Wie krisenfit wir sind

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Grün gleich krisensicher: Der Süden und Nordosten Deutschlands haben bei der Studie gut abgeschnitten.

Rosenheim/Traunstein - Bei Regionalrankings glänzen Rosenheim und Traunstein meist mit vorderen Plätzen. Kein Wunder: Die Region strotzt vor Wirtschaftskraft - aber...

Eine neue Studie des Pestel-Instituts wählt nun einen anderen Blickwinkel.

Das Institut hat bundesweit die "Krisenfestigkeit" von Landkreisen und kreisfreien Städten miteinander verglichen. Während der Landkreis Traunstein mit Platz 10 von 412 getesteten Regionen ganz vorne liegt, ist der Kreis Rosenheim mit Rang 47 im oberen Drittel zu finden. Rosenheim selbst belegt mit Platz 187 das Mittelfeld.

Was passiert, wenn der Ölpreis immer weiter und weiter steigt? Wenn in einer neuen Finanzkrise Banken zusammenbrechen oder die globale Klimaerwärmung Missernten auslöst und Lebensmittel drastisch verteuert? Wie flexibel Regionen auf lokale Konsequenzen globaler Krisen reagieren können, hat das "Eduard- Pestel-Institut für Systemforschung" mit Sitz in Hannover untersucht. Veröffentlicht wurde die Studie anderthalb Wochen vor dem Beben, das die Industriemacht Japan erschüttert hat.

Beim Vergleich von Regionen geht es meist um Wirtschaftskraft und Wettbewerbsfähigkeit. Das Pestel-Institut hat ihr Untersuchungsziel auch in der Tradition von Institutsgründer Eduard Pestel gewählt. Er hatte in den 70er-Jahren die beiden Berichte des Club of Rome "Die Grenzen des Wachstums" und "Menschheit am Wendepunkt" mit angestoßen und mit verfasst.

Doch wie will man die Fähigkeiten, eine Krise bewältigen zu können, bewerten? Das Pestel-Institut hat dazu 18 Indikatoren aus den Bereichen "Soziales", "Wohnen", "Verkehr", "Flächennutzung", "Energie" und "Wirtschaft" festgelegt.

"Methodische Schwächen"

Manche Dinge klingen einleuchtend: Ein hoher Wert von Schulabgängern ohne Hauptschulabschluss lasse den Rückschluss auf starke soziale Ungleichheiten zu, ebenso wie eine hohe Quote von Hartz-IV-Beziehern. Zuzug dagegen wird positiv bewertet, weil eine attraktive Region auf ein gutes Angebot von Arbeits- und Ausbildungsplätzen verweise.

Doch die Interpretation anderer Indikatoren wirkt auf den ersten Blick zumindest überraschend. So schlägt in der Studie eine hohe Quote von Beschäftigten in der Industrie negativ zu Buche, weil damit eine starke Abhängigkeit vom Export einhergehe. Viele Mieter werden dagegen als positiv bewertet, weil Mieter weniger verschuldet seien und mehr Flexibilität bei Ortswahl und Wohnfläche hätten.

Wer die Werte für unsere Region genauer unter die Lupe nimmt, stößt schnell auf Schwächen der Studie. So führt ein hoher Pendleranteil zu einer schlechten Bewertung, weil er Verkehr nach sich zieht, was in einer Krise zu Instabilität führen könnte. Eine kreisfreie Stadt mit vergleichsweise geringem Stadtgebiet wie Rosenheim hat da schlechte Karten. Auch verwundert es nicht, dass es in Rosenheim keine dezentrale Energieerzeugung durch Biogasanlagen gibt oder nur wenig landwirtschaftliche Fläche pro Einwohner vorhanden ist. Und während sich die Region in Sachen Solar im vorderen Drittel positioniert, nimmt es kein Wunder, dass sie beim Indikator Windkraftleistung ganz hinten liegen.

Hans Zott, Geschäftsführer des Regionalen Planungsverbands Südostoberbayern mit Sitz in Traunstein, moniert deshalb methodische Schwächen: Die Risiken seien nicht definiert und innerhalb der Indikatoren hätten die Autoren offenbar Gewichtungen vorgenommen, die aus den vorliegenden Unterlagen nicht nachvollziehbar seien. Auch werden für kreisfreie Städte und Landkreise die gleichen Kriterien angewandt, was nach Überzeugung von Zott wenig Sinn hat. Für die Interpretation der Indikatoren sieht Zott auch keine stichhaltige Begründung: "Manche Zusammenhänge sind schon sehr an den Haaren herbeigezogen", so das Urteil des Wirtschaftsgeografen.

"Ein vertiefter Blick lohnt sich dennoch"

Doch trotz aller Kritik hält Zott die Studie für interessant. "Angesichts der Ereignisse in Japan hat sie sogar eine gewisse Brisanz." Doch man müsse die Untersuchung noch genauer unter die Lupe nehmen. Er hat das Institut deshalb um weitere Einzelheiten zur Region gebeten. Dass die Region in der Studie insgesamt gut wegkommt, verwundert Zott nicht: "Wir haben eine breit gefächerte Wirtschaftsstruktur mit Tourismus, Handwerk, Industrie und Landwirtschaft und tun uns leichter, auf Veränderungen zu reagieren als Regionen mit einer Monostruktur."

Das Pestel-Institut weiß wohl selbst um die Schwächen der Studie. Bereits im Vorwort heißt es, die Bestandsaufnahme sei "ein erster Ansatz" für eine Zusammenstellung von Kriterien für Krisenfestigkeit: "Jeder einzelne Indikator und seine Bewertung sind diskussionswürdig."

Doch vielleicht haben die Autoren insofern recht, dass Zukunftssicherheit nicht unbedingt nur mit internationaler Wettbewerbsfähigkeit gleichzusetzen ist und dezentrale Strukturen, soziale Stabilität und Arbeitsplätze vor Ort sich auf Regionen positiv auswirken können - nicht nur in Krisenzeiten.

ku/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: chiemgau24.de

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