„Rettet die Hirschauer Bucht!“

+
Initiatoren der Interessensgemeinschaft „Hirschauer Bucht“, Rosa-Maria Multerer und Norbert Lohwieser bei der gut besuchten öffentlichen Diskussions- und Informationsveranstaltung „Rettet die Hirschauer Bucht!“

Grabenstätt - Die Hirschauer Bucht - seit dem Hochwasser Anfang Juni und dem angeschwemmten Müll das Diskussions-Thema am Chiemsee. Jetzt gab es eine Info-Veranstaltung:

Einen lebendigen, aber sachlichen zweistündigen Meinungsaustausch gab es am vergangenen Donnerstag bei der gut besuchten öffentlichen Diskussions- und Informationsveranstaltung „Rettet die Hirschauer Bucht!“ im Gasthof „Grabenstätter Hof“.

Lesen Sie auch:

Die Bürger nutzten die Gelegenheit, um sich mit den anwesenden Experten und Politikern über den aktuellen Zustand und die Zukunft der Hirschauer Bucht auszutauschen, die ungebremst verlandet und im Zuge des Jahrhunderthochwassers Anfang Juni zu einer regelrechten Müllhalde verkommen ist.

Mit privaten Fotos und Filmaufnahmen belegten die Initiatoren der Interessensgemeinschaft „Hirschauer Bucht“, Rosa-Maria Multerer und Norbert Lohwieser, dass sich dort, wo sich derzeit Schwemmholz und Müll im Schlamm und Schilf türmen, vor 45 Jahren noch der „schönste Sandstrand des Chiemsees“ befunden habe.

Bilder vom Treibholz in der Hirschauer Bucht:

Treibholz in der Hirschauer Bucht

„Riesiger Mülleimer vor die Tür gestellt“

„Der Gemeinde Grabenstätt wurde von anderen ein riesiger Mülleimer vor die Türe gestellt, den sie nun nicht einmal leeren darf“, drückte es Multerer bildlich aus. Dabei keimte unlängst durchaus Hoffnung auf, als der Leiter des Wasserwirtschaftsamtes, Walter Raith, ankündigte, dass seine Behörde den Plastikmüll mit der Seen- und Schlösserverwaltung beseitigen werde, in Sachen Treibholz aber nichts geplant sei.

Der Gebietsbetreuer Chiemsee Hannes Krauss (u.a. vor Luftbild Hirschauer Bucht) meldete sich auch mehrmals zu Wort.

Auch die Höhere Naturschutzbehörde bei der Regierung von Oberbayern soll einer solchen Müllräum-Aktion mittlerweile aufgeschlossen gegenüberstehen, so Raith, der sich für die Infoveranstaltung entschuldigen ließ. Dass endlich Bewegung in die Sache kommt, ist auch dem Engagement vom Landrat Hermann Steinmaßl zu verdanken, der für den 8. November eine Hochwasserkonferenz einberufen hat, sowie dem Kreisumweltausschuss Traunstein, der unlängst bei einer Besichtigungstour im „Naturschutzgebiet Tiroler Ache“ forderte, dass das Treibholz schnellstmöglich entfernt werden müsse und der Freistaat, respektive das Finanzministerium als Seeneigentümer nicht länger tatenlos zuschauen dürfe.

Die Zeit drängt, denn die in der Hirschauer Bucht angedachten Maßnahmen können witterungsbedingt nicht im Winter und auch nicht im Frühjahr und Frühsommer während der Brutzeit der Vögel durchgeführt werden.

Maßnahmen gegen die Verlandung der Hirschauer Bucht

„Uns geht es darum, dass die Stimme der Grabenstätter Bürger gehört wird, und nicht mehr über deren Interessen hinweg entschieden wird“, forderte Initiatorin Multerer und zeigte Möglichkeiten auf, wie im Einklang mit den Belangen des Naturschutzes, des Hochwasserschutzes und des Tourismus, Maßnahmen ergriffen werden können, um die Situation in der Hirschauer Bucht zu verbessern.

