Die wohl älteste Camperin Deutschlands

Klara Schwarz ist 100 Jahre alt und macht derzeit Urlaub auf dem Campingplatz Grafenlehen.

Schönau am Königssee – 100 Jahre und kein bisschen leise, so könnte man Klara Schwarz bezeichnen, die wohl die älteste Camperin Deutschlands ist.

Das Ziel führt zum Campingplatz Grafenlehen, nur unweit des Königssees gelegen. Es geht eine gewundene Straße entlang, man passiert eine Schranke, die ersten Wohnwägen tauchen auf, Menschen im Trainingsanzug erscheinen, laufen auf und ab. Dort drüben wartet Anton Lenz, Campingplatz-Betreiber, und lotst den Besucher an dessen Ziel, einen Wohnwagen mitten auf dem Platz.

Ein unverdächtiges Vorzelt, Marie und Fritz Langheinz begrüßen mich. „Meine Mutter wartet schon“, sagt Marie Langheinz, eine fidel wirkende Frau. Sie geht in den Wohnwagen. Nach wenigen Sekunden erscheint sie mit ihrer Mutter, Klara Schwarz, die an ihrer Seite läuft, mit kleinen, vorsichtigen Schritten tippelt sie den unebenen Weg nach draußen. „Sie hört und sieht schlecht“, sagt die Tochter. Klara Schwarz ist 100 Jahre alt. In zwei Monaten feiert sie ihren 101. Geburtstag. Sie macht zwei Wochen Urlaub auf dem Campingplatz.

Da sitzt sie nun, die alte Dame. Dreistellig ist ihre Jahreszahl, die Stimme ist klar und deutlich. „Auch im Kopf ist alles erste Sahne“, sagt Fritz Langheinz, der Schwiegersohn, der sich zusammen mit seiner Frau Marie seit zehn Jahren um die alte Frau kümmert, diese zu sich nach Hause geholt hat, nach Nagel, irgendwo zwischen Bayreuth und der tschechischen Grenze. Dort leben sie zu dritt, bestreiten den Alltag, Marie und Fritz haben keine Kinder. „Unser Kind ist meine Mutter“, sagt Marie, lächelt ihrer Mutter zu, die an ihr vorbeischaut. Das Augenlicht hat sie fast verloren, sie sieht nur noch Schatten und Schemen, freue sich aber, wenn etwa ein Fahrzeug über den Campingplatz fahre.

Das ist das Bett der alten Dame. Klara Schwarz freut sich auf ihren 101. Geburtstag im November.

Auch das Zuhören klappt nicht mehr so wie in jungen Jahren, wenn man aber ganz nah mit dem Mund an ihr Ohr geht und der 100-Jährigen Dame eine Frage stellt, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Im Langzeitgedächtnis abgespeichert ist ihre gesamte Jugend. 1909 geboren - als der Erste Weltkrieg begann, war sie fünf Jahre alt. Lediglich das Kurzzeitgedächtnis funktioniere kaum noch, sagt die sich liebevoll kümmernde Tochter, die es für wichtig hält, die wohl älteste Camperin Deutschlands mit in den Urlaub zu nehmen. „Klar könnten wir sie in eine Kurzzeitpflege geben, aber warum sollten wir das tun?“ Der Urlaub sei das Highlight des Jahres, für alle drei.

Klara nickt bedächtig, die Bewegungen sind langsam, immer wieder huscht ein Lächeln über das alte Gesicht, gezeichnet von den Jahren, zehn Dekaden haben ihre naturgemäßen Spuren hinterlassen. Seit zehn Jahren ist Klara Schwarz Camperin am Königssee, 90 Jahre war sie alt, da gab sie ihr Debüt am Campingplatz. „Damals sind wir hoch auf die Berge gegangen“, sagt sie. Heutzutage kann sie das nicht mehr, sie hat schwere Osteoporose, der Knochen schwindet, kleine Erschütterungen könnten zum Bruch führen, erklärt Fritz Langheinz.

Was wäre ein Campingurlaub ohne Ausflüge? „Nicht viel“, sagt die 100-Jährige, die am Grafenlehen 16 Tage Urlaub macht. „Vor ein paar Tagen waren wir bereits am Mondsee“, Tagesausflug mit dem Auto. „Das geht noch ganz gut“, sagt die Tochter, „meine Mutter braucht das, es bereitet ihr Spaß“. Wieder ein zustimmendes Lächeln, die trüben Augen leuchten. Immer mit dabei: der Rollstuhl, denn lange Wegstrecken kann die alte Dame kaum noch alleine bewältigen. Sie ist auf die Hilfe anderer angewiesen, sowohl im Urlaub, als auch im Alltag. Zu Hause sei immer einer von beiden, „wir können die Mutter nicht länger als drei Stunden alleine lassen und das auch nur dann, wenn sie gerade ihren Mittagsschlaf macht“. Dann erledigen Marie, die gelegentlich zum Putzen geht, und Fritz Langheinz – selbst schon Rentner - Behördengänge, gehen einkaufen oder zum Arzt.

Klara Schwarz ist in der Slowakei geboren, die Stimme verrät es. Eine, die lange Zeit ihres Lebens auf der Flucht war, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges musste sie ihre Heimat verlassen, „wir wurden in einem Viehwagen nach Mecklenburg verschickt“, erzählt die Frau, die ihr Leben lang fleißig war, in der Landschaft gearbeitet hatte, Hilfsarbeiterin war. 1929 dann das erste Mal in Deutschland, 1933 ging es nach Österreich, zwei Monate Feldarbeit. Ihr Ehemann, Vater von Marie, war im Krieg, später Kriegsgefangenschaft. Klara arbeitete in einer Fabrik, Sprudelwasser, stand am Band, „in der Landwirtschaft war nicht mehr so viel möglich“.

Der Wohnwagen zu Füßen der Berge. Hier fühlen sich die drei Camper wohl.

Vor zwei Jahrzehnten starb ihr Mann, seitdem ist die alte Dame alleine, auf sich gestellt. Zehn Jahre schmiss sie ihren Single-Haushalt, mit 90 Jahren holte die Tochter die Mutter zu sich nach Hause. Die Tochter kocht, die Mutter isst, zwar nicht viel, aber regelmäßig, Marie Langheinz wäscht ihre Mutter, die jeden Tag um sechs Uhr morgens aufsteht, frühstückt – die Tage ähneln sich, das sei nicht schlimm, diese Tatsache ist dem Alter geschuldet. Einen kleinen Garten hat die Jubilarin dort, bei der Tochter, den sie liebevoll pflegte, solange sie konnte. Heutzutage geht das nicht mehr. „Ich sitze draußen auf der Bank“, sagt Klara Schwarz, schaut in den Himmel. Lesen, was sie früher sehr gern tat, klappt nun nicht mehr. Die Augen spielen nicht mehr mit. Auch das Häkeln, einstmals große Leidenschaft, Fehlanzeige – wegen der Finger, schwer gezeichnet von der Knochenkrankheit.

Alles, was der mit einem Lächeln gesegneten Dame bleibt, sind die Gespräche mit der Tochter, denn auch das Fernsehen sei nicht mehr möglich. Nichts als bunte Schemen, die da über den Bildschirm flimmern. Sie betrachtet die Landschaft, hier, auf dem Campingplatz „schaue ich mir die Berge von unten an“, sagt sie. Das gefällt ihr, sie hat noch Spaß am Leben, selbst an jenen wenigen Dingen, die ihr noch möglich sind.

„Sie kämpft sich schon durch“, sagt die Tochter, die auf die Frage, ob sie ähnlich gute Gene habe, mit einem Achselzucken reagiert. „So alt will ich gar nicht werden“, sagt sie. „Meine Mutter hat das Glück, dass wir für sie da sind“. Da sie selbst keine Kinder haben, müsse man, sollte ein ähnliches Alter erreicht werden, ins Heim. Das wolle sie nicht, „da sterbe ich lieber früher“, sagt sie bestätigend.

Klara Schwarz, die 100-Jährige, seit 43 Jahren Großmutter, seit 15 Jahren auch Urgroßmutter, ist dankbar, möchte ihren 101. Geburtstag erleben. Schon wieder huscht ein Lächeln über das Gesicht, sie nickt bei der Frage, „ja, den feiern wir“, sagt sie. Nochmals beansprucht sie ihr Langzeitgedächtnis, ein Blick zurück, sie erzählt davon, wie sie damals, lange ist es her, ihr Sparbuch habe abgeben sollen, 17.000 Kronen waren drauf. Eingenäht habe sie es, in ein Federbett. Die einzige Chance, es behalten zu dürfen. „300 Mark habe ich später dafür erhalten“.

Derartige Geschichten sind es, die das Leben von Klara Schwarz ausmachen. Die Vergangenheit erscheint klar vor ihren Augen, Geschichten, Anekdoten, Erlebnisse und Geschehnisse aus vergangenen Tagen, wo das Leben – auf seine Weise – noch einfacher war. Klara Schwarz ist eine starke Frau. An den Tod denkt sie noch nicht. Erst hat sie Geburtstag, im November, ein Feiermonat. Der nächste große Höhepunkt der alten Dame.

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