Rege Debatte in Traunstein

Menschlichkeit statt Bürokratie

Traunstein - Rund 60 Bürger diskutierten im "Sailer-Keller" über das Gesundheitssystem in Deutschland. Veranstalter war der Ortsverband Traunstein von Bündnis 90/ Die Grünen.

Das Podium war mit der Gesundheitspolitischen Sprecherin der Grünen im Bayerischen Landtag, Theresa Schopper, der Leiterin der AOK Bad Reichenhall, Silke Rechsik, dem Fridolfinger Internisten Dr. Michael Hüller und der Moderatorin Alexandra Adler aus Traunstein besetzt.

Rechsik wies darauf hin, dass der technische Fortschritt enorme Möglichkeiten in der Medizin gebracht habe. Die Frage sei aber auch, wie das medizinisch Machbare finanzierbar sei. "Es geht auch um eine gerechte Verteilung der Gelder bei Mittelknappheit."

Massive Kritik am bestehenden System äußerte Dr. Hüller. Es gebe nicht nur finanzielle Probleme: "Unser Gesundheitssystem ist totkrank", gab er seine medizinische Diagnose ab. Das System sei geprägt von Kommerzialisierung und Bürokratisierung. "Geld ist genug da, es muss nur richtig eingesetzt werden", sagte er und plädierte für eine Systemreform von Grund auf.

MdL Schopper kritisierte, dass ein Gespräch zwischen Arzt und Patient nicht mehr möglich sei. "Wir haben ein gutes System, aber die Verteilung ist so, dass man das Gefühl hat, man ist eine Ansammlung von Organen" .

Schopper erläuterte das Konzept der "Bürgerversicherung", das die Grünen als Gegenstück zur "Kopfpauschale" als Gesamtlösung zur langfristigen Gesamtfinanzierung des Gesundheitssystems aufstellten. "Da werden die Beitragssätze günstiger." Offensichtlich wollte sie das aber selbst nicht so recht glauben und schränkte gleich ein: "Brief und Siegel möchte ich da nicht darauf geben."

Hüller hielt ein Plädoyer für kleinere Klinik-Einheiten und kritisierte dass in den Kliniken oft ein Management arbeite, das die Klinik "ruck-zuck profitabel" mache. Leidtragende seien oft die Patienten sowie die Mitarbeiter, die zunehmend unter einer Überbelastung leiden würden. Burnout-Erscheinungen seien bei immer mehr medizinischem Personal die Folge von Überbelastungen. Für das Krankenhaus Traunstein forderte er einen Patientenbeauftragten.

Dass das Thema vielen der Anwesenden "auf den Nägeln brennt", bewies die umfangreiche Diskussion. Sabine Schnabel aus Piding forderte mehr Transparenz im Gesundheitswesen. "Jeder Patient muss wissen, was die Behandlungen kosten." Dass die Abrechnungen oft auch für Ärzte ein Buch mit sieben Siegeln seien, machte Frauenärztin Dr. Dorothea Störtkuhl aus Garching an der Alz deutlich. Sie könne die Abrechnungen auch nicht lesen. "In dem System blickt keiner mehr durch."

Karl Hüsing aus Chieming sagte, dass "jeder für seine Gesundheit verantwortlich ist, die Gott ihm geschenkt hat." Nach seiner eigenen Erfahrung ist die Bibel das "größte Heilungshandbuch." Laborarzt Dr. Bartl Wimmer aus Berchtesgaden sagte, das Problem im Gesundheitswesen sei die Kurzatmigkeit in den vergangenen 25 Reformen. Sämtliche Interessensgruppen seien hier jeweils von "Heerscharen von Lobbyisten" umgeben. Die eingeschlagene Reformen würden verwässern.

Der Betriebsratsvorsitzende des Klinikum Traunstein, Hans Kern, lenkte den Fokus auf sich abzeichnende künftige Probleme im Gesundheitswesen: "Wir haben einen Notstand bei den Ärzten und beim Pflegepersonal". Der hohe medizinische Standard könne aufgrund eines sich abzeichnenden Fachkräfteschwundes seiner Überzeugung nach nicht aufrecht erhalten werden.

Dr. Hüller verblieb das Schlusswort, das so ganz nach dem Geschmack der Diskussionsteilnehmer war. Er wünsche sich ein nachhaltiges und solidarisches Gesundheitswesen, "in dem die Bürokratie durch Menschlichkeit ersetzt wird". wz

Quelle: chiemgau24.de

Rubriklistenbild: © dpa

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