht, einen anderen Menschen gezielt zu verunsichern. Das Opfer kann schließlich nicht mehr zwischen Wahrheit und Schein unterscheiden.“ So beschreibt die Stelle „Bayern gegen Gewalt“ im Sozialministerium dieses Phänomen. Im Fall von M. ging das Kalkül auf. Aber nur fast: „An dem Punkt stand meine Familie vor der Entscheidung, wem sie glauben sollen: mir oder Siebler? Und meine Familie hat mir geglaubt.“ M. verlässt St. Michael, zieht als Untermieter zu einer Familie, macht sein Abitur am Chiemgau Gymnasium. Die Distanz tut M. gut, und trotzdem ist er völlig aus der Bahn geworfen. „Ich habe in St. Michael den Sinn des Lebens verloren“, sagt M..

Ehemaliger Schulleiter bereits verstorben

Engelbert Siebler selbst kann nicht mehr zu den Vorwürfen befragt werden. Er ist 2018 gestorben. Über die Pfarrei in Sieblers Heimatgemeinde Fahrenzhausen erfuhr unserer Zeitung, dass Sieblers Angehörige sich dazu ebenfalls nicht äußern möchten. Heute ist auch der psychische Missbrauch an Kindern strafbar, seelische Verletzungen sind in der Erziehung unzulässig. Die Rechtslage war allerdings zu Sieblers Zeiten noch anders. Bis 1983 war sogar körperliche Züchtigung erlaubt.

Tatsächlich liegen gegen Siebler auch solche Vorwürfe vor. Auf Nachfrage bei der Erzdiözese München und Freising heißt es, dass ein Betroffener körperliche Misshandlung neben psychischen Demütigungen durch Siebler angezeigt habe. „Ein weiterer anonymer Zeuge hat berichtet, er wisse vom Hörensagen, dass Siebler gewalttätig gewesen sei“, so Sprecher Hendrik Steffens. Erstaunlich ist jedoch, dass Sieblers Verhalten nicht bekannt ist: „Über Manipulationen oder konkrete massive Abwertung, wie in Ihrer Anfrage beschrieben, ist in den Akten nichts zu finden“, heißt es weiter.

„Ein spiritueller Missbrauch“

Dass man das, was er erlebt hat, wiedergutmachen kann, glaubt M. ohnehin nicht. „Ich hatte für rund zehn Jahre meinen Lebenssinn verloren. Mein Selbstwert wurde massiv ausgehöhlt.“ Für ihn besonders bitter ist auch, dass er sich um seinen Glauben betrogen fühlt: „Es war eben auch ein spiritueller Missbrauch.“ Trotz allem engagiert sich M. heute in der Krankenhausseelsorge: „Ein Versuch, dass ich einen Weg finde, meinen Glauben jenseits von irgendwelchem Klerus zu leben.“

Zwar betont die Erzdiözese, dass jedem Hinweis nachgegangen werde, auch wenn es sich um psychische oder körperliche Gewalt handle. Für M. reicht bei Weitem nicht, was die Kirche zur Aufarbeitung macht: „Die Kirche muss endlich ernst machen. Dazu gehört neben der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen noch viel mehr. Es muss eine unabhängige Ombudsstelle geben, in der sich kirchenunabhängige Fachleute um die Aufarbeitung kümmern. Ich wünsche mir, dass die Kirche selbst in die Initiative geht und nicht nur reagiert.“

Hilfe für Betroffene

Nach dem Bekanntwerden von Missbrauchsvorwürfen am Traunsteiner Studienseminar St. Michael bis Mitte der 1980er Jahre hat das Studienseminar gemeinsam mit der Erzdiözese ehemaligen Seminaristen im September 2020 ein Gesprächsforum für mögliche Betroffene angeboten. Die Gruppe ist per E-Mail unter kontakt@aufarbeitung-seminar-traunstein.de sowie unter https://Aufarbeitung-Seminar-Traunstein.de erreichbar.

Keine finanzielle Entschädigung für Opfer von Gewalt oder psychischem Missbrauch

Warum erhalten die Opfer von sexuellem Missbrauch eine Entschädigung, nicht jedoch jene, die psychisch gequält wurden oder Gewalt erfahren haben?

Die OVB-Heimatzeitungen haben dazu bei der Erzdiözese München und Freising nachgefragt: „In der Regel fällt es Betroffenen von nicht sexueller Gewalt leichter, von ihrem Leid zu berichten. Dies führt dazu, dass Vergehen häufiger und schneller – auch strafrechtlich – verfolgt werden und somit Verfahren geführt, Urteile gesprochen und Entschädigungen geleistet werden.“ Daher sei der Kirche daran gelegen, dass die Opfer eine Zahlung in Anerkennung des Leids erhalten. Denn die Opfer seien oft erst dann in der Lage über ihre traumatischen Erlebnisse zu sprechen, wenn alle Fristen nach Straf- und Zivilrecht und damit mögliche Ansprüche auf Entschädigung abgelaufen seien.

Die Erzdiözese München und Freising antwortet auf Anfrage unserer Zeitung, dass auch bei anderen Formen von Gewalt in jedem Fall individuell geprüft werde, wie die betroffene Person unterstützt werden kann. Dies sei auch bei den Fällen in St. Michael der Fall gewesen. „So konnte in einem Fall auf Wunsch die Möglichkeit der Akteneinsicht angeboten werden, in einem anderen Fall wurde ein finanzieller Beitrag geleistet zur Unterstützung im Zusammenhang mit möglichen Spätfolgen, die auf körperliche Gewalt im Studienseminar zurückzuführen sein könnten“, heißt es von der Erzdiözese. Der Initiative „Wir sind Kirche“ ist das jedoch zu wenig. Es gehe bei Missbrauch in jeglicher Form um Machtausübung. „Einen Anspruch auf Entschädigung sollte es für alle Formen der Gewalt in der Kirche geben“, so Christian Weisner, Sprecher der Initiative „Wir sind Kirche“.

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