Tourismushetze - Fremdenführerin verletzt

„Habe keine Angst, aber ungutes Gefühl“ – Stadt hat Zahl der Reisebusse bereits begrenzt

Fremdenführerin Ilse Weismayr wurde von einem Unbekannten bei einer Führung angegriffen und verletzt, „ich halte jetzt immer Ausschau nach ihm, der kommt sicher wieder“.
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Fremdenführerin Ilse Weismayr wurde von einem Unbekannten bei einer Führung angegriffen und verletzt, „ich halte jetzt immer Ausschau nach ihm, der kommt sicher wieder“.

Salzburg - Ilse Weismayr war mit einer Touristengruppe aus Südkorea vor dem Makartsteg und erklärte die wunderschöne Aussicht auf die Altstadt und die Festung Hohensalzburg, als sie plötzlich von einem Mann von hinten gepackt und niedergestoßen wurde.

„Ich bin mit dem Körper nach vorne auf die Pflastersteine gefallen und habe mir dabei den Arm gebrochen“. Sie sei geschockt gewesen, genauso wie die Mitglieder ihrer Gruppe. Der Mann habe noch „Scheißausländer“ geschrien und sei dann über den Makartsteg geflüchtet. Hinweise auf den Täter gibt es noch nicht, er soll aber ihren Kolleginnen auch schon aufgefallen sein, jetzt wollen sie ein Phantombild erstellen. 


Passiert ist das Ganze bereits am Donnerstag vergangener Woche, Weismayr selbst wollte damit zuerst aber nicht an die Öffentlichkeit, Kolleginnen überredeten sie dann doch dazu. Noch immer nicht fassen kann die 58-Jährige den Vorfall, während sie ihn direkt am Tatort zwischen dem Hotel Sacher und dem Makartsteg erneut schildert. Wie aus dem Nichts sei der Mann von hinten an sie herangekommen und habe sie getreten und dann zu Boden gerissen.

Rund 40.000 Touristen kommen täglich mit Reisebussen in die Stadt, darunter auch viele Schiffsreisende aus Passau, die ab Linz mit dem Bus einen Abstecher nach Salzburg machen.

Sie spürte erst den Schmerz nicht und wollte die Führung zu Ende bringen, „doch die Koreaner meinten ich solle unbedingt in eine Klinik gehen“. Im Unfallkrankenhaus wurde dann tatsächlich ein Bruch des Armes festgestellt. Gesehen hat sie den Mann nur von hinten, „aber der Beschreibung nach haben Kolleginnen von mir erzählt, dass ein ähnlich aussehender Mann sie auch schon angepöbelt hat“. Sie hätten ihn von vorne gesehen und würden jetzt ein Phantombild zeichnen. Bei der Polizei sind bislang keine Hinweise eingelangt, Stadt-Tourismus-Chef Bert Brugger spricht von einem bedauerlichen Einzelfall. Weismayr selbst ist trotz Gipsarm wieder mit geführten Gruppen unterwegs, „Angst habe ich zwar keine, aber trotzdem ist jetzt immer ein ungutes Gefühl dabei“.


„Fuck Tourists“

Auch andere Fremdenführer sprechen von einer Touristenhetze, die in der Stadt zugenommen hätte, das reiche vom Stinkefinger bis zu Radfahrern, die Fremdenführer von hinten einfach anfahren.

„Dabei leben wir doch alle vom Tourismus, und wenn wir in eine fremde Stadt kommen bleiben wir auch stehen, bewundern alles und machen Fotos“, wirbt die verletzte Fremdenführerin um Verständnis. Sie würde ihre Gruppen immer darauf hinweisen, nicht mitten auf dem Weg stehenzubleiben und so möglichst wenige Passanten zu behindern.

Zunehmend Kritik am Erfolg

Bert Brugger von der städtischen Tourismusgesellschaft sieht in der Verletzung einen Einzelfall, doch auch er selbst gerät zunehmend in die Kritik. Seit 20 Jahren ist er Tourismusdirektor der Stadt, in diesem Zeitraum haben sich die Übernachtungszahlen von damals drei Millionen auf aktuell 6,5 Mio. mehr als verdoppelt, was aber nicht nur mit erfolgreichen Werbeaktionen zu tun hat sondern vielmehr mit dem internationalem Reiseverhalten und dem anhaltenden Trend zum Städtetourismus. Kritisiert wird Brugger vorallem, weil jährlich rund 1,4 Millionen Bustouristen in die Stadt kommen würden, die dann in wenigen Stunden von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hetzen und kaum Geld in der Stadt lassen würden.

Auch geführte Radler-Gruppen blockieren häufig Durchgangswege und ziehen so den Unmut der Einheimischen auf sich.

Dem widerspricht Brugger, auch Bustouristen kaufen ein, „und eine Art Grenze für die Zahl der Tagestouristen kann ich mir in Salzburg nicht vorstellen, wie sollte das auch kontrolliert werden“. Mit einem Online-Buchungssystem für Reisebusse habe man die Zahl der täglich ankommenden Reisebusse ohnehin schon reduziert, sie müssten sich jetzt für einen Slot an einem der beiden Busterminals anmelden und können nicht mehr kommen wann sie wollen. Zudem sei die Parkgebühr für Busse auf 10 Euro pro Stunde erhöht worden, maximal 50 Euro am Tag. „Zu wenig“ findet Lukas Rösslhuber, Gemeinderat der NEOS. Er hatte im Wahlkampf eine Gebühr von 500 Euro verlangt, „dafür sollen die Touristen aber Gutscheine in derselben Höhe bekommen mit denen sie dann in der Altstadt einkaufen können“.

Eine „ruhige Zeit“ gibt es in der Innenstadt nach Ansicht vieler Salzburger nicht mehr, besonders in der kommenden „staaden Zeit“, der Adventszeit, werden auch wegen des Christkindlmarktes wieder bis zu 60.000 Touristen pro Tag erwartet, die eben nur für wenige Stunden in der 150.000-Einwohner-Stadt bleiben.

hud

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