PROZESS UM BOMBENDROHUNG VON ROLLI-FAHRER 

Mann aus Bayerisch Gmain wegen räuberischer Erpressung verurteilt

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Der Angeklagte (rechts) mit seinem Anwalt Harald Baumgärtl (links).
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Bayerisch Gmain/Traunstein - Er hielt den Ort stundenlang in Atem: Im März drohte ein 52-Jähriger in der Sparkasse mit einer Bombe an seinem Rollstuhl - nun sprach der Richter ein Urteil: Der Mann wurde wegen räuberischer Erpressung und Störung des öffentlichen Friedens zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt

Das Wichtigste in Kürze:

  • Ein 52-jähriger Rollstuhlfahrer hatte im März in der Sparkasse von Bayerisch Gmain mit einer Bombe gedroht.
  • Er erklärte zu Prozessbeginn, voll geständig zu sein.
  • Als Motiv gab er an, auf einen für ihn tödlichen SEK-Einsatz gehofft zu haben.
  • Es sei nicht sein erster Suizidversuch gewesen.
  • Er bekommt eine Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten.
  • Die Unterbringung in ein psychiatrisches Krankenhaus wird angeordnet.

Update, 13.46 Uhr: "Sie sind kein Krimineller, wie wir ihn hier kennen"

Das Urteil: Der 52-jährige Bayerisch Gmainer ist schuldig der versuchten räuberischen Erpressung und Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten. Er bekommt eine Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten. Die Unterbringung in ein psychiatrisches Krankenhaus wird angeordnet.

"Sie sind kein Krimineller, wie wir ihn hier kennen", so der vorsitzende Richter Zenkel: "Sie sind körperlich und geistig durch den Schlaganfall geschädigt. Ohne diese Erkrankung hätten sie das wahrscheinlich niemals getan." Aber: "Es besteht Wiederholungsgefahr", so Zenkel.

Update, 13.25 Uhr: "Ich bitte um ein gerechtes Urteil."

Die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung gehen nicht all zu weit auseinander. Beide sehen die Straftatbestände erfüllt: Versuchte räuberische Erpressung und Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten. Außerdem - so Staatsanwalt und Verteidiger Baumgärtl - solle der 52-Jährige in ein psychiatrisches Krankenhaus untergebracht werden.

Die Staatsanwaltschaft fordert eine Urteil von zwei Jahren und neun Monaten, die Verteidigung von höchstens zweieinhalb Jahren. "Ich habe mein ganzes Leben lang Menschen geholfen und vor Schlimmerem bewahrt", so der Angeklagte in seinen letzten Worten mit Blick auf seine lange Berufstätigkeit im Rettungsdienst: "Ich bitte um ein gerechtes Urteil."

Update, 13 Uhr: "Sonst lege ich die Geschäftsstelle in Schutt und Asche"

"Sonst lege ich die Geschäftsstelle in Schutt und Asche" - Mit diesen Worten drohte der Angeklagte einer Sparkassen-Angestellten. Sie sagt nun als Zeugin aus: "Ich wäre mitverantwortlich, wenn etwas passiert", so die junge Frau. Sie alarmierte den Geschäftsstellenleiter, das Pflegeheim und die Polizei.

Nach der Bombendrohung - Alltag oder Alptraum?

Noch heute reagiert die Frau "anders und nervös", wie sie sagt, wenn Kunden komisch seien: "Ich hätte nie gedacht, dass in einer kleinen Filiale wie in Bayerisch Gmain so etwas passiert." Der Angeklagte will noch einige Worte an die Bank-Mitarbeiterin richten - doch die will es nicht hören, verlässt den Gerichtssaal. "Ich hab das schon ernst genommen und hab' mir nur immer gedacht: "Ich bin doch erst 19 Jahre alt'", beschreibt eine weitere Angestellte der Sparkasse ihre Ängste am Tattag.

Seit der Tat war der 52-jährige Bayerisch Gmainer im Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg untergebracht. Der psychiatrische Gutachter aus dem Klinikum attestiert nun: "Der Schlaganfall hat ihn völlig aus dem Leben gerissen." Er spricht von Verzweiflung, Verbitterung und Perspektivlosigkeit - das habe den Angeklagten auch in die Suizidgedanken getrieben.

Nach Ansicht des Sachverständigen sei der Angeklagte vermindert schuldfähig, er sehe das Unrecht der Tat nicht ein. Gänzlich schuldunfähig sei er aber nicht. Der Gutachter empfiehlt eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus.

Update, 12.10 Uhr: Angeklagter prahlte mit "Kontakten" zu IS-Terroristen

Auch sein Betreuer, der nun als Zeuge aussagt, bestätigt dem Gericht die Probleme, die der Angeklagte mit seinem Handicap hat: "Er wollte ein Leben als Mensch mit Behinderung nicht akzeptieren." Eine Therapie habe der 52-Jährige vorzeitig abgebrochen.

"Wir müssen solche Drohungen ernst nehmen", sagt als nächstes ein Polizist, der in Bayerisch Gmain im Einsatz vor, dem Gericht. Außerdem drohte der Rollstuhlfahrer auch immer wieder mit dem "Islamischen Staat" (IS): "Er sagte zu uns, dass er mit dem IS zusammenarbeitet, dass die Bombe vom IS ferngezündet werden kann."

Es gäbe fünf IS-Terroristen im Landkreis Berchtesgadener Land, die bis zu den Bundestagswahlen auch noch Anschläge planten, so der Polizist zum vorsitzenden Richter Zenkel. "Er machte meistens einen ruhigen, klaren Eindruck - nur bei seinen Drohungen wirkte er wirr", so der Polizist.

Sechs Kilogramm C4-Sprengstoff, zwei Kilo Ammonium, zwei Kilo Semtex - damit wäre sein Rollstuhl ausgerüstet, gab der Angeklagte gegenüber der Polizei und den Sparkassenangestellten an: "Wo er mir die ganzen chemischen Verbindungen genannt hat, klang das schon glaubhaft", so ein weiterer Beamter.

Wie haben die Angestellten der Sparkasse die erschreckenden Stunden und Minuten erlebt? Sie sind als Nächste als Zeugen geladen.

Update, 10.30 Uhr: Er hoffte auf tödlichen SEK-Einsatz - und hatte entsetzlichen Plan B

Was waren die Hintergründe für die Drohungen des 52-Jährigen im März? Nun spricht der Angeklagte. Er hoffte auf einen SEK-Einsatz - mit tödlichem Ausgang: "Ich bin davon ausgegangen, dass die Chance groß ist, dass es dann zum Ende kommt." Daher forderte er im Laufe des 14. März von den Polizisten auch eine Dienstwaffe: "Dann müsste ich niemanden anderen mit hineinziehen. Dann ist das Thema durch."

Die Suizidabsichten waren auch der Grund, warum der Angeklagte immer wieder das arabische Wort für "Aufbruch" zu den Polizisten sagte: "Ich wollte ihnen damit andeuten, dass es etwas Größeres werden sollte und dass der IS eine Rolle spielt."

Sein Plan B klingt nicht weniger dramatisch: "Mit den 15.000 Euro aus der Bank wollte ich mir ein Wohnmobil kaufen und damit auf die Schweizer Grenze zustürmen." Auch in diesem Zusammenhang hätte er auf tödliche Schüsse gehofft: "Das Problem hätte sich also nur verlagert", wie der 52-Jährige sagt. Nicht der erste Suizidversuch des 52-Jährigen: Wie er vor Gericht angibt, wollte er sich auch schon von einem Zug überrollen lassen, doch schaffte es aus eigener Kraft nicht aus dem Rollstuhl.

In der Bayerisch Gmainer Sparkasse fühlte sich der Mann nach seiner Drohung nicht ernst genommen: "Müssten Sie nach dem Alarmplan jetzt nicht die Polizei rufen?", fragte er die Bankangestellte. Selbst durfte er keine Bankgeschäfte mehr durchführen, einem seiner Pfleger wurde dafür die Vollmacht übertragen.

Nun werden Betreuer und Polizisten als Zeugen erwartet.

Generell berichten wir nicht über Selbsttötungen, damit solche Fälle mögliche Nachahmer nicht ermutigen. Eine Berichterstattung findet nur dann statt, wenn die Umstände eine besondere öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leidet, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Telefonnummer 0800-1110111. Hilfe bietet auch der Krisendienst Psychiatrie für München und Oberbayern unter der Nummer 0180-6553000.Weitere Infos finden Sie auf der Webseite www.krisendienst-psychiatrie.de.

Update, 9.50 Uhr: Angeklagter voll geständig

Bis vor fünf Jahren war er noch voll im Leben stehend, jetzt muss sich der Mann vor dem Landgericht Traunstein verantworten. Ein Herzinfarkt und ein Schlaganfall warfen ihn 2012 aus der Bahn, seitdem ist der Bayerisch Gmainer halbseitig gelähmt. Zuletzt arbeitete der 52-Jährige als Rettungssanitäter.

"Mein Mandant ist vollumfänglich geständig", so sein Anwalt Harald Baumgärtl gleich zu Prozessbeginn. Nun sollen die Details geklärt werden. Der Angeklagte wird dem Gericht selbst Rede und Antwort stehen. Er ist psychisch fit, spricht klar und deutlich - und lässt früh durchblicken: "Ich wollte den Blick Deutschlands auf Bayerisch Gmain lenken."

Der Vorbericht: 

Rund 300 Nachbarn der Bayerisch Gmainer Sparkasse, darunter auch ein Kindergarten, mussten evakuiert werden: Am 14. März gegen 9.30 Uhr drohte ein 52-Jähriger mit Sprengsätzen an seinem Rollstuhl. Bis zur Entwarnung fünf Stunden später waren rund 140 Einsatzkräfte von Polizei, LKA, Feuerwehr und Rettungsdienst im Ort. Die Bundesstraße wurde gesperrt, der Zugverkehr unterbrochen. Am Montag beginnt der Prozess am Traunsteiner Landgericht gegen ihn.

Polizeigroßeinsatz in Bayerisch Gmain: Bombendrohung in Bankgebäude

Rechts im Bild der Rollstuhl in dem der Bayerisch Gmainer saß - und an dem vermeintlich acht Kilo Sprengstoff angebracht wurden. 

Laut Staatsanwaltschaft forderte er 15.000 Euro und gab den Mitarbeitern der Bank eine Stunde Zeit, ehe er die angeblichen acht Kilogramm Sprengstoff per Knopfdruck zünden wolle. Als auch seine herbeieilenden Pfleger ihn nicht umstimmen konnten, wurde schließlich die Polizei verständigt, so die Staatsanwaltschaft. 

Angebliche Kontakte zum IS

Spezialgerät zur Untersuchung des Rollstuhls wurde angeschafft.

In den Diskussionen mit den Beamten soll der 52-Jährige laut Staatsanwaltschaft auch von angeblichen Kontakten zum "Islamischen Staat" gesprochen und eine Waffe gefordert haben, mit der er sich selbst töten könne. Die Untersuchung des Rollstuhls durch eine technische Sondergruppe des LKA ergab schließlich, dass kein Sprengstoff am Rollstuhl angebracht war. 

Polizeigroßeinsatz: Bombendrohung in Bankgebäude

Angeklagt ist der Mann nun wegen versuchter räuberischer Erpressung und Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten. Auch das Urteil soll noch am Montag fallen. Seit seiner Festnahme ist er im Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg untergebracht.

Der Prozess beginnt am Montag um 9 Uhr. BGLand24.de wird aktuell aus dem Gerichtssaal berichten

xe

Quelle: chiemgau24.de

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