Albert Multerer (Vater von Rosa-Maria Multerer), ein Kenner der Hirschauer Bucht, erklärte den Besuchern seine Sicht der Dinge.

Dabei gehe es insbesondere um die Säuberung und Wiederöffnung des zur Hirschauer Bucht führenden Achenarms, den teilweisen Rückbau des Deichs nördlich der Autobahn A8 zur Schaffung von Hochwasser-Überschwemmungsflächen, grundlegende Beseitigung des Mülls und des Treibholzes östlich des Rotgrabens und die regelmäßige Säuberung der Hirschauer Bucht von Müll und Treibholz sowie des Schlamms in den Ausläufen von Mühlbach, Rotgraben und Mooshauptkanal zur ordnungsgemäßen Entwässerung landwirtschaftlicher Flächen.

Bürger und Experten besprachen im Rahmen der öffentlichen Diskussions- und Informationsveranstaltung „Rettet die Hirschauer Bucht!“ wie man die Verlandung der Hirschauer Bucht eindämmen und sich vor zukünftigen Hochwässern besser schützen könnte.

Falls man den Seitenarm öffne, könne sich dieser aufgrund des Gefälles schnell zum Hauptarm entwickeln, was den Verlandungsprozess in der Hirschauer Bucht sogar noch beschleunigen könnte, merkte ein Besucher kritisch an. Eine Zurückverlegung des Deiches sehe er sehr positiv, doch sei sie sehr unrealistisch, da sie mit enormen Kosten verbunden sei und Grundstückseigentümer sowie Jagd- und Weideberechtigte Einspruch erheben dürften, so Frank Weiß vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern. Es sei wohl allen klar, dass ein Fluss wie die Tiroler Ache mehr Raum bekommen müsse, dies gehe aber nur, wenn die Menschen es auch vor der eigenen Haustür zulassen würden.

Besucherzentrum mit Naturlehrpfad als Vision

Wie Multerer weiter ausführte, sollten unter anderem auch Rückhaltemaßnahmen im Oberlauf bis nach Tirol, häufigere Leerungen beziehungsweise Erweiterung des Kiesfangs südlich der A8 und Renaturierung des Rotgrabens im Mündungsbereich angedacht werden. Als Vision schwebe ihr ein Besucherzentrum in der Hirschauer Bucht samt Naturlehrpfad vor.

Damit das funktioniere, bräuchte man aber auch Personal, das entsprechend geschult sei, meinte Siegfried Gärtner aus Grabenstätt. Überall komme man ans Seeufer, außer in Grabenstätt, „für uns ist der Chiemsee abgeschnitten“, ärgerte sich Initiator Lohwieser. Die gesetzliche Vorgabe, dass in der Hirschauer Bucht, die zur Kernzone des Naturschutzgebietes gehört, ein absolutes Betretungsverbot gelte und nichts entnommen werden dürfe, kommentierte Lohwieser mit den Worten: „Das Naturschutzgebiet kannibalisiert sich damit selbst“.

Man rede hier über „sehr hochwertige Schutzgebiete“ und über das „besterhaltene Binnendelta Mitteleuropas“, deswegen komme es darauf an, ein überzeugendes Konzept zu entwickeln, wie man die Bucht vom Schwemmmaterial befreie, so Gebietsbetreuer Chiemsee Hannes Krauss.

Trotz strenger Auflagen gebe es sicherlich die Möglichkeit von Ausnahmeregelungen. Die Verlandung könne man nur etwas steuern, aber nicht verhindern, dafür bräuchte es im Unterlauf der Tiroler Ache schon eine „Art überdimensionalen Kaffeefilter“, scherzte Krauss. Der Landesbund für Vogelschutz in Bayern sei nicht gegen die Müllentnahme, stellte Weiß klar, dies sei aber „nur oberflächlich möglich“, also nicht unter Wasser oder im Schlamm.

Müll kommt raus, aber was passiert mit dem Schwemmholz?

Uneinigkeit bestand darin, ob die weit über 10.000 Tonnen Schwemmholz in der Hirschauer Bucht Müll seien oder zum Beispiel zu Hackschnitzel weiterverarbeitet werden könnten. Der frühere Leiter des Forstamts Marquartstein, Dr. Klaus Thiele, betonte, dass das Treibholz „ein wichtiger Teil des Auwalds“ sei und eine Entnahme ein „schwerer Schlag gegen die Biodiversität“ wäre.

Kreisrat Heinrich Wallner von der Bayernpartei aus Chieming, dessen Frau Chiemsee-Fischerin ist, ist davon überzeugt, dass die Hirschauer Bucht in spätestens 80 Jahren voll verlandet sein werde. Der Fischfang sei aber wohl schon in einer Generation nicht mehr möglich.

Da, wo der Wasserspiegel vor 60/70 Jahren noch mehrere Meter tief gewesen sei, stoße man heute schon nach einem halben Meter auf Grund. Kreisrat Dr. Lothar Seissiger von den Freien Wählern warnte davor, dass der im Wasser befindliche Plastikmüll den Menschen vergiften könnte, da er sich langsam zersetze und dann über Kleinstlebewesen in die Nahrungskette gelange.

Es könne nicht sein, dass der Vogelschutz höher bewertet werde, als der Lebensraum für den Menschen. Naturführer Jürgen Pohl erwiderte, dass „der Mensch Teil der Schöpfung, aber nicht deren Krönung ist“. Die Verlandung der Hirschauer Bucht wirke sich auch schon auf das gesamte Ostufer des Chiemsees aus, betonte ein Gast und verwies auf immer häufiger angeschwemmtes Treibgut an den Badestränden in Chieming.

Folgenschweres Rekord-Hochwasser im Juni

Ein Marquartsteiner Bürger erinnerte daran, dass die Hochwasserkatastrophe noch viel schlimmer ausgefallen wäre, „wenn Kössen nicht komplett abgesoffen wäre“. Albert Multerer aus Grabenstätt, der sich seit Jahrzehnten mit der Thematik beschäftigt, zeigte sich davon überzeugt, dass man die folgenschwere Überschwemmung vermeiden hätte können, wenn man den Damm in den Vorjahren nördlich der Autobahn geöffnet hätte.

Andere Besucher bezweifelten, ob der Dammbruch unweit der Autobahnbrücke und vor allem jener weit entfernte bei Staudach damit zu verhindern gewesen wären. Zuspruch erfuhren sie von Andreas Baumer vom Wasserwirtschaftsamt, der zudem daran erinnerte, dass ein Dammbruch auf der linken Seite der Tiroler Ache noch viel verheerendere Folgen gehabt hätte, da dann ganz Übersee überschwemmt worden wäre.

An einem Nachbartisch wurde derweil über eine Sollbruchstelle spekuliert. Für Kurt Luft aus Grabenstätt sind dies „alles Nebenkriegsschauplätze“. Seiner Meinung nach gehe es jetzt in erster Linie um die „Beseitigung der Kloake in der Hirschauer Bucht“.

Hochwasserkonferenz am 8. November

Man habe sich so ein Hochwasser nicht vorstellen können, „aber die Natur hat uns im Juni eines Besseren belehrt“, betonte Bürgermeister Georg Schützinger. Neben der von Landrat Steinmaßl angeregten Hochwasserkonferenz am 8. November mit allen Bürgermeistern und zuständigen Behördenvertretern plane das Wasserwirtschaftsamt im Dezember einen Runden Tisch, so Schützinger.

Kreisrat Dirk Reichenau von der SPD bedauerte, dass die angesetzte Hochwasserkonferenz „nur halböffentlich ist“, er werde aber aus der heutigen Veranstaltung „viel mitnehmen und einbringen“. Einigkeit bestand darin, dass etwas geschehen müsse und es so nicht weitergehen könne.

mmü

Quelle: chiemgau24.de

Zurück zur Übersicht: Region Traunstein

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser