Eine Epoche neigt sich nun dem Ende

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"Das Zeitalter des motorisierten Verkehrs zur Winklmoosalm begann am 23. Januar 1936, als erstmals ein 18-sitziger Raupenschlepper der deutschen Reichspost Personen ins Wintersportgebiet beförderte". So ist es in der Reit im Winkler Gemeindechronik nachzulesen und so hat dieser Raupenschlepper vor 73 Jahren ausgesehen.

Reit im Winkl - Eine neue Epoche bricht an und beendet damit eine andere: Der derzeitige Bau der Gondelseilbahn von Seegatterl nach Winklmoos wird ab dem kommenden Winter die Beförderungsdienste des Regionalverkehr Oberbayern (RVO) ablösen.

Dies bedeutet nach über 70 Jahren das Ende des Bustransports im Winter auf das Skigebiet der Winklmoosalm. In einer kleinen Feierstunde würdigten vor 70 geladenen Gästen in der Niederlassung in Reit im Winkl Vertreter der Gemeinde, des Landkreises und des RVO diese ära als wegweisend für die touristische Entwicklung der Winklmoosalm. Beleuchtet wurden dabei auch historisch besonders bedeutsame Momente dieser "Erfolgsgeschichte".

Eben von dieser "Erfolgsgeschichte" sprach eingangs RVO-Geschäftsführer Veit Bodenschatz ausführlich und bezeichnete diese Linie auf die Winklmoosalm, die Buslinie 9507, als das "Herzstück" der Niederlassung Reit im Winkl.

Hektik und Ungeduld in Seegatterl: Offenbar kaum erwarten können Wintersportler in den 50er Jahren, bis ihre Ski auf dem Postbus verladen sind. Die Brotzeit bleibt dagegen im Rucksack. Dann kann es endlich losgehen auf die Winklmoosalm und mit dem Skifahren.

Mit verschiedenen Zahlen wollte er diesen Erfolg belegen: So hatte die RVO seit ihrer übernahme im Jahre 1976 bis zu diesem Frühjahr exakt 10303847 Personen befördert, "und dies ohne dass auch nur einer zu Schaden gekommen ist". Diesen Umstand wollte er ausdrücklich den Fahrern zuschreiben, welche die kurvenreiche, gut vier Kilometer lange Bergstrecke stets umsichtig und mit "hohem fahrerischem Können" absolviert hätten. 15 Fahrer waren dafür zuletzt eingesetzt, "welche Aufgaben diesen Fahrern künftig zugeteilt werden können, werden wir noch sehen", so Bodenschatz. Mit einer gewissen Anspannung warte man auch auf die Auftragsvergabe des Zubringers von Reit im Winkl nach Seegatterl für den kommenden Winter. Die Bauherren der Seilbahn, Vater und Sohn Brandtner aus Waidring, seien vertraglich gebunden, diesen Zubringerbus bereitzustellen. Eine Entscheidung ist allerdings noch nicht gefallen. Welche hohe ökonomische Bedeutung diese Strecke für die RVO hatte, erklärt Niederlassungsleiter Georg Aberger: "Die Winklmoosstrecke war für uns wirtschaftlich freilich recht lukrativ - trotz der hohen Personal- und Unterhaltskosten." Bis zu 6500 Gäste waren an Spitzentagen von den täglich zwölf eingesetzten Bussen auf die weit über die Region hinaus bekannte Alm befördert worden. "Für uns bedeutet der Wegfall dieser Strecke einen immensen wirtschaftlichen Einbruch", bestätigt auch Bodenschatz.

Demgegenüber erläuterte der stellvertretende Landrat des Landkreises Traunstein Georg Klausner in seiner Ansprache die Bedeutung des Bahnbaus für den Wintertourismus der gesamten Region. Er erläuterte dabei die Mühen, mit denen ein Wintersportler im Bus auf der engen und kurvenreichen Bergfahrt konfrontiert werde. Er wollte aber auch die Leistungen der RVO hier als herausragend beschreiben.

