Schüler als Sozial-Scouts unterwegs

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Welche Erfahrungen menschlicher und technischer Art werden gemacht, wenn man im Rollstuhl unterwegs ist? Die Schülerinnen und Schüler der Klasse S10 betätigten sich als Sozial-Scouts und beobachteten die Traunsteiner Verhältnisse. Neben manchen Mängeln konnten sie auch viel Positives protokollieren. Traunstein und die Traunsteiner sind im Wesentlichen ok.

Traunstein - Die Schülerinnen und Schüler der Klasse S10 der Berufsfachschule für Sozialpflege an der BS III Traunstein waren in Rollstühlen unterwegs, um Akzeptanz-Erfahrungen zu sammeln.

Elf Teams, bestehend aus einer Person im Rollstuhl und einer zur Begleitung, erkundeten das Stadtgebiet. Aufgabe war es zu beobachten, mit welchen sozial-menschlichen Problemen und mit welchen technischen Widerwärtigkeiten Menschen zu kämpfen haben, die auf den Rollstuhl angewiesen sind. Die Aktion hatte für die Schüler/innen durchaus Ausbildungs-Charakter, weil im künftigen Beruf des/der Sozialbetreuers/in der Rollstuhl wichtige Bedeutung haben wird. Ein ortsansässiges Gesundheitshaus stellte das Equipment zur Verfügung. Zwei „echte Rollstuhlfahrer“ waren in den Versuch eingebunden und sollten die Erkenntnisse der Testerinnen und Tester aus ihrer Sicht beurteilen und evtl. zurechtrücken.

Natürlich waren zunächst augenfällige Mängel technischer Art zu beobachten: Straßen, Gehsteige und Überwege stellten die Akteure naturgemäß vor besondere Probleme, die nicht immer ohne weiteres aus der Welt geschafft werden können. Bordsteine beispielsweise, die den einen, den Fuß-Gängern, zum Schutz dienen, sind den anderen, den Stuhl-Rollern, ein häufiges Hindernis. Zu- und Eingänge erwiesen sich wegen ungenügender Breite bisweilen als arg hinderlich. Gefahren drohten von unterschiedlichen Verkehrsraum-Niveaus und Schwellen. Manchmal mangelte es an der Zugänglichkeit bestimmter Einrichtungen wie etwa Automaten, Klingeln, Türöffnern und Telefonzellen. Öffentliche Gebäude, aber auch Verkehrsmittel waren für die Rollstuhlfahrer und ihre Begleiter an manchen Stellen nicht so "offen", wie der Name es suggeriert. Toiletten, für Menschen mit Einschränkungen ebenso wichtig wie für andere Leute, sollten deshalb ebenso leicht zugänglich sein wie Normal-WCs. Die "Rangierräume", vor allem zwischen Regalen und im Umfeld der Kassen, müssten für Rollstühle größer bemessen sein, was nicht in allen Geschäften bedacht wird oder eingerichtet werden kann. Manche Theke in einer Eisdiele, Bäckerei oder Metzgerei erwies sich aus verständlichen Hygiene-Gründen für "Rollifahrer" als zu hoch – dieses Problem ließ sich jedoch durch die Hilfsbereitschaft des Personals leicht überwinden.

Insgesamt schnitt Traunstein in puncto technischer und architektonischer Rollstuhltauglichkeit nicht schlecht ab, wie die praxiserfahrenen Echt-Rollstuhl-Fahrer bestätigten. Die Schüler merkten schnell, dass "zwei Welten", deren Trennspur der Rollstuhl markiert, nicht in jedem Fall zusammenkommen können. Manche Verhältnisse lassen sich im Interesse der Allgemeinheit eben nicht an die Erfordernisse der Rollstuhl fahrenden Minderheit angleichen. In diesem Fall müssen hilfsbereite Mitmenschen für einen Ausgleich sorgen.

Auch diesen mitmenschlich-sozialen Aspekt zu untersuchen, war Ziel des "Rollstuhltrainings". Als "Mensch mit Einschränkung" zieht man allgemein die Blicke der Mitbürger auf sich, was man zu ertragen lernen muss. Nicht jedes "Gegaffe" ist böse gemeint, sondern resultiert häufig aus einer Verunsicherung. Bei der Mehrzahl der Test-Schüler entstand der Eindruck, dass Jugendliche und Senioren eher Hilfsbereitschaft zeigten als Mitbürger mittleren Alters. Als Ursache dieses auffälligen Resultats werden in der Nachbesprechung bei Senioren wohl die Erfahrungen mit der eigenen Hinfälligkeit beachtet werden müssen, bei Jugendlichen hingegen echtes Mitleid wegen des Gedankens, dass "einem selber auch sowas" zustoßen könnte. Die bisweilen anzutreffende Behauptung, "die heutige Jugend" sei rücksichtslos, fanden die Sozial-Scouts von der BS III nicht bestätigt. In einigen Fällen fiel negativ auf, dass sich Erwachsene genötigt fühlten, mit den Rollstuhlfahrern wie mit kleinen Kindern zu reden und vor ihnen in die Hocke zu gehen – auch das wohl eine Folge unbedachten Umgangs und mangelnder Erfahrung. Autofahrer reagierten auf dem Traunsteiner Stadtplatz durchwegs rücksichtsvoll und räumten in meist freundlicher Weise die "Vorfahrt" ein. Nicht alle Geschäftsangestellten scheinen auf ihrer Rechnung zu haben, dass "Behinderte" auch Kundschaft sein können – in einem Tourismusbetrieb im Zentrum muss das noch gelernt werden.

Auch in Sachen "sozial-zwischenmenschliche Situation" schneidet Traunstein nicht auffallend schlechter ab als andere Kommunen. Mit einzelnen Entgleisungen, die erlebt wurden, muss immer einmal gerechnet werden, wie von Seiten der echten Beeinträchtigten eingeschränkt wurde. Manche ungünstige Reaktion entstand möglicherweise durch die erkennbare "Testanordnung".

Brigitte Hirmer und Susanne Hogger, die Sozialpflege-Lehrerinnen, hatten die 18 Schüler/innen der Klasse intensiv auf die Aktion vorbereitet und werden in Nachbesprechungen die protokollierten Erfahrungen mit ihnen analysieren.

Klasse S10 im Rahmen des Deutschunterrichts

Quelle: chiemgau24.de

Zurück zur Übersicht: Region Traunstein

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser