"Nicht zu schnell Entscheidung treffen"

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BI-Gründer Dr. Michael Schuhbeck und der Allgäuer Touristiker Walter Besler (von links). Fotos thun.

Ruhpolding - Drei Tage vor dem ersten Bürgerentscheid in Ruhpolding hat die Bürgerinitiative (BI) "Hoteldorf Zell - So nicht" noch einmal für das von ihr initiierte Anliegen geworben.

Vor knapp 150 interessierten Bürgern, die die gut einstündige Versammlung zum Teil im Stehen verfolgen mussten, leitete Dr. Michael Schuhbeck ein: "Wir wollen weder provozieren noch uns profilieren, wir wollen informieren." Der 59-jährige Zahnarzt, der mit dem früheren Banker Michael Jacobs (68) die BI gegründet und im November 946 gültige Stimmen (bei 5251 Stimmberechtigten) für einen Bürgerentscheid gesammelt hatte, betonte einmal mehr, nicht gegen eine touristische Belebung der Gemeinde zu sein, doch seien nicht alle Einwohner vom Tourismus abhängig. Und auch ihnen müsse Gehör geschenkt werden. Schließlich: Um in einen echten Dialog treten zu können, bedürfe es auch eines Widerparts. Dr. Schuhbeck: "Wir wollen ein Gegengewicht schaffen, damit der Ruhpoldinger eine ausgewogene Entscheidung treffen kann."

Statt der geplanten "Ferienwohnungssiedlung mit 516 Betten" redet die BI einem Hotel der "gehobenen Kategorie" das Wort. Damit würden zum einen die vorhandenen Besitzer von Ferienwohnungen nicht mit einem "ruinösen Wettbewerb" in ihrer Existenz bedroht, zum anderen nicht weitere 27000 Quadratmeter vom Zeller Boden verbraucht. Ein Vier-Sterne-Hotel komme laut Masterplan des Landkreises mit 12000 Quadratmetern aus. "Landschaft wächst nicht mehr nach!" Zwischen 1980 und 2008 sei bereits eine Fläche von 263000 Quadratmetern verbraucht worden, was "deutlich über dem Durchschnitt im Landkreis" liege.

Dem Argument des potenziellen Betreibers TUI, das 30-Millionen-Projekt bedeute auch eine Wertschöpfung fürs Dorf, hielt Dr. Schuhbeck entgegen, warum die künftigen Feriengäste in Zell Geschäfte oder Friseur im weiter weg liegenden Ruhpoldinger Ortskern besuchen sollten. Der frühere Banker Jacobs argumentiert auf der Homepage der BI: "Eine Wertschöpfung für unsere Gemeinde ist nicht erkennbar, weil der Investor oder die Investorengruppe wahrscheinlich nicht den Sitz in Ruhpolding haben wird." Wobei immer wieder bemängelt wird, dass bis jetzt der Investor verschwiegen werde.

Um ihren Sorgen aus berufenem Mund Nachdruck zu verleihen, haben die "So-nicht"-Initiatoren einen, wie es in der Ankündigung hieß, der "dienstältesten und profiliertesten Kurdirektoren Bayerns" geladen: Walter Besler. Der 69-Jährige war 30 Jahre lang Kurdirektor von Hindelang und Oberstdorf und fungiert nach eigenen Angaben seit 1997 als "Tourismusberater im Alpenraum von der Schweiz bis Slowenien".

Der Allgäuer machte den Ruhpoldingern eingangs das Kompliment, nicht einfach dem häufig auch in der Politik zu hörenden Argument "Es gibt keine Alternative" zu folgen, sondern vorher abzuwägen. Vor allem solle man sich mit der endgültigen Entscheidung Zeit lassen. Weitere Informationen einholen. Weiter verhandeln. "Nicht das erstbeste Projekt zählt, sondern das beste."

Als "altes Schlachtross", wie sich der 69-Jährige apostrophierte, warnte Besler vor sogenannten "Global Playern" als Betreiber beziehungsweise Investor. Sie vermögen es, "auch den cleversten Kommunalpolitiker aufs Kreuz zu legen". Als Beispiel führte er im Allgäu ein Bergbahnprojekt an, für das die Gemeinde mit dem Versprechen von mehr Übernachtungen "geködert" worden sei. Einmal fertig, habe sich herausgestellt, dass in erster Linie Tagestouristen von dem Angebot Gebrauch machten. In einem anderen Fall hätten zwar 25 Prozent örtliche Kleinaktionäre ein Projekt stemmen dürfen, doch einer von fünf Sitzen im Aufsichtsrat sei ihnen später verweigert worden. Deshalb riet der Touristiker eindringlich, die Unternehmensstruktur zu hinterfragen und die Garantien für die Gemeinde zu fixieren.

Wie die Bürgerinitiative redete auch Besler einem guten Hotel mit Service das Wort. Darin liege Ruhpoldings Zukunft, zumal hinsichtlich der Feriendorfanlage mit "schwammigen Zahlen" über Kapazität, Nächtigungen und Einnahmen für die Gemeinde hantiert werde.

Dies wollte Bürgermeister Claus Pichler in der anschließenden Aussprache so nicht stehen lassen. Es sei immer konkret von 14 Einheiten mit rund 160 Hotelappartements die Rede. "Die müssen qualitativ gut ausfallen, dann haben wir eine Zukunft."

Der stellvertretende Landrat Sepp Konhäuser, der nach seinen Worten auf mehr als 20 Jahre im Ruhpoldinger Gemeinderat zurückblicken kann, wies das Argument zurück, der potenzielle Betreiber TUI werde die Preise drücken und so dem heimischen Vermieter den Garaus machen. Vielmehr sei TUI im gehobenen Preissegment angesiedelt. Ein Hotel, das dann "vier bis sechs Stockwerke haben müsste", lehnte Konhäuser ab: "Die jetzige Struktur ist viel landschaftsverträglicher."

mt

Quelle: chiemgau24.de

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