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Ein Koffer voll schlimmer Erinnerungen

Zuflucht für traumatisierte Flüchtlingsfrauen in Ruhpolding

Die Kinder arbeiten auch mit kreativen Techniken, um ihre Traumata zu verarbeiten.
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Die Kinder arbeiten auch mit kreativen Techniken, um ihre Traumata zu verarbeiten.

Die Stiftung Wings of Hope, die sich der Bewältigung von Traumata als Beitrag für Frieden verpflichtet sieht, hat für geflüchtete Frauen ein Angebot am stiftungseigenen Labenbachhof in Ruhpolding geschaffen. Denn: Viele Geflüchtete haben traumatische Erfahrungen, die sie nicht verarbeiten können.

Ruhpolding – Verfolgung und Gewalt im Heimatland, Frauen, die tote Kinder halten auf der Fahrt mit dem Schlauchboot über das Mittelmeer, oder ein wochenlanges Verstecken im Wald: „Wir bieten Stabilisierungs- und Ressourcentage für eine Woche für geflüchtete Frauen und ihre Kinder“, erklärt Regina Miehling, Projektmanagerin Inland der Stiftung Wings of Hope. Zwar seien auch viele männliche Flüchtlinge durch Traumata belastet, allerdings haben Frauen bereits schon oft am Heimatort innerfamiliäre Gewalt erfahren. „Diese Gewaltspirale setzt sich hier oft fort“, sagt Mit-Organisatorin Lucija Lukic Holjan.

Regina Miehling und Lucija Lukic.

Von Afghanistan bis Äthiopien

Acht Frauen das Angebot in Ruhpolding wahr. fünf von ihnen sind alleinerziehend. Die Teilnehmerinnen kommen aus dem Netzwerk der Stiftung, das mit vielen Asylunterkünften und Organisationen in der Region zusammenarbeitet. Die Frauen konnten sich bewerben. Eine Voraussetzung war, dass sie schon gut deutsch sprechen. Denn sie kommen aus ganz unterschiedlichen Heimatländern, von Afghanistan bis Äthiopien.

Ziel sei es, dass die Frauen zum einen besser verstehen, warum es ihnen so geht und dann auch zu mehr Stabilität gelangen. „Den Frauen ist bewusst, dass sie bestimmte Schwierigkeiten haben, aber sie können es zum Teil nicht mit dem Wort ‚Trauma‘ benennen“, sagt Lukic Holjan.

Schlafstörungen und Wutanfälle

Oft seien es diffuse Auswirkungen wie Schlafstörungen oder Wutanfälle. Lukic Holjan weiß von einer Frau, die so gestresst ist, dass sie Termine vergisst. Auch den Sohn ins Hort zu bringen, obwohl er jeden Tag zur gleichen Zeit dort hin müsse. „Viele verstehen das nicht und legen das als Widerstand oder kulturelles Desinteresse aus“, sagt Miehling. Das könne es auch geben, aber die Kunst liege darin, den Grund herauszufinden.

Auch die Kinder nehmen teil, denn auch sie sind oft betroffen. „Wir merken, dass die Kinder eine sehr niedrige Stressresistenz haben und wollen ihnen helfen sich selbst besser kennen- und regulieren zu können sich besser kennenlernen sollen“, sagt Miehling. Allerdings in separaten Gruppen, denn die Mütter brauchen einen geschützten Raum, um ihre Erfahrungen zu verarbeiten.

„Für die Kinder ist es wie ein Urlaub, denn sie waren weder in ihrem Herkunftsland noch jetzt in Deutschland mal in den Ferien“, sagt Miehling. Ein Glück für Mütter und Kinder, wo gerade die Erfahrung in der Natur: „Schnecken entdecken, Löwenzahn pflücken und der kleine Bach, das gibt den Kindern sehr viel, besonders nach dem Lockdown.“

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Ob es Frauen gebe, die wegen der schrecklichen Erfahrungen ihre Flucht bereuen? Miehling und Lukic Holjan schauen sich lange an und es dauert, bis sie antworten. „Nein, das haben wir noch nicht erlebt“, sagt Miehling. Was die Frauen jedoch verzweifeln lasse, sei die Tatsache, dass es ihnen auch nach ihrer Flucht immer noch nicht gut gehe: „Das Gefühl, es hat nicht geholfen, angesichts der schlimmen Erfahrungen, unter denen sie heute noch leiden.“

Hinzu komme der unsichere Status bei vielen, ob sie ein Bleiberecht in Deutschland bekommen. „Wir merken ganz deutlich, dass es denjenigen besser geht, die wissen, dass sie bleiben dürfen“, sagt Miehling. So lange das noch nicht geklärt sei, dürfen sie oft nicht arbeiten. Arbeit und ein geregelter Tagesablauf aber geben Stabilität, die sie eigentlich dringend benötigen.

Manche Frauen flohen vor ihren Männern

Für eine gelungene Integration sind unverarbeitete Traumata oft hinderlich. Die schlimmen Erfahrungen können nicht ungeschehen gemacht werden. Auf dem Labenbachhof sollen die Frauen erleben, was ihnen Kraft gibt. „Ressourcen“ nennen das Fachleute. „Ich bin das erste Mal in meinem Leben frei wie ein Vogel, hat eine Teilnehmerin gesagt. Denn es gibt niemanden, der ihr sagt, was sie zu tun hat“, erzählt Lukic Holjan. Es gebe auch Teilnehmerinnen, die unter anderem vor ihren Männern geflohen seien. Die Hoffnung vieler Teilnehmerinnen sei ungebrochen. Und die verleiht manchmal Flügel.

Die Stiftung:

Wings of Hope ist eine Stiftung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern mit dem Ziel Trauma zu heilen. Unverarbeitete Traumata tragen häufig zur Entstehung und Eskalation von Gewalt und Konflikten bei. Dies hat nicht nur Folgen für das Leben der Einzelnen, sondern auch Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen und das gesellschaftliche Miteinander. Wings of Hope unterstützt Menschen, die unter den Folgen von Gewalt leiden in Krisenregionen und sozialen Brennpunkten. Die Stiftung arbeitet in Bosnien-Herzegowina, der Kurdischen Autonomieregion des Irak, Zentralamerika, Brasilien, Israel, den palästinensischen Autonomiegebieten und in Deutschland.

Traumata versetzen Menschen in einen Zustand voller Angst und Schrecken:

Traumatische Erlebnisse sind sogenannte Traumata, nämlich Situationen, in den Menschen von Ereignissen überrascht werden, die so heftig oder intensiv sind, dass sie sie in einen ungeschützten Zustand von Angst, Schreck und Schock versetzen. Die Stressreaktion ist so massiv, dass sie einen regelrecht überflutet und ein Gefühl der Auslieferung entsteht. Experten sprechen von der sogenannten traumatischen Zange, die den Flucht- oder Kampfreflex blockiert. Nicht gemeint sind mit dem Begriff Trauma Erlebnisse mit intensiven Gefühlen wie Ärger, Trauer, Schmerz, Wut oder Neid.

Unterschieden wird zwischen „big T-Traumata“, die eine existenzielle Bedrohung durch Gewalteinwirkung sind. „Small t-Traumata“ bezeichnen Erlebnisse, die mit Beschämung, tiefer Verunsicherung und Schuldgefühlen einhergehen.

Traumata haben einen direkten Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns, da dieses sich durch Erfahrungen ausbildet. Mit anderen Worten: Traumata werden gespeichert und beeinflussen, wie sich Vernetzungen im Gehirn bilden. Dadurch sind besonders Erfahrungen im Kindesalter prägend. Fatal ist dieses „Speichern“ von traumatischen Ereignissen, weil diese durch bestimmte Erlebnisse, aber auch Details wie Gerüche oder Geräusche wieder aktiviert werden können. Diese gespeicherten Fragmente nennt man „Trigger“. Oft sind sich Menschen gar nicht bewusst, welche Trigger sie haben, weil ihre Erinnerungen an Traumata teilweise unvollständig sind. Trigger können zu Flashbacks führen, die sich für die Betroffenen so real anfühlen, dass sie sich plötzlich wieder in der traumatischen Situationen fühlen. Dies ist neurobiologisch nachweisbar.

Folgen von Traumata können unterschiedlich sein, von körperlichen Symptomen wie Schmerzen, Herzrasen oder Atemnot bis hin zu psychischen Problemen: Suizid, Essstörungen, Kontakt- und Beziehungsstörungen.Quelle: Wings of Hope