Minuten, die Leben retten können

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Traunstein - Der Rettungsdienstbereich Traunstein hat ein Konzept entwickelt, das es Rettungsdisponenten ermöglicht, die Diagnose Herzkreislaufstillstand am Telefon zu stellen.

Jedes Jahr versterben in Deutschland mehrere tausend Menschen am plötzlichen Herztod. Ein nicht unerheblicher Teil dieser Patienten könnte gerettet werden, wenn Maßnahmen zur Wiederbelebung möglichst schnell eingeleitet würden.

In den ersten Minuten nach Erleiden eines Herzkreislaufstillstandes ist es von größter Bedeutung, dass Erste Hilfe Maßnahmen – hier besonders die Herzdruckmassage - so früh wie möglich begonnen werden. Schon nach drei Minuten wird das Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff versorgt und es kann zu bleibenden Schäden kommen. Nach zehn Minuten ohne Maßnahmen zur Wiederbelebung ist es in den meisten Fällen aussichtslos den Patienten erfolgreich ins Leben zurückzuholen. Wird dagegen sofort eine Herzdruckmassage eingeleitet, sind die Chancen dem Patienten das Leben zu retten sehr gut. Untersuchungen haben gezeigt, dass eine sofort durchgeführte Herzdruckmassage die Überlebenswahrscheinlichkeit nach einem Kreislaufstillstand erheblich steigert.

Untersuchungen zeigen aber auch, dass viele Passanten, die einen Kreislaufstillstand beobachtet haben und diesen Notfall der Leitstelle melden, anschließend nur sehr selten Maßnahmen zur Wiederbelebung durchführen. Dabei wären die meisten Beobachter sofort bereit dem Patienten zu helfen. Die Angst etwas falsch zu machen oder die Unsicherheit ob Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet werden müssen, halten diese dann davon ab, eine Herzdruckmassage durchzuführen.

Hier setzt nun die neue Strategie der Telefonreanimation der Integrierten Leitstelle Traunstein an

Gemeinsam mit den Ärztlichen Leitern Rettungsdienst (ÄLRD) des Rettungsdienstbereiches Traunstein (Landkreise Altötting, Berchtesgadener Land, Mühldorf am Inn und Traunstein) ist ein Konzept entwickelt worden, das es dem Leitstellendisponenten am Telefon ermöglicht die Diagnose Herzkreislaufstillstand zu stellen und anschließend dem Anrufer zu erklären ob und wie er die Herzdruckmassage durchführen soll.

Dazu stellt der Disponent dem Anrufer nach einem festgelegten Schema verschiedene Fragen, aus deren Antworten sich die Diagnose Herzkreislaufstillstand ergibt. Falls es sich um einen beobachteten Kreislaufstillstand handelt, ermutigt der Disponent den Anrufer unverzüglich - also deutlich vor Eintreffen des Rettungsdienstes - mit der Herzdruckmassage zu beginnen. Hierzu leitet er den Anrufer nach einem festgelegten und sicheren Algorithmus telefonisch an und erklärt ihm die Technik der Herzdruckmassage. Eine zusätzliche Mund-zu-Mund Beatmung ist in den ersten zehn Minuten von nachgeordneter Bedeutung, für den Ungeübten nur sehr schwer durchzuführen und schwierig zu erklären. Daher fokussiert sich die Telefonreanimation ganz auf die Herzdruckmassage. Der geübte Ersthelfer sollte aber wie erlernt Herzdruckmassage und Beatmung durchführen.

Nach Ansicht der Ärztlichen Leiter Rettungsdienst ist diese Maßnahme - wie nur wenige andere - bestens geeignet, zukünftig die Überlebensraten nach Herzkreiskreislaufstillstand zu verbessern. Während die Telefonreanimation durch die Leitstelle in den USA seit Jahren erfolgreich angewendet und weit verbreitet ist, wird sie bisher in Deutschland wenig und in Bayern nur sporadisch praktiziert. In den internationalen medizinischen Leitlinien zur Wiederbelebung, die im Herbst 2010 veröffentlicht wurden, wird die Telefonreanimation als sehr zu empfehlende und sicher anzuwendende Maßnahme gleich mehrfach erwähnt. Die Autoren der Leitlinien empfehlen, dringend die Telefonreanimation einzuführen um die Überlebensrate nach einem beobachteten Herzkreislaufstillstand zu erhöhen.

Dies war Ansporn genug für die Mitarbeiter der ILS und die ÄLRD die Telefonreanimation im Leitstellenbereich Traunstein zügig zu entwickeln und umzusetzen. In umfangreichen Vorbereitungen wurden die organisatorischen, logistischen und medizinischen Voraussetzungen geschaffen, um die Telefonreanimation einzuführen. Nach umfangreichen Praxistests wird dieses neue Konzept am Dienstag, den 9. August in die Routinearbeitsabläufe der ILS integriert. Hierbei wurde insbesondere darauf geachtet, dass die sonstigen Tätigkeiten der Leitstelle weiterhin in der bisherigen guten Qualität angeboten werden können und durch die Telefonreanimation nicht beeinträchtigt werden.

Bei einem Notfalleingang in der Leitstelle über die Rufnummer 112 wird zunächst wie gewohnt der Notfall über die 5 „W-Fragen“ (Wer ruft an, Wo ist es passiert, Was ist passiert, Wieviele Personen sind betroffen, Warten Sie auf Rückfragen) aufgenommen. Ergeben sich daraus Hinweise auf einen Herzkreislaufstillstand greift in Zukunft der Algorithmus der Telefonreanimation und der Anrufer wird gebeten weitere Fragen zu beantworten. Idealerweise soll der Anrufer sich in der Nähe des Patienten befinden und über ein Telefon verfügen, dass auf „Lautsprecher“ gestellt werden kann. Aber auch ohne diese Voraussetzungen ist die Telefonreanimation gut durchführbar. Wenn ein Kreislaufstillstand vorliegt, soll unter Anleitung so lange ununterbrochen Herzdruckmassage durchgeführt werden, bis der Rettungsdienst eintrifft. Falls mehrere Helfer vor Ort sind, sollten diese sich in der Herzdruckmassage abwechseln und dafür Sorge tragen, dass der Rettungsdienst eingewiesen wird.

Noch bessere Voraussetzungen für einen glücklichen Ausgang des Kreislaufstillstandes bietet natürlich der in Wiederbelebung geschulter Ersthelfer, der Reanimationsmaßnahmen sofort ohne Anleitung durchführen kann. Die ÄLRD möchten die Bevölkerung daher ausdrücklich dazu ermuntern Erste Hilfe zu erlernen, beziehungsweise die Kenntnisse aufzufrischen. Hier bieten die Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz oder der Malteser Hilfsdienst Kurse an.

Da aber diese Kenntnisse in der Bevölkerung erfahrungsgemäß leider eher gering ausgeprägt sind, sind die ÄLRD und die Verantwortlichen der ILS froh, die Telefonreanimation in so kurzer Zeit etabliert zu haben, die es dem Helfer auch ohne Vorkenntnisse ermöglicht, wirksam Hilfe zu leisten. Die Integrierte Leitstelle Traunstein ist damit die erste Leitstelle in Bayern, die Telefonreanimation strukturiert eingeführt hat.

Pressemeldung Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Traunstein

Quelle: chiemgau24.de

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