"Ich wollte ihn nicht töten"

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Traunstein - Eine "alberne Streitigkeit", wie es Staatsanwalt Volker Ziegler jetzt im Traunsteiner Schwurgerichtsprozess nannte, hat einen jungen Mann das Leben gekostet. Jetzt fiel das Urteil.

Am Rande einer Geburtstagsfeier in Traunstein wurde ein 19-jähriger Tschetschene erstochen.

Der Täter, ein einschlägig vorbestrafter Deutsch-Kasache (21), wurde zu einer Gefängnisstrafe von acht Jahren verurteilt. Die Messerstecherei hat Ende November für Betroffenheit und großen Wirbel im Chiemgau gesorgt. 15 Einsatzfahrzeuge der Polizei schwärmten in der Tatnacht aus, um nach dem Täter und dem Messer zu suchen. Das Opfer starb 20 Stunden nach einem lebensgefährlichen Stich in die Halsschlagader im Klinikum Traunstein.

Die Kammer mit Vorsitzendem Richter Ulrich Becker sprach den geständigen und wegen Gewaltdelikten einschlägig vorbestraften 21-Jährigen gestern des Totschlags schuldig. Im Urteil - acht Jahre Jugendstrafe - wurde eine Vorstrafe des Amtsgerichts Eggenfelden berücksichtigt. Der Angeklagte sagte im letzten Wort: "Ich möchte mich entschuldigen bei der Familie des Opfers." Die Adoptivmutter des 19-Jährigen brach dabei in Tränen aus und rief etwas in russischer Sprache. Das Gericht mahnte zur Ruhe.

Der 21-Jährige fuhr fort: "Ich habe ein Geständnis abgelegt, damit die Familie weiß, was passiert ist. Ich weiß, dass ich dafür bestraft werden muss. Ich wollte das Opfer nicht töten. Ich hatte keinerlei Gründe, ihn so schwer mit dem Messer zu verletzen." Der Tat mit einem 19 Zentimeter langen Klappmesser ging eine Geburtstagsfete von etwa 15 jungen Leuten, zumeist aus dem gleichen Kulturkreis, in der Gaststätte "Bangkok" voraus. Alle tranken viel Alkohol. Zum Rauchen mussten die Geburtstagsgäste vom ersten Stock hinunter an die frische Luft gehen. Im Erdgeschoss gerieten der Angeklagte und das Opfer aneinander. Der 21-Jährige ärgerte sich über Aufschneidereien des 19-Jährigen, der unter anderem mit seinen Erfolgen im Boxen und Kickboxen prahlte. Der Angeklagte gab in dem Prozess an, der Tschetschene sei zuerst auf ihn losgegangen, habe ihn gegen die Wand gedrückt. Dass der 21-Jährige bei den mindestens sechs Stichen - vier trafen den Kopfbereich - die Augen zugemacht haben wollte, hielt der Staatsanwalt für nicht glaubwürdig. Er sprach von "gezielten Stichen gegen Hals und Kopf". Der Angeklagte habe mit direktem Vorsatz gehandelt. Ziegler: "Wenn ich jemand in den Hinterkopf steche, will ich, dass der Mensch stirbt."

Mordmerkmale konnte der Staatsanwalt nicht erkennen. Eine "alberne Streitigkeit" habe sich aufgeschaukelt. Wie letztlich alle Prozessbeteiligten befürwortete Ziegler die Anwendung von Jugendstrafrecht angesichts der Reifeverzögerungen des 21-Jährigen. Ein minderschwerer Fall sei jedoch zu verneinen. Verteidiger Axel Kampf aus Rosenheim erklärte, es sei "für uns schwer verständlich, was in solch jungen Männern aus einem anderen Kulturkreis vorgeht". Täter wie Opfer seien "aus dem gleichen Holz" - dem Alkohol zugetan, gewalttätig und strafrechtlich schon in Erscheinung getreten.

Der Anwalt stellte eine denkbare Version in den Raum, wonach nicht nur ein Täter, sondern zwei Männer zugestochen haben könnten. Das Geständnis seines Mandanten und seine kooperative Hilfe, etwa zum Auffinden der Tatwaffe, seien von hohem Wert: "Sonst hätten wir drei mit Blut bespritzte Personen, sonst nichts." Kampf argumentierte zudem mit dem schweren Lebensweg des 21-Jährigen - samt "Umsiedlungstrauma". Im Urteil hob Richter Becker heraus, die Stiche hätten nicht "blind, quasi mit geschlossenen Augen" geführt werden können. Das habe der rechtsmedizinische Sachverständige festgestellt. Ansonsten folge das Gericht der Schilderung des Angeklagten zum Tathergang. Für eine Tatbeteiligung anderer Männer spreche nichts.

kd/Oberbayerisches Volksblatt 

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Quelle: chiemgau24.de

Rubriklistenbild: © dpa

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