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Alles andere als Fließband-Arbeit

„Routine ist unbezahlbar“: Fluglotsin aus Bad Reichenhall über ihren Job am Flughafen in Salzburg

Judith Spörl arbeitet gern am Salzburger Flughafen, selbst wenn der Beruf einer enormen Verantwortung gleichkommt. Sie ist eine von nur zehn bis 15 Prozent Frauen in diesem Bereich.
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Judith Spörl arbeitet gern am Salzburger Flughafen, selbst wenn der Beruf einer enormen Verantwortung gleichkommt. Sie ist eine von nur zehn bis 15 Prozent Frauen in diesem Bereich.

Judith Spörl aus Bad Reichenhall ist eine von nur wenigen Fluglotsinnen am Flughafen in Salzburg. Gegenüber BGLand24.de erzählt sie von ihrem extrem verantwortungsvollem Beruf im Tower.

Salzburg/Bad Reichenhall - Der knallgelbe Rettungshubschrauber hat natürlich Vorrang. Das große Passagier-Flugzeug im Anflug wird angewiesen, die Schubkraft rauszunehmen, um nicht eine Extrarunde drehen zu müssen, bis der Anflug-Korridor frei ist. Kaum ist dieses „latente Problem“ geregelt, meldet der Pilot eines Ultraleichtfluggeräts, er sei bei Eugendorf mit Waldrappen – gänse-große Ibis-Vögel – auf „Übungsflug“. Da Vogelschlag zu einer großen Gefahr im Flugverkehr avancieren kann, sind Fluglotsin Judith Spörl und ihr Kollege sofort alarmiert.

Es sind nur zwei jener Aufgaben, um die sich das Team im Salzburger Tower am Flughafen Wolfgang Amadeus Mozart kümmert. Judith Spörl aus Bad Reichenhall weiß in jedem einzelnen ihrer Acht- bis Zwölf-Stunden-Dienste: „Routine ist unbezahlbar, zu etwas wie einem gewohnten Alltag darf dieser Beruf allerdings niemals werden“ – selbst wenn ihr Arbeitsplatz nahe der Grenze zum Berchtesgadener Land nicht ganz mit jenen in München, gar Frankfurt oder sonstigen internationalen Drehscheiben vergleichbar ist.

„Stoßzeiten haben wir hier natürlich auch, vor allem im Winter, wenn die Charter-Maschinen mit den Skifahrern kommen. Oder in der Festspielzeit. Dazu haben wir hier viele Business-Jets oder die Flying Bulls mit ihren Oldtimern. Das ist alles sehr komplex“, sagt die Fluglotsin, und sei noch echte Handarbeit: „Es macht großen Spaß, das alles in Einklang zu bringen. Weil es eben keine Fließbandarbeit ist, bei dem nur ein großer Jet nach dem anderen reingeholt wird“, schwärmt Judith Spörl über ihr Tun. „In den starken Flugphasen wird unser dritter Lotsen-Arbeitsplatz aufgemacht und besetzt. Einfach, um vorab bereits die ganzen Streckenfreigaben zu klären und den jeweiligen Luftraum nicht zu überlasten“. Da hat der Salzburg-Tower schonmal mehrere dutzend Flüge auf dem Radar, die koordiniert werden müssen. Wenn dann noch schlechtes Wetter mit viel Schnee und Eis dazukommt …

Regelmäßige Notfallübungen

Im Grunde darf der Blick keine Sekunde von den zahlreichen großen Bildschirmen vor Judith Spörl und ihren Kollegen weichen. Hunderte Zahlen „schwirren“ darauf herum, alle müssen im Blick behalten werden. Denn das eine mögliche Unglück wäre natürlich das eine zu viel, weil es immer Menschenleben kosten kann. Diese Verantwortung macht sie sich täglich neu bewusst: Grundvoraussetzung für den für alle Außenstehenden höchst diffizil anmutenden Beruf. Gerade jährte sich der unfassbare Zusammenstoß einer Passagier- mit einer Frachtmaschine über dem Bodensee mit 41 Toten zum 20. Mal – der folgenschwerste Flugunfall in Deutschland. Zum Glück musste Judith Spörl noch nie brenzlige Situationen dieser Qualität bewältigen. Gleichwohl ist sie auf derartige Szenarien vorbereitet, absolviert regelmäßig Notfallübungen im Simulator.

Den Standort Salzburg behalten immer zwei Mitarbeiter/-innen gleichzeitig im Blick: Eine/r kommuniziert mit den Piloten, der/die andere koordiniert, trifft Absprachen mit den Nachbarsektoren, überwacht den Fahrzeugfunk, den Zustand der drei Kilometer langen Piste, koordiniert Elektriker, die Rasenmäher, hält Ausschau nach Vogelschwärmen – es hängt viel an diesem Job. Die Flugkontrollzone ist räumlich vorstellbar: „Sie liegt quasi wie ein umgedrehter Schuhkarton über dem Flughafen. Hier darf sich niemand bewegen, ohne dass ihm der Fluglotse sagt, wann und wohin. Drumherum haben wir den sogenannten unkontrollierten Luftraum bis zu einer gewissen Höhe, darüber den Anflug- und den Überflugsektor“, sagt Judith Spörl.

Und selbst wenn der tagweise durchaus mal wenig frequentierte Salzburger Flughafen nicht das große internationale Drehkreuz darstellt, so macht ihn doch eine Sache zu etwas ganz Besonderem: Der Mischverkehr. „Wir haben hier halt nicht nur die großen Passagier-Maschinen, sondern viele kleine Sportflieger und Hubschrauber, das Militär, die Fallschirmspringer. Durch die besondere Situation mit Bergen an drei Seiten herrschen zudem besondere Bedingungen und Herausforderungen – für uns im Tower und für die Piloten.“ Intensive internationale Militär-Flugübungen wie Ende Juni über dem Berchtesgadener Land machen ihre Arbeit nicht weniger komplex: „Natürlich hatten wir da ständig ein Auge drauf, weil wir das Übungsgebiet weiträumig umfliegen lassen mussten.“ Letztlich ist es jedoch „egal“, wer in ihrem Luftraum unterwegs ist: „Ich bin dafür verantwortlich, dass es keine Kollisionen gibt.“ Größere Probleme hatte Judith Spörl – „toi toi toi“ – zum Glück noch nie: „Gibt es im Cockpit einen extrem seltenen Systemausfall, unterstütze ich den Piloten, damit er sicher landen kann. Das gilt genauso für schlechtes Wetter.“

Ihre Leucht-„Kanone“, für den Fall, das es überhaupt keine Funkverbindung mehr zur Maschine gibt, kam übrigens noch nie zum Einsatz.

Unbestritten ein schöner Arbeitsplatz

Dass Judith Spörl an einem der zweifelsfrei schönsten Arbeitsplätze in 55 Metern Höhe inklusive 360 Grad-Rundumblick beschäftigt ist, weiß sie als Privileg zu schätzen: „Gerade weil ich nicht hier aufgewachsen bin, genieße ich diesen phänomenalen Bergblick trotz der großen Aufgabe durchaus.“ 28 Jahre macht sie das jetzt schon, zwölf davon in Salzburg, hat hier sogar zwei Kolleginnen. Denn ihr Berufsfeld gehört nach wie vor einer fast reinen Männer-Welt an. „Der weibliche Anteil liegt nur bei zehn bis 15 Prozent“.

Die Belastbarkeit ist das A und O, gerade Stresssituationen dürfen nicht in Hektik ausarten: „Wir müssen immer die Ruhe bewahren, egal was passiert. Wie würde es den Piloten und der Crew gehen, würde uns das nicht gelingen?“. Judith Spörl hat hunderte Zahlen vor sich: Pro Flug sind‘s rund 20, dazu ein paar Buchstaben – unübersichtliche, böhmische Dörfer für jeden, der diese das erste Mal zu sehen bekommt. Die Fluglotsin liest aus diesen jedoch fast alles heraus: Die Flugnummer, den Flugzeugtyp, wo die Maschine gestartet ist, wo sie hinwill, welche Geschwindigkeit sie aktuell fliegt, ihre Flughöhe, ob sie sich im Steig- oder Sinkflug befindet und einiges mehr.

Liebe zur Luftfahrt liegt in der Familie

Judith Spörl, im leidenschaftlichen „Nebenerwerb“ Kinderbuch-Autorin, ist vorbelastet: „Mein Vater war Pilot bei der Lufthansa“, erzählt die 48-Jährige im Interview mit BGLand24.de. Mit erst 16 Jahren galt ihre erste große Liebe dem Segelfliegen und dem Segelkunstflug. Den Flugschein hatte sie vor jenem fürs Kfz: „Ich durfte bereits 300 Kilometer über Land fliegen, aber noch nicht Autofahren.“ Nach dem Abitur startete sie 1994 ihre dreijährige Fluglotsen-Ausbildung bei der Deutschen Flugsicherung GmbH (DFS) in der Akademie in Langen bei Frankfurt.

Nach erfolgreichem Abschluss arbeitete Judith Spörl im Tower und der Anflugkontrolle am stark frequentierten Airport Düsseldorf, später im „Area Control Center Bremen“. Schließlich bewarb sie sich – aus privaten Gründen – bei der Austro Control in Wien und bekam den Fluglotsen-Job in Salzburg. Geografische Veränderungen in diesem Beruf ziehen stets Umschulungen nach sich, da sich die Verhältnisse an jedem Flughafen anders präsentieren. Ihr aktuelles, vergleichsweise kleines Zuständigkeitsareal im Tower Salzburg führt bis an den Haunsberg und den Untersberg, bis Hallein und Eugendorf… – ist durch die Berge jedoch wie beschrieben außergewöhnlich.

Ein Stockwerk tiefer – im seit 2014 im Betrieb befindlichen „neuen“ Salzburger Tower – sitzt ein Meteorologe und die Anflugkontrolle: Deren Gebiet reicht bis 12.000 Fuß in die Höhe, also rund dreieinhalb Kilometern, und geografisch bis Zeltweg in der Steiermark, Eggenfelden in Niederbayern sowie den halben Weg nach Linz. „Wir rechnen hier ja stets in Fuß und Knoten, nicht in Höhenmetern oder Kilometern pro Stunde“, sagt Judith Spörl. Sie erteilt die Freigaben „lediglich“ bis zu einer bestimmten Flughöhe, darüber übernehmen die Kollegen aus anderen Flugsicherungssektoren, beispielsweise in Wien oder München.

Tower arbeiten weltweit mit nur einer Zeit

Interessant: Weltweit gilt für die Fluglotsen nur eine Zeit, jene des Nullmeridians von Greenwich bei London. „Damit wir nicht immer rumrechnen müssen, wie spät es aufgrund der Zeitzonen jetzt gerade dort oder dort ist. Egal, ob Tokio, New York oder Salzburg – sie alle orientieren sich an der Zeit des Nullmeridians“, erzählt die Fluglotsin, die seit zehn Jahren in der Kurstadt an der Saalach lebt. Ihr Spitzname „Tante Ju“ bot sich in Anlehnung an die „Junkers Ju 52“ von 1932 bei diesem Beruf an. „Ju“ steht zudem für „Juliet Uniform“, ihr Kürzel im Fliegeralphabet. Damit muss sie alles abzeichnen und bestätigen, egal was sie im Tower macht. Somit ist im Nachhinein gesichert, wer wann für was verantwortlich war.

Zur Begrüßung auch mal ein „Servus“

Eine Eurowings-Maschine lässt Judith Spörl an diesem Vormittag zwei Minuten eher vom Stapel, damit der Pilot seinen perfekten Slot nach Hamburg erwischt: Ein Zeitfenster, damit es unterwegs in anderen Sektoren nicht zu Verkehrsballungen kommt. 150 Knoten, also rund 280 km/h hat das Flugzeug drauf, als es abhebt. „Gewicht der Maschine und Wetter sind exakt einkalkuliert, wichtig für einen eventuellen Startabbruch“, informiert die erfahrene Lotsin.

Die Waldrappe sind wieder am Boden, meldet der Ultraleicht-Pilot. Keine Gefahr mehr. Zum Schmunzeln mutet genauso an, wenn „Tante Ju“ Piloten mit „Servus“ begrüßt, um sofort wieder ins Englische zu wechseln – der (natürlich) international gebräuchlichen Flugsprache. Bei der Verabschiedung schließlich, wenn die Maschine ihren Bereich verlässt, heißt es „Pfiat Di“ zu den Sportfliegern und „Bye Bye“ zu den Passagiermaschinen…

Nachwuchs dringend gesucht

Für Fluglotsin Judith Spörl ist in sieben Jahren Schluss. Mit 55 kommt sie in die „Übergangsversorgung“ bis zur Rente. Um den Nachwuchs macht sie sich große Sorgen:„Wir haben einen erheblichen Mangel an Fluglotsen.“ Freilich ist die Ausbildung nicht einfach. Grundsätzlich ist Abitur Voraussetzung, allerdings ohne Numerus clausus. Die Schulabgänger müssen zunächst einen Eignungstest bestehen: „Das Auswahlkriterium ist hart, nur rund fünf Prozent bestehen ihn. Die Ausbildung ist intensiv und anspruchsvoll. Das muss sie jedoch sein, für diesen verantwortungsvollen Beruf“, weiß die Reichenhallerin aus eigener Erfahrung. Gefordert werden gutes räumliches Vorstellungsvermögen, rasche Reaktionsfähigkeit, Entscheidungsfreude, Stresstoleranz und Multitasking-Fähigkeit, hervorragende Konzentrations- und Gedächtnisleistung sowie Teamfähigkeit – nicht unbedingt ein kleines Feld.

„Gewisse Dinge kann man sich antrainieren, keine Frage. Andere müssen aber einfach grundsätzlich vorhanden sein“, sagt Judith Spörl, die einen eindringlichen Appell an alle Abiturienten/-innen richtet: „Wir benötigen dringend Bewerber/-innen“, so die 48-Jährige, die ihren Beruf nach 28 Jahren noch immer von Herzen empfiehlt. Interessenten können sich an diese Adressen in Deutschland und Österreich wenden: www.fluglotsewerden.dfs.de und www.startfrei.at.

bit

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