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Landwirtschaftsministerin Kaniber schaltet sich ein

Ein Wolf spaziert durch Bergen: Mulmiges Gefühl und Rufe nach Abschuss

Vor dem Laden von Brigitte Dietz ist der Wolf vorbeigelaufen.
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Vor dem Laden von Brigitte Dietz ist der Wolf vorbeigelaufen.

Nach den Attacken auf Schafe und Ziegen tauchte jetzt ein Video auf: Ein Wolf spaziert abends mitten durch die Chiemseegemeinde Bergen. Es ist dort das Thema schlechthin. Und auch unter den politisch Verantwortlichen fordern immer mehr Konsequenzen.

Bergen – Das Handyvideo ist keine zwei Tage alt, aber gesehen hat es in Bergen gestern schon fast jeder: Ein wie ein Wolf aussehendes Tier spaziert mitten durch den Ort, vorbei am hell beleuchteten Schaufenster der „Boutique Brigitte“. Der Laden gehört Brigitte Dietz und ist nur einen Steinwurf von der Kirche entfernt. „Ich werde inzwischen ständig drauf angesprochen“, sagt sie beim Besuch der OVB-Heimatzeitungen.

Die Schaufensterbeleuchtung werde gegen 22.30 Uhr abgeschaltet und Mittwochnachmittag sei das Geschäft geschlossen. Das Tier muss also irgendwann zwischen Einbruch der Dunkelheit und halb elf am Geschäft vorbeigegangen sein. „Da könnte man noch locker auf der Straße sein“, so die Ladeninhaberin.

Mulmiges Gefühl bei den Menschen vor Ort

Das Tier war wohl gerade auf dem Weg zu einem Bauernhof im Ortsteil Ramberg, nur wenige hundert Meter entfernt. Die Marschrichtung auf dem Video stimmt. Der betroffene Landwirt, Christian Gutsjahr, berichtete von einem Übergriff auf eine seiner Ziegen gegen 21.15 Uhr. Er konnte das Tier verjagen. Er ist sich sicher: „Es war ein Wolf.“

Die Vorfälle in der Region häufen sich. Nicht von allen Fällen gibt es eindeutige Nachweise. Grafik:Klinger

Selbst will Brigitte Dietz den Wolf schon gesehen haben: Beim Spazierengehen um 6.30 Uhr in der Früh, kurz nach Allerheiligen, in 50 Meter Entfernung am Waldrand. „Ich war mit meiner Schwägerin unterwegs, aber wir sind dann lieber wieder umgedreht.“ Wenige Tage zuvor riss, ebenfalls ein mutmaßlicher Wolf, westlich von Bergen sechs Schafe von Landwirt Stefan Rappl. „Alle Kunden, mit denen ich drüber rede, finden das nicht gut. Der Wolf gehört nicht hier her“, sagt Dietz entschlossen.

„Die Bauern tun mir Leid“

Anne Hörg ist derselben Meinung. Sie steht im „Dorfstüberl“ in Bergen hinterm Tresen. „Gemütlich am Abend spazierengehen ist jetzt nicht mehr so angesagt.“ Einen Abschuss des Wolfes fände sie völlig in Ordnung – oder ihn einfangen und wo anders aussetzen: „Den brauchen wir nicht. Die Bauern tun mir Leid.“ Gleich nebenan befindet sich das Aquarien- und Zierfischgeschäft „Home Coral“ von Norma Bille. Auch sie wäre fürs „Umsiedeln“: „Ich bin eher gegen ein Abschießen, aber ich verstehe beide Seiten.“ Angst vorm Wolf hat sie persönlich nicht, höchstens sie würde ihm begegnen.

War das auf dem Video überhaupt ein Wolf oder eher ein Schäferhund? Ruhpoldings Forstamtsleiter Paul Höglmüller ist sich gegenüber der OVB-Heimatzeitungen nicht ganz sicher: „Nach meiner Einschätzung könnte es schon ein Wolf gewesen sein. Aber nur ein genetischer Nachweis bestimmt das.“

Wolf im Ortszentrum „ungewöhnlich“

Ungewöhnlich sei es zwar, dass ein Wolf durch Ortszentren spaziere, aber er fügt hinzu: „Letztlich gewöhnen sich einzelne Wildtiere an den Menschen.“ Er appelliert an Schafhalter, die Tiere in die Ställe zu bringen, denn der Wolf folge nur seinem Instinkt „und will satt werden“.

Und der Antrag auf Abschuss des Wolfes, wie ihn Landrat Siegfried Walch (CSU) bei der Regierung von Oberbayern einbrachte? „Mühevoll“ nennt Höglmüller das Vorgehen: „Man muss beweisen, dass es derselbe Wolf ist und letztlich auch belegen, dass genau dieser Wolf entnommen wurde.“ Die Pressestelle der Regierung von Oberbayern verwies auf eine erneute Anfrage der OVB-Heimatzeitungen gestern immer noch auf das laufende Verfahren und machte keine Aussage dazu.

Umweltminister fordert rasche Klarheit

Umweltminister Thorsten Glauber ließ über seine Pressestelle auf Anfrage ausrichten: „Ich kann die Sorgen der Menschen vor Ort nachvollziehen. Wir brauchen schnell Klarheit, was genau passiert ist. Die Sicherheit der Menschen steht an erster Stelle. Hier gibt es keine Kompromisse. Wölfe in Siedlungsgebieten verdienen besondere Aufmerksamkeit. Auch den Verlust von Nutztieren durch den Wolf nehmen wir sehr ernst. Alle rechtlichen Möglichkeiten werden jetzt intensiv geprüft. Sollten die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen, muss der Wolf entnommen werden.“

Das Bayerische Landesamt für Umwelt sprach am Freitag von einem „begründeten Verdacht auf einen Wolf als Verursacher“, was die am Dienstag in Bergen verletzte Ziege betrifft. Der Jungbauer hatte das Wildtier noch aus dem Stall vertreiben können. Ein Mitglied des Netzwerks Große Beutegreifer hat laut Landesamt die Situation vor Ort begutachtet. Nach ersten Erkenntnissen sei ein Wolf als Verursacher wahrscheinlich. Genetische Proben seien genommen und zur Analyse an das nationale Referenzlabor geschickt worden.

Grüne und CSU-Politiker fordern Abschuss einzelner Tiere

Die Stimmen, den Wolf abschießen zu dürfen, werden vor Ort jedenfalls immer lauter. Bergens Bürgermeister Stefan Schneider (Grüne) sprach sich dafür aus, auch seine Amtskollegin aus dem benachbarten Staudach-Egerndach, Martina Gaukler (CSU): „Es geht nicht um ein wildes Abschießen des Wolfes, sondern um die Entnahme einzelner, problematischer Tiere.“

Die Landtagsabgeordneten Klaus Steiner (CSU) und Gisela Sengl (Grüne) fordern die „Entnahme“ ebenso, falls der Wolf per DNA nachgewiesen werden kann. „Der Wolf gehört nicht in unsere Kulturlandschaft im Chiemgau“, so Sengl.

Kaniber schaltet sich ein, BUND versucht zu beruhigen

Aufgrund der brisanten Entwicklung hat die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber am kommenden Montag (20. Dezember 2021) in Bergen ein Krisentreffen mit den verschiedensten Beteiligten anberaumt. Kaniber spricht am Freitag in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit Steiner davon, dass sich die Wolfspopulation alle drei Jahre verdopple: „Bei einem Wolf, der übergriffig wird oder seine natürliche Scheu verloren hat, muss eine Entnahme unverzüglich geprüft werden.“ In einem dicht besiedelten Land wie Deutschland schafften Bär oder Wolf zwangsläufig Probleme.

Uwe Friedel, Artenschutzreferent und Wolfsexperte beim Bund Naturschutz in Bayern, sagt auf Anfrage: „Ein Wolf, der durch eine Siedlung läuft, ist noch kein Grund sich Sorgen zu machen.“ Gefährlich für den Menschen werde es erst, wenn der Wolf in der Siedlung an Futter konditioniert werde, also wenn ihm Menschen etwas zum Fressen geben. „Der neue Fall in Bergen scheint ja auch zu zeigen, dass der Wolf weiter Angst vor dem Menschen hat, denn er ist ja geflüchtet, als der Bauer hinzukam“, argumentiert Friedel. Dass in der Region ein Rudel vorhanden ist, halte er für unwahrscheinlich: „Das wäre den Jägern wohl aufgefallen durch Risse im Wald, an der Losung oder durch Wildtierkameras.“

xe/dg/cs/tw

Gibt es einen Goldschakal in Schechen?

In Bergen hält sich das Gerücht, dass Anfang September ein Goldschakal eine Ziege gerissen hat. Auf Nachfrage der OVB-Heimatzeitungen bei dem Landesamt für Umwelt kann das Gerücht widerlegt werden. „Am 5. September wurde im Landkreis Traunstein eine tote Ziege aufgefunden. Die genetische Analyse der Abstrichproben ergab eindeutig Canis familiaris auch bekannt als Haushund“, sagt ein Sprecher des LfUko

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