„Brücke zwischen Überfluss und Mangel“

+
„Traunsteiner Tafel ein Vorbild für Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe“: Zum 15-jährigen Bestehen der Traunsteiner Tafel überreichte Oberbürgermeister Manfred Kösterke eine Orchidee an Vorsitzende Andrea Schulz. 

Traunstein - Zum 15. Jubiläum der Traunsteiner Tafel blickt die Stadt auf den erfolgreichen Einsatz für Menschen in Not zurück. 

Auf 15 Jahre erfolgreichen Einsatz für Menschen in Not konnten die Helfer, Mitglieder und Unterstützer der Traunsteiner Tafel bei einer Jubiläumsfeier im Rathaus zurückblicken. Oberbürgermeister Manfred Kösterke stellte zu Beginn des Abends die Frage in den Raum, ob ein solches Jubiläum überhaupt ein Grund zum Feiern sei. „Für die Stadt Traunstein sage ich: Es ist schlecht, dass es eine Einrichtung wie die Tafel braucht.

Freude und Dankbarkeit herrschte zum Jubiläum bei (v.l.) Diakonie-Geschäftsführer Thomas Zugehör, Vorsitzende Andrea Schulz, Pfarrer Sebastian Stahl, Oberbürgermeister Manfred Kösterke und Stadtpfarrer Georg Lindl.

Als Oberbürgermeister sage ich: Es ist gut, dass es die Tafel gibt.“ Viele Traunsteiner Bürger würden ehrenamtlich in der Lebensmittelbörse mitarbeiten, um für ein gutes Sozialklima in der Stadt zu sorgen und um dort zu helfen, wo Hilfe benötigt wird. Vorbildlich sei auch die Spendenbereitschaft der Betriebe, die Unterstützung durch Kirchen, Verbände und Privatpersonen sowie den Anteil der Diakonie, die in den ersten Jahren als Träger fungierte und die Arbeit der Tafel durch ihre personelle Unterstützung bis heute mit ermöglicht. „Aufgrund dieser Hilfsbereitschaft überwiegt heute bei mir die Freude“, betonte der Oberbürgermeister, der als Zeichen der Anerkennung auch die Schirmherrschaft für das Jubiläum übernommen hatte.

Allen Helfern der Traunsteiner Tafel sprach der Oberbürgermeister im Namen der Stadt Traunstein seinen Dank und seine Anerkennung aus: „Jeder einzelne von ihnen hat diesen Dank verdient.“ Stellvertretend für die „ganze Truppe“ überreichte Kösterke eine Orchidee an Andrea Schulz: Sie ist seit vielen Jahren die „gute Seele“ der Traunsteiner Tafel und zögerte keinen Augenblick, als die Tafel im Jahr 2009 in einen Verein umgewandelt wurde sich als Vorsitzende noch stärker in den Dienst der guten Sache zu stellen. Viel Applaus bekam Frau Schulz von den rund 80 Gästen, die der Einladung zum Jubiläum gefolgt waren, darunter Stadtpfarrer Georg Lindl, Pfarrer Sebastian Stahl und Diakonie-Geschäftsführer Thomas Zugehör. Musikalisch umrahmt wurde der Abend von der Klavierschülerin Anna-Maria Schuhböck und zum Ausklang spielte die Theatergruppe des Seniorenbeirats eine Szene aus dem „Brandner Kaspar“.

„Ein gedeckter Tisch voller Lebensmittel und Zuversicht. Eine Brücke zwischen Überfluss und Mangel“, so definierte Andrea Schulz die Traunsteiner Tafel in ihrem Rückblick auf die zurückliegenden 15 Jahre. Viele in Traunstein hätten damals nicht glauben können, dass es in unserer Konsum- und Überschussgesellschaft tatsächlich Menschen gibt, die sich nicht selbst mit Lebensmitteln versorgen können. Die erste Tafel in Deutschland wurde 1993 in Berlin gegründet. Drei Jahre später folgte die Traunsteiner Tafel als Anlaufstellen für Menschen gleich welcher Herkunft und welcher Religion.

Als erste Lebensmittelbörse in der Region war die Traunsteiner Tafel Impuls, Vorbild und zum Teil auch Starthilfe für weitere Tafeln in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land. Neben Freilassing und Traunreut gibt es Tafeln heute auch in Trostberg, Berchtesgaden, Laufen, Bad Reichenhall, Marquartstein und Teisendorf. 1996 wurden 20 bis 30 Personen durch die Traunsteiner Tafel versorgt. Wie Frau Schulz in ihrem Rückblick berichtete, sei sehr schnell klar geworden, dass neben den Lebensmittelspenden auch Geldmittel benötigt werden, um im Bedarfsfall Lebensmittel zukaufen zu können, denn in der Anfangszeit kamen Bedürftige aus der ganzen Region zur Lebensmittelausgabe nach Traunstein. Das Diakonische Werk übernahm die Aufgabe, die Bedürftigkeit der Hilfesuchenden zu überprüfen, stellte die Berechtigungsscheine aus und organisierte die Abholung der Lebensmittel.

Die Pfarrei St. Oswald stellte die Räume im Pfarrheim zur Verfügung, in denen bis heute die Verteilung der Lebensmittel stattfindet. Bis heute ist die Traunsteiner Tafel auch ein ökumenisches Projekt geblieben, das keinen Unterschied zwischen Katholisch und Evangelisch macht.

Im Laufe der Jahre nahmen immer mehr Menschen das Angebot von kostenlosen Lebensmitteln in Anspruch. Derzeit sind es bis zu 300 Personen, darunter 90 Kinder und Jugendliche. Arbeitslosigkeit, Ehescheidung und Krankheit sind Gründe, warum immer mehr Menschen in eine persönliche Notlage geraten.

Aber auch Rentner und selbst Arbeitende mit ganz kleinem Budget kommen zunehmend nicht mehr über die Runden. „Es handelt sich um ganz individuelle Einzelschicksale. Für unseren Helferkreis ist es immer ein Anliegen, einen menschenwürdigen Umgang zu pflegen: Ein paar Anteil nehmende Worte, praktische Tipps zum Kochen, einmal zusammen über etwas lachen – auch das gehört bei der Tafel dazu“, so Frau Schulz.

Fast täglich werden die Lebensmittel in den Geschäften abgeholt. Zum Wochenende findet die große Lebensmittelverteilung im Pfarrheim St. Oswald statt. Am Montag und Mittwoch gibt es vor der Auferstehungskirche zusätzlich einen Grünmarkt. Verteilt werden nur einwandfreie Lebensmittel. „Das sind Lebensmittel kurz vor dem Ablauf der Mindesthaltbarkeit, die man noch sinnvoll in den Sozialkreislauf einbringen kann, bevor sie als unbrauchbarer Abfall vernichtet werden“, erläuterte Frau Schulz. Das Erreichen des Mindesthaltbarkeitsdatum sei keineswegs mit der Ungenießbarkeit gleichzusetzen, was auch an der aktuellen Diskussion über eine Reform der Lebensmittelkennzeichnung deutlich werde.

Eine wachsende Zahl von Bedürftigen fordert die 40 ehrenamtlichen Helfer der Traunsteiner Tafel auch logistisch immer mehr heraus. 2006 bekam die Traunsteiner Tafel einen eigenen Kleinbus, 2009 folgte ein Kühlanhänger, um den neuen Gesundheitsvorschriften der EU für den Lebensmitteltransport zu entsprechen.

Das dringend benötigte neue Fahrzeug als Ersatz für den in die Jahre gekommenen Kleinbus konnte die Traunsteiner Tafel durch Spenden finanzieren; vor wenigen Wochen erfolgte die ökumenische Fahrzeugweihe. „Diesen neuen Tafelbus sehe ich als großes Geschenk zu unserem Jubiläum“, freute sich Frau Schulz und fügte hinzu: „Wir alle zusammen haben in 15 Jahren eine ganze Menge bewegt und darüber dürfen wir uns freuen, denn Freude gehört zum Leben – und das ist auch das, was wir den Menschen in ihrer Not mitgeben möchten: Ein bescheidenes Stück Freude am Leben.“

Pressemitteilung Stadt Traunstein

Quelle: chiemgau24.de

Zurück zur Übersicht: Region Traunstein

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser