Eine wahre Olympia-Heldin

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Lange auf Olympia-Kurs - und dann ausgebootet: die Seglerinnen Tina Lutz (links) und Susann Beucke.

Bergen - Was sie Anfang August 2012 macht? Darauf hätte Tina Lutz vor einem Jahr schnell eine Antwort gegeben: Segeln natürlich, bei den Sommerspielen in London! Aber der Wind hat sich gedreht.

Die Weltklasse-Seglerin aus Bergen am Chiemsee ist - im wahrsten Wortsinn - ausgebootet worden. Deshalb weiß sie heute nur, was sie am 10. August sicher nicht macht: vor dem Fernseher sitzen und die Medaillenregatta ihrer Bootsklasse, dem 470er, anschauen. "Das muss ich mir wirklich nicht antun", sagt die 22-Jährige.

Neues Boot, neues Glück: 2016 will Lutz nach Rio.

Dabei sein ist alles. Das gilt vor allem für Olympia. Zehntausende Seglerinnen und Segler aus der ganzen Welt wollten dabei sein in England - nur 380 haben es geschafft. Tina Lutz könnte man als die 381. bezeichnen - und als eine wahre Olympia-Heldin. Denn in der bittersten Stunde ihrer Laufbahn hat sie zusammen mit Bootspartnerin Susann Beucke (Kiel) bemerkenswerten Sportsgeist bewiesen.

Eigentlich wollte Lutz im Atlantik vor Englands Südküste ihr ganz persönliches Sommermärchen schreiben. Aber der olympische Traum platzte jäh. Der Schmerz und die Enttäuschung sitzen tief - nicht nur über das Aus an sich, sondern über die merkwürdigen Umstände des heroischen Scheiterns, das ganz Segel-Deutschland bewegte, ja sogar Gerichte beschäftigte.

Lutz war jahrelang im Kielwasser des Erfolgs gesegelt - zunächst im "Opti", der kleinsten Bootsklasse, danach im 420er, zuletzt im 470er. Doch dann kam die entscheidende letzte Qualifikations-Regatta in Perth vor der australischen Westküste. Was sich dort im Indischen Ozean Ende 2011 ereignete, stuft die 1,70 Meter große Steuerfrau als "die erste große Niederlage in meinem Leben" ein.

Der Kampf um einen Startplatz in Weymouth - dort finden 190 Kilometer südwestlich von London die zehn olympischen Regatten statt - war im 470er von Beginn an eine dramatische Geschichte. Olympiareife Leistungen zeigten sowohl Opti-Weltmeisterin Tina Lutz mit Vorschoterin Susann Beucke als auch die Jollencrew Kathrin Kadelbach (Berlin) und Friederike Belcher (Hamburg). Weil jede Nation jedoch höchstens ein Boot je Klasse ins Rennen schicken darf, hieß es: entweder oder.

Nach zwei von drei Quali-Regatten lagen beide Teams fast gleichauf, so musste die Entscheidung bei der Weltmeisterschaft in Perth fallen, wo es auch darum ging, den deutschen Startplatz im 470er-Feld zu sichern. Dort lagen Lutz/Beucke nach fünf von zehn Rennen voll auf Olympia-Kurs, holten mehrere Spitzenresultate, wurden unter anderem Vierte und Sechste - und hatten gegenüber Kadelbach/Belcher, die viel weiter hinten landeten, klar den Bug vorn.

Doch dann änderte Steuerfrau Kadelbach plötzlich die Taktik. Sie pfiff darauf, was der Rest des Feldes tat, und verfolgte nur noch ein Ziel: ihre Rivalin vom Chiemsee nach hinten zu segeln, sie zur Seite zu drängen, zu jagen, zu behindern, zu kontrollieren, ihr den Weg abzuschneiden. So ging das bis zum zehnten Rennen, die internationale Konkurrenz zog davon, Lutz fiel zurück. Erst in der letzten Regatta gelang es der Bergenerin, sich aus der Umklammerung zu befreien und noch einmal auf den neunten Platz vorzufahren.

Dass Lutz dies noch getan hat, statt die Segel zu streichen, ist Ausdruck von großem Sportsgeist. Ihr selbst nutzte dieses Ergebnis jedenfalls nichts mehr, Kadelbach dagegen sehr. Denn Lutz' gutes Resultat im letzten Rennen (damit wurde sie 20. im Gesamtklassement) sicherte soeben noch den Nationenstartplatz für Deutschland - den Kadelbach als 29. nicht geschafft hätte. In der nationalen Ausscheidungswertung lag aber die Steuerfrau aus Berlin um einen Punkt vorn und fährt nun zu Olympia - ausgerechnet dank Lutz.

Was Kadelbach getan hat, entspricht durchaus dem Regelwerk. Im "Matchrace", einer Austragungsform der Regatta, bei der sich zwei Boote direkt bekämpfen und unter Ausnutzung der Vorfahrtsregeln mit geschickten Manövern vom Kurs abbringen dürfen, ist das erlaubt.

Weil dadurch in Perth aber der deutsche Startplatz an sich in Gefahr geriet, folgte eine hitzige Wertediskussion, die Deutschlands Segelszene spaltete und Ende April auch durch das Urteil des Hamburger Landgerichts nicht beendet werden konnte. Ob die raue Matchrace-Gangart dem sportlichen Fairplay entsprach, bewertete das Gericht nämlich nicht. Es bestätigte nur, dass das Vorgehen regelkonform gewesen ist - ein letztes und entscheidendes Mal also Rückenwind für die Blockierer.

Doch auch wenn der Stachel tief sitzt, hat die 22-Jährige ihr Lachen schon wieder gefunden, steckt voller Tatendrang - auch dank einer Reform im Segelsport, auf die sie schon lange wartet: 2016 in Rio werden die ersten Medaillen im Frauen-Skiff 49er FX ausgesegelt - eine Variante des 49er bei den Männern: "Das ist mein Boot, viel eleganter und schneller als der 470er. Ich habe mich schon immer geärgert, dass es so etwas für die Damen nicht gibt."

Jetzt ist es so weit. Neues Boot, neues Glück. Hinzu kommt die Erfahrung von Perth als wertvolles Startkapital für die nächsten vier Segeljahre. "Solche Niederlagen machen viel stärker", sagt die junge Frau, deren Leben sich bislang fast ausschließlich um den Chiemsee dreht. Dort wohnt sie (in Holzhausen, Gemeinde Bergen), dort segelt sie (für den Priener Chiemsee-Yacht-Club) und dort machte sie im Landschulheim Schloss Ising in Chieming ihr Abitur. Inzwischen spielt auch Ansbach eine große Rolle. In Franken studiert die Nachwuchsseglerin im dritten Semester Internationales Management.

Deshalb wird Lutz am 10. August doch vorm Fernseher sitzen, mitfiebern und die Daumen drücken - allerdings einer Leichtathletin: Corinna Harrer aus Regensburg, die wie Lutz 22 ist und ebenfalls in Ansbach studiert. Die Mittelstrecklerin darf in London ran. Das Finale über 1500 Meter ist am Abend. Da wird eingeschaltet. Vorher, wenn es im 470er um Segel-Gold geht, bleibt das Gerät aus.

Ludwig Simeth (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: chiemgau24.de

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