"Ich hoffe, dass ich die Spende erlebe"

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Trotz allem hat sie das Lachen nicht verlernt: Luise Steinbach wartet auf eine Niere. Sie muss sich dreimal in der Woche einer Blutwäsche unterziehen.

Traunstein - Luise Steinbach ist einer von vielen Dialysepatienten, der aktuell auf eine neue Niere wartet. Das erste Spenderorgan arbeitete 13 Jahre. Nun hofft sie erneut auf eine Spende.

Luise Steinbach steht vor dem Informationsstand am Maxplatz in Traunstein. Es ist Samstagvormittag und Markttag; es kommen viele Passanten vorbei. Einige gehen schnell weiter, andere bleiben stehen und manche kommen direkt auf den Stand zu, als hätten sie ihn gesucht. Steinbach lächelt und fragt: "Möchten Sie einen Organspendeausweis?"

Vor über 20 Jahren hat ein Arzt bei Luise Steinbach Auffälligkeiten im Blutbild festgestellt. Doch die Ärzte fanden keine Ursache. Dann machte ein Nephrologe eine Nierenbiopsie. Eine Woche nach der Untersuchung saß die Patientin ihrem Arzt gegenüber und der sagte zu ihr: "Die Untersuchung ist leider nicht so ausgefallen wie erhofft." Er prognostizierte, sie werde in einem Jahr an die Dialyse müssen.

Lange hatte Luise Steinbach keinerlei Schmerzen. Dann begann die Kurzatmigkeit, dazu kamen Probleme beim Wasserlassen und Übelkeit. Je weniger die Niere arbeitete, umso mehr Wasser und Giftsstoffe breiteten sich in ihrem Körper aus. Irgendwann ging es nicht mehr. Nach fast genau einem Jahr ging sie freiwillig zum Arzt und wollte an die Dialyse.

Am Samstag, am Tag der Organspende, sitzt Luise Steinbach unter dem Zeltdach vom Informationsstand und zeigt auf ihren Unterarm. Eine lange, dünne Narbe zieht sich vom Handgelenk etwa zehn Zentimeter nach oben. Hier haben die Ärzte ihr den Shunt für die Dialyse gelegt. Sie erinnert sich, dass sie erst tapfer war. Sie hatte sich alle Geräte angeschaut und ging scheinbar furchtlos zur ersten Blutwäsche. Dann aber lag sie im Krankenhausbett und weinte fürchterlich. Inzwischen hat sie es angenommen: "Ich war 39, hatte zwei Kinder und wollte leben. Ich war froh, dass es diese Option gab", sagt sie. Wäre die Dialyse nicht gewesen, wäre sie in kurzer Zeit gestorben.

Nach sechseinhalb Jahren kam um 12 Uhr nachts der Anruf: "Wir haben eine Niere für Sie." Wenige Stunden später wurde Luise Steinbach operiert. Ihr Körper akzeptierte das Organ sofort. Bereits nach zwei Tagen konnte die Patientin wieder aufstehen. Sie ging in die Krankenhauskapelle und betete für den Spender und seine Familie. Auch damals wusste sie schon, dass eine Spenderniere meist nicht unbegrenzt lange funktioniert.

Auch Dirk Sander vom Dialysezentrum in Traunstein ist am Samstag am Maxplatz dabei. Ihm wäre es am liebsten, Deutschland würde dem Beschluss des Bundesärztetags folgen und eine Widerrufregelung einführen, wie es sie zum Beispiel auch in Frankreich und Österreich gibt. Wer nicht spenden will, müsste dies dann vermerken - nicht andersrum. "Bei Straßenbefragungen sagen etwa 80 Prozent der Leute, sie würden Organe spenden, aber nur knapp 15 Prozent haben einen Ausweis", sagt Sander. "Die Leute wissen nicht, wo sie den Ausweis herbekommen, sie haben Bedenken, ob sie zu alt zum Spenden sind, oder sie möchten sich nicht mit dem Thema Tod beschäftigen", meint der Arzt. Er erklärt den Passanten, dass es die Ausweise zum Beispiel beim Arzt oder in Apotheken gibt und dass auch Ältere, nach einem Gesundheitscheck, Organspender werden können.

Die Probleme fingen wieder an

Die Spenderniere von Luise Steinbach hat 13 Jahre gut gearbeitet. Dann ging es wieder los. Ihr Blutdruck stieg enorm. Kein Medikament half. Die Probleme mit dem Atmen fingen wieder an, das Wasserlassen funktionierte gar nicht mehr. Sie musste wieder an die Dialyse. "Das kann doch jeden treffen", sagt sie. "Man sollte sich überlegen, ob man selbst ein Organ nicht annehmen würde, wenn man es braucht."

Grundsätzlich sei eine Organentnahme überhaupt nur in ganz seltenen Fällen möglich, erklärt der Anästhesist Martin Glaser. Organe werden nur entnommen, wenn zwei unabhängige Ärzte den Hirntod feststellen, die Körperfunktionen aber noch künstlich aufrechterhalten werden können. Das kann zum Beispiel bei einem schweren Unfall mit einer Hirnblutung der Fall sein oder bei einem Schlaganfall. "Wir können mit der Beatmungsmaschine und mit Medikamenten den Kreislauf für eine kurze Zeit am Laufen halten. Aber der Patient ist tot", sagt Glaser. "Bei einem Hirntod gibt es auch kein Zurück mehr - das ist ausgeschlossen." Weil Tote nicht behandelt werden dürfen, gibt es für Ärzte in solchen Fällen nur zwei Möglichkeiten: Die Behandlung wird abgebrochen und der Patient stirbt. Oder der Prozess wird um etwa zwölf Stunden verzögert und in dieser Zeit werden die Organe entnommen, für die der Patient in seinem Ausweis die Zustimmung gegeben hat. Etwa zehnmal im Jahr trete eine solche Situation im Traunsteiner Krankenhaus überhaupt ein; etwa dreimal liege eine Einwilligung zur Entnahme vor, sagt Glaser.

Luise Steinbach wartet jetzt wieder auf eine Niere. Sie ist Zweiter Vorstand der Selbsthilfegruppe "Arbeitsgruppe Organspende". Sie wartet nicht jeden Tag auf einen Anruf; aber sie weiß, dass sie nicht unbegrenzt Zeit hat. Die Blutwäsche dreimal in der Woche belastet ihren Körper. "Ich hoffe, dass ich die nächste Spende noch erlebe", sagt sie.

naw/Chiemgau-Zeitung

Quelle: chiemgau24.de

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