Eisenbahner kauft seinen Arbeitsplatz

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Wichtige Weichen für den Erhalt des Ausstellungsraumes seiner Modelleisenbahn sowie die Zukunft von Arbeitsplatz und Wohnung hat Johann Loferer mit dem Kauf des Siegsdorfer Bahnhofs gestellt. Das Foto zeigt den Eisenbahner am Stellwerk aus dem Jahr 1954.

Siegsdorf - Für 85.000 Euro ist ein Porsche 911 mit 355 PS, ein sparsamer Hybrid-Mercedes oder eine zehn Meter lange "Hanse"-Yacht zu haben. So viel kostet auch ein durchschnittliches Studium. Oder der Bahnhof in Siegsdorf.

Letzteren hat Johann Loferer gekauft, seit 15 Jahren dort Eisenbahner. Damit hat der 47-jährige Junggeselle seinen eigenen Arbeitsplatz erworben - in der deutschen Eisenbahnlandschaft wohl einmalig.

Dabei ging es dem Loferer Hans zunächst gar nicht darum, den kompletten, aus dem Jahr 1895 stammenden Bahnhofsbau mit allem Drum und Dran zu kaufen. Vielmehr wollte er vor allem eine sichere Perspektive für seine Modelleisenbahn, die er in der angrenzenden gepachteten Güterhalle auf 25 Quadratmetern aufgebaut hat. Sehr aufwändig auf verschiedenen Ebenen. Mit rund 200 Garnituren an Zügen. "Querbeet" durch die verschiedensten Gleichstrom-Fabrikate. In privaten Führungen läßt er die Öffentlichkeit teilnehmen an seinem Hobby - das nächste mal am 12. September von 14 bis 18 Uhr. Auf dem dazugehörigen Merkzettelsteht doppelsinnig: "Eintritt frei(willig)."

Also: Um nicht eines Tages mit all seinen Loks und Waggons, dem nachgebauten einstigen Reit im Winkler und noch vorhandenen Ruhpoldinger Bahnhof auf der Straße zu stehen, wollte das Mitglied im Traunsteiner Modelleisenbahnclub sein Mietverhältnis in einem Vertrag festschreiben. "Ich hatte immer mehr das mulmige Gefühl, da laufen Interessenten um die Güterhalle herum." Doch der Vermieter, die damalige Bundesbahn, lehnte einen Vertrag mit der Begründung ab, die Lagerhalle wäre mit einem festen Mieter im Falle des Falles nicht zu verkaufen. Immerhin konnte Loferer dem Vermieter, zugleich ja sein Arbeitgeber, einenFünf-Jahres-Vertrag abtrotzen.

Ausschnitt der Modelleisenbahnanlage in der Güterhalle.

Damit schien Ruhe in das auch sonst nicht übermäßig hektische Leben des Bundesbahnhauptsekretärs eingekehrt, der mit zwei festen Mitarbeitern und zwei Urlaubsvertretungen von Montag bis Donnerstag und sonntags von 6 bis 21.30 Uhr, freitags und samstags bis 24 Uhr seinen Dienst versieht: Tickets verkauft, Auskunft gibt und alle 30 Minuten dafür sorgt, dass die Schranke nebenan geschlossen und geöffnet wird. Oder er drückt Triebfahrzeugführerin (Zugführerin) Eva Thalhammer beim Stopp in Siegsdorf schnell ein frisch gebratenes Hendl vom Stand um die Ecke in die Hand. Obwohl Loferer, der in diesem Monat auf sein 30. Berufsjubiläum zurückblicken kann, davon 15 in Siegsdorf, schon im Mietvertragspoker hätte hellhörig werden müssen, hat er nach seinen Worten als Letzter davonerfahren, dass nicht nur die Lagerhalle, sondern das gesamte Bahnhofsanwesen mit Schalter- und Stellwerkraum und, nicht zuletzt, seiner Wohnung im ersten Stock zum Verkauf ansteht. Nun hieß es: Alles oder nichts! Die Gemeinde winkte ab, ebenfalls ein anderer Interessent - schließlich musste derBahnbetrieb in den dann privaten Räumen ja weitergehen. Wer könnte das besser zusichern als der verdiente ortsansässige Eisenbahner?

Plötzlich gehörte Johann Loferer nicht nur der ihm so wichtige Güterschuppen, sondern auch der Rest. Seitdem haben sich die Besitzverhältnisse verkehrt: Nun ist er es, der Monat für Monat von der Zentrale der Deutschen Bahn in Frankfurt/Main die Miete für seinen Arbeitsplatz bekommt. Und die drei Zimmer auf 58 Quadratmetern im ersten Stock sind sein Eigen.

Wer nun meint, jemanden, der sein Eisenbahnerleben mit dem Kauf eines veritablen intakten Bahnhofs gekrönt hat, hätte es schon immer zu Zügen hingezogen, der irrt. "Mit der Eisenbahn hatte ich in Reit im Winkl nichts im Sinn" - die Zeiten, in denen zwischen Ruhpolding und Reit im Winkl von 1922 bis 1931 eine Schmalspurbahn verkehrte, die in erster Linie dem Holztransport gedient hatte, aber auch Personen beförderte, waren längst vorbei. Zwar spielte der kleine Hans mit (Lego-)Modelleisenbahnen, doch war es angesichts der beschränkten Berufsmöglichkeiten in dem Bergdorf eher Zufall, dass er bei der Bahn die mittlere Dienstlaufbahn einschlug und "Bundesbahnassistentenanwärter" mit Stationen in München, Ruhpolding und schließlich Siegsdorf wurde.

Ach ja: Gekostet hat Loferer der Bahnhof schließlich 84.000 Euro, 1000 Euro konnte er seinem Arbeitgeber noch abringen.

Quelle: chiemgau24.de

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