Dem Reit im Winkler Bürgermeister Josef Heigenhauser war es ein Anliegen, die wesentlichen historischen Daten und Ereignisse der Busbeförderung auf diesen Reit im Winkler Ortsteil nachzuzeichnen. So begann genau am 23. Januar 1936 das Zeitalter des motorisierten Verkehrs auf dieses Almgebiet, zunächst wurde ein 18-sitziger Raupenschlepper eingesetzt. Schon zwei Jahre später waren es drei solcher Fahrzeuge. Diese wurden mit Beginn des Zweiten Weltkrieges allerdings an die russisch-finnische Front verfrachtet, der Bustransport wurde wieder eingestellt.

Nach dem Krieg dauerte es einige Jahre, bis zähe Verhandlungen zwischen der Gemeinde, der Forstverwaltung und der Oberpostdirektion bis hinauf zum Postministerium zur Wiedereröffnung der Winklmoosstraße führten. Die Straße sollte von der Gemeinde übernommen, instand gesetzt und auch ausgebaut werden. Welche Vorbehalte dabei zu überwinden waren, belegt auch ein Brief des almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern aus dem Jahre 1950, der sich damals vehement gegen diesen "Bau einer Autobahn" aussprach. Eine der angeführten Begründungen beschrieb die befürchteten Folgen durch die zunehmende Zahl von Gästen: "Man weiß aus Erfahrung, dass das Almpersonal durch diese Besuche von Pflicht und Arbeit abgehalten wird".

Auf der Winklmoosalm: Busfahrer Fritz Hennig vor dem Bus, mit dem 1956 die 1000. Fahrt auf das Hochplateau unternommen wurde.

Und dennoch konnte im Beisein des Bundespostministers Dr. Siegfried Balke am 28. August 1954 die Straße in einem großen Fest wiedereröffnet werden. Schon zwei Jahre später wurde die 1000. Auffahrt der Postbusse registriert. Rasch passte man die Infrastruktur den zunehmenden Gästezahlen an: 1969 wurde die Bergstrecke erstmals durchgängig geteert, das Skigebiet auf der Winklmoos wurde eröffnet, die Anbindung an die Steinplatte auf Tiroler-Seite wurde stetig attraktiver. Skischulen entstanden, die Lawinenkommission und Rettungsdienste sorgten sich zuverlässig um die Sicherheit und um Erste Hilfe, die Gemeinde stellte Personal und Maschinen für die reibungslose Schneeräumung zur Verfügung. All dies war notwendig, denn die Beförderungszahlen explodierten: Waren es Ende der 50er Jahre noch etwa 40000 Besucher, so stiegen diese 1976 auf 292000 und 1989 auf 493000 transportierte Gäste auf die Winklmoosalm an. 1976 übernahm schließlich der RVO diesen Dienst, er war gegründet worden, um die Buslinien der Post und der Bahn zu optimieren.

In den vergangenen Jahren musste die Verantwortlichen aber erkennen, dass der Zenit der Beförderungszahlen überschritten war. 2006 wurden nur noch 216000 Fahrgäste registriert. Der Grund: In Waidring war 1998 eine Kabinenseilbahn auf die Steinplatte gebaut worden und offenbar schätzten die Wintersportler mehr und mehr die Beförderung per Bahn. Und mit den immer konkreter werdenden Plänen der Steinplatten-Aufschließungsgesellschaft auch in Seegatterl eine Gondelbahn zu bauen, stand das Aus der RVO Busse auf dieser Strecke fest: Genau am 17. April diesen Jahres fuhr der letzte Bus auf die Winklmoos-Alm. Zumindest im Winter. Im Sommer wird weiterhin diese Linie im Stundentakt das Almgebiet anfahren, um Wanderer dorthin zu bringen. Des Weiteren wird der RVO Wintersportler von den umliegenden Orten nach Seegatterl wie bisher transportieren. Aber die große Zeit der RVO ist auf dieser Strecke zu Ende: "Da bricht schon ein gscheiter Stein weg", sagt abschließend etwas wehmütig Niederlassungsleiter Aberger, 60, "die Strecke nach Winklmoos war schon etwas ganz Besonderes."

Quelle: chiemgau24.de

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