Diskussion bei den Chiemgauer Medienwochen

Schauen Eltern viel mehr aufs Handy als ihre Kinder?

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von links: Evi Dettl von Radio Buh, Karl-Georg Nickel vom Mediennetzwerk Bayern, Stefan Stadler vom Jugendzentrum Traunreut, Tosja Zywietz von der Rosenberger Gruppe in Fridolfing, Kreisjugendpfleger Stefan Dufter, Thorsten Kelp von Hofmann Druck + Medien in Traunreut, Q3-Geschäftsführer Danilo Dietsch, Dr. Alexander Lohmeier von der Caritas Traunstein, Jim Sengl vom Mediennetzwerk Bayern, stellvertretende Landrätin Resi Schmidhuber und Regionalmanager Anton Bernauer.

Traunreut - Bei den Chiemgauer Medienwochen gab es eine Podiumsdiskussion zu den Herausforderungen der Bildung im Zuge der Industrie 4.0. Das Fazit: Bildung muss kreativer werden.

Die Digitalisierung ist in vollem Gang und schreitet rasend schnell voran. Die Auswirkungen auf Gesellschaft, Bildung und Wirtschaft sind Thema der Chiemgauer Medienwochen 2018. Gleich zum Auftakt der Veranstaltungsreihe steht fest: Der Bildungsbereich kann mit der Geschwindigkeit, in der neue Technologien entwickelt werden, kaum Schritt halten. Im Rahmen der Eröffnung der Chiemgauer Medienwochen im Traunreuter k1 sprach Traunsteins Schulamtsdirektor Otto Mayer diese Herausforderung an. "Meine Sorge ist im Moment, dass die Digitalisierung die Lehrer überrollt. Wir müssen sie fit machen, sonst sind die Schüler besser unterwegs, als die Lehrenden." Damit sind Mayer zufolge auch die Sachaufwandsträger gefordert. "Wenn es um Digitalisierung geht, muss es auch um Hardware gehen. Wenn alle Schulen auf dem aktuellen Stand der Technik sein sollen, dann ist das eine richtige Herausforderung."

Als Sachaufwandsträger gebe der Landkreis Traunstein Gas, betonte Anton Bernauer. Der Regionalmanager der Wirtschaftsförderungsgesellschaft im Landkreis Traunstein moderierte bei der Auftaktveranstaltung der Chiemgauer Medienwochen eine Podiumsdiskussion. Zentrales Thema: veränderte Anforderungen an die Bildung im Zuge der "Industrie 4.0" – also der Verzahnung der industrielle Produktion mit moderner Informations- und Kommunikationstechnik. Die wissenschaftliche Ausbildung sei nicht ausgeprägt genug, meinte Tosja Zywietz, Geschäftsführer der Rosenberger-Gruppe in Fridolfing. "Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir eine ganz andere Art der Ausbildung brauchen. Dazu gehören die neuen Medien, Computertechnik und Programmieren, aber auch soziale Kompetenzen und Kommunikation." Der Schlüssel sei die Kreativität, so Zywietz. "Computer können viele Dinge viel besser als Menschen. Das heißt, wir müssen die Schüler in anderen Bereichen stärken, die Computer nicht können. Der kreative Teil ist wichtig, damit die Kinder wissen, wo ihre Stärken liegen." Thorsten Kelp von Hofmann Druck + Medien in Traunreut erzählte dazu vom finnischen Schulsystem. "Die fördern dort die Kreativität enorm, die halten aber auch die Begeisterung hoch. Jeder Schüler fragt sich selbst, ob er Teil der Revolution ist."

Eltern schauen mehr ins Handy als auf ihre Kinder

Kompetente Pädagogen, zu denen die Schüler eine Beziehung aufbauen können, seien nach wie vor nötig, so Dr. Alexander Lohmeier, Fachdienstleiter der Erziehungsberatung bei der Caritas in Traunstein. "Mensch zu Mensch ist und bleibt wichtig. Das wird trotz aller Industrie 4.0 nicht verschwinden." Bei all den positiven Effekten der Digitalisierung, sprach er eine negative Entwicklung an – unter den Zuschauern im großen Saal des k1 werden sich einige ertappt gefühlt haben: "Es ist weniger ein Problem, dass Kinder mehr Ahnung von der neuen Technik haben. Sondern, dass sich die Eltern mehr aufs Smartphone als auf ihre Kinder konzentrieren." Dazu zitierte Lohmeier Karl Valentin: "Wir können die Kinder nicht erziehen, die machen uns eh alles nach."

Medienrat Karl-Georg Nickel zufolge seien auch junge Leute nötig, die die Digitalisierung als Chance sehen, um neue Geschäftsfelder zu entwickeln. Der langjährige Hauptgeschäftsführer des Verbands Druck und Medien Bayern und Koordinator des Mediennetzwerks Bayern sprach dazu die neue Digitalministerin an, die sich genau das auf die Fahnen geschrieben hat. Den Weg der Zukunft sieht Nickel in der Kombination aus Wissensvermittlung von gut ausgebildeten Lehrern und autodidaktischen Möglichkeiten, die die neuen Medien den Schülern bieten. "Die Erziehungswissenschaften müssen diese Möglichkeiten bei der Ausbildung von Lehrern miteinbeziehen. Das halte ich für ganz, ganz wichtig. Das ist der Weg der Zukunft."

Durch Digitalisierung fallen keine Arbeitsplätze weg - ganz im Gegenteil 

Auf Bernauers Frage, ob im Zuge der technischen Aufrüstung in Firmen Arbeitsplätze wegfallen, nannte Tosja Zywietz ein Beispiel von der Rosenberger Gruppe: Seit ein vollautomatisches Robotersystem die Logistik von 1,4 Milliarden gefertigten Einzelteilen pro Jahr übernimmt, seien in diesem Bereich 100 Leute mehr beschäftigt. Damit verdeutlichte er, dass die Chancen der Industrie 4.0 wesentlich größer als die Risiken sind. "Arbeitgeber müssen aber wesentlich mehr in die Weiterbildung der Mitarbeiter investieren." Um die Mitarbeiter für die Digitalisierung zu motivieren, müsse man vermitteln, dass sie für das Unternehmen Wachstum darstellt, so Zywietz. Grundlegend verändert hat die Industrie 4.0 die Druckbranche: Thorsten Kelp erzählte von einer "Zwangsdigitalisierung" und kompletten Berufsgruppen, die dadurch weggefallen sind. Die Traunreuter Druckerei Hofmann war weltweit eine der ersten, die Digitaldrucktechnik in den Offsetdruck brachte. "Wir haben damals die Zeichen der Zeit erkannt. Heute sind unsere Produktionsprozesse vollständig vernetzt." Angst mache ihm jetzt nur die unglaubliche Geschwindigkeit der Entwicklungsprozesse. "Ich kann mich noch erinnern, wie wir den ersten Datensatz per ISDN-Leitung bekommen haben. Das hat sechs Stunden gedauert."

Karl-Georg Nickel brach am Ende der Diskussion eine Lanze für die Vernetzung. "Wichtig ist, dass man Wissen über die Digitalisierung in Foren zur Verfügung stellt." Mit dieser Art Vernetzung könne es gelingen, eine Region wie den Chiemgau digital aufzunormen. "Und zwar über alle Branchen hinweg. Auch im Handwerk, dort spielt die Digitalisierung eine zentrale Rolle." Er unterbreitete Anton Bernauer an Ort und Stelle den Vorschlag, im Chiemgau ein Pilotprojekt durchzuführen. "Mit dem Wissen, dass Sie durch die Chiemgauer Medienwochen erlangen und gemeinsam mit der Wirtschaft und Bildungsinstitutionen könnte man ein Leuchtturmprojekt in Bayern aufziehen. Wenn uns das über alle Branchen hinweg gelingt, dann könnte das zu neuen Unternehmensgründungen führen."

Im Rahmen der Chiemgauer Medienwochen 2018 finden im März 38 Veranstaltungen zur Verbesserung der Medienkompetenz statt. Der Landkreis Traunstein führt die Veranstaltungsreihe gemeinsam mit Q3, dem Quartier für Medien, Bildung und Abenteuer und einer Reihe von Kooperationspartnern durch. Das gesamte Veranstaltungsprogramm ist unter www.chiemgauer-medienwochen.de einzusehen.

Pressemeldung der Medien.Bildung.Abenteuer gemeinnützige GmbH

Quelle: chiemgau24.de